Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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"Stirbt der Wurm am Herzen!" fiel Anton Ripen
ein.

Emmerich umklammerte feſter die Geliebte und ſank
ſterbend zurück. Margaretha wurde ohnmächtig aus
den Armen des Todten auf ein Bett getragen. Dieſer
aber erhielt, ſeinem Wunſche gemäß, ein Grab dicht
neben ſeinen Eltern, und bei der Beerdigung ſchwirr-
ten des Todtengräbers leiſe Liedertöne trauernd durch
die Morgenluft.
Obgleich Margarethens Gatte ſie nie durch einen
Vorwurf verletzte, kränkelte ſie doch von dieſem Tage
an unaufhörlich, ſelbſt der Rückblick auf ihre Kinder
vermochte ihr fliehendes Leben nicht mehr zu feſſeln,
und ſie war die Letzte, welche von Anton Ripen's wohl-
thätigen Händen zur ewigen Ruhe ſanft gebettet wurde.

Die Nagglmaiern.

Mit ſchrillem Schrei, ein neuer Vogel Phönir, er-
ſtanden aus Erzſchlacken und Aſche, ſauſt die Lokomo-
tive durch die einſt unwirthliche Wildniß, fort über
Berg und Abgrund, Thal und Gewäſſer, Schlucht und
Ebene, vom Atlanti zum Pacifie, ſie iſt bewimpelt mit
den Sternen und Streifen, und der helle Schrei, der
aus den wehenden Falten auftönt, klingt mir ins Ohr:
"Frei, frei, frei!" Auf allen Meeren flattert Achtung
gebietend dieſes Symbol der Bürger-Freiheit.
Auf Strömen und Seeen, auf tauſend Land-, Waſ-
ſer- und Eiſenſtraßen webts und wimmelts wie beim
Ameiſen- oder Bienenvolk in raſtloſer Thätigkeit. Und
weiter, immer weiter, öffnet das Land uns ſeinen
Schooß und ſchüttet aus ihm die Reichthümer der Erde.
Hier bettelt nur, wer betteln will. Und dieſes
Land wird nicht gelenkt von Königen und hoch gebo-
renen Herren, nicht beſchützt von mächtigen ſtehenden
Heeren, nicht regiert von einem wohl gegliederten und
geſchulten Beamtenſtand, es wird nicht regiert von
Oben, es wird möglichſt gar nicht regiert, es entbehrt
den ganzen Beglückungsapparat europäiſcher Völker.
und doch wächſt es, mehrt ſich und gedeiht es.
Staunend blicken die Völker nach der wieder er-
ſtandenen Atlantis und fragen:
"Wer hat dies Alles hervorgebracht? Wer iſt der
Zauberer?"
Die Freiheit iſt's, die Unabhängigkeit iſt's,
die keines Menſchenſohnes Entwickelung und Streben
einengt.
Mit mitleidigem Achſelzucken mögen die Kinder ei-
ner altförmigen faſt ſchablonenhaften und überfeinerten
Cultur auf den Mann der großen weſtlichen Jnſel Ame-
rika's und ſeine rauhen, oft ungeſchlachteten Manieren
blicken und mit den Fingern deuten auf Ausbrüche von
Roheit und Zügelleſigkeit, da und dorten. Wo Men-
ſchen wohnen, wohnen der Menſchen Leidenſchaften.
Der Unterſchied zwiſchen hüben und drüben iſt nun
der:
Hier tobt die Leidenſchaft im Freien, und kommt
vor aller Augen.
Drüben iſt ein Schleier über die Fäulniß gedeckt.
Der Pöbel New orks, auch wenn er nicht ein
Geſchenk der alten Welt, iſt nicht ſchlechter, nicht gräu-
licher als der Pöbel der großen Menſchen Centren Eu-
ropas.
Trotz alledem und alledem wandeln wir hier lie-
ber unter den Sternen und Streifen, als unter allen
Tricoloren königlicher Macht und Pracht, monarchiſcher
Ordnung und Unordnung, wir ſouveräne Mitglieder des
ſouveränen Volks.
Wohl ſind Einzelne, welche des Mammons hinläng-
lich zuſammengekratzt, wieder gezogen nach der alten
Welt, und haben von dorten Verdammungsworte über
dies Land und ſeine Leute ausgeſchleudert, und wie
man ſich ganz anders fühle unter glatten Herren, ſchö-
nen Frauen, feinen höflichen Manchetten, unter könig-
licher Polizei und kaiſerlicher Hoheit. Allein zu Eurem
Troſte ſei es geſagt, meine Freunde, daß die, welche
zur Freude jenes europäiſchen Büttels und Bettelvogts

Fortſetzung
der Rede
Hecker's:
Und an dieſem
Geburtstage
der amerika-
niſchen Repu-
blik ſteht es
uns wohl an,
die Wirkun-
gen jenes ſei-
erlichen Ak-
tes der Un-
abhängigkeits-
erklärung in
Betracht und
die Zuſtände
anderer Völ-
ker in Ver-
gleich zu zie-
hen. Zur Zeit
der Unab-
hängigkeitser-
klärung zählte
dieſes Land
eine Bevölke-
rung von
2,800000 Seelen. Das ungeheuere Gebiet war eine
Wildniß, eine Heimath für Wild und Wilde. Heute
zählt dies Volk nicht weit von 40 Millionen und ehe
die Sylveſternacht von 1899 das 19. Jahrhundert aus-
und einläutet, werden 80 - 100 Millionen Republika-
ner dieſen Tag feiern.
Ein Schauer läuft der Wirbelſäule des Königthums
und ſeiner Diener entlang.
"Hundert Millionen Nepublikaner, eine furchtbare
Propaganda, mein hoher, mein kaiſerlicher Herr, was
ſoll aus uns werden!" ſtammeln die Diener.
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