Heidelberger Volksblatt — 4.1871

Page: 273
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1871/0275
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
273

Beute verbürgten und die, ſonſt milde und nachſich-
tig, nur die Fahnenflucht und den Ungehorſam mit
Strenge und Härte beſtraften. Bald zeigten ſich die
Wirkungen einer ſolchen auf einen Militär- oder Fli-
buſtierſtaat berechneten Organiſation. Raſch wuchs jetzt
das Koſakenvolk an Zahl und Kraft und bald ver-
mochte es ein anſehnliches Heer aufzuſtellen, denn es
rekrutirte ſich aus entlaufenen Bauern der ruſſiſchen
und polniſchen Grenzprovinzen, die in dem Freiſtaate
Aufnahme ſuchten und fanden. Man muß ſich nur die
Zuſtände in beiden Reichen vergegenwärtigen, um die-
ſes maſſenhafte Zuſtrömen erklärlich zu finden. Jn
Rußland wie in Polen regierte die Knute; der Bauer
war dort kein Menſch, ſondern ein Stück Vieh in der
Hand ſeines Herrn. Prügel und, wenn es dem Ge-
bieter gefiel, auch Todſchlag ſtanden ihm bevor, denn
der an einem Bauer begangene Mord koſtete dem pol-
niſchen Edelmann eine Strafe von dreißig Thalern,
während der Jude im Preiſe höher ſtand, denn für ihn
mußte eine Buße von ſechzig Thalern entrichtet wer-
den. Auf dieſe Weiſe ergriff die armen geplagten
Leute ſchließlich die "Koſaken-Verzweiflung;" ſie ließen
ihre Schulden beim Juden im Stich und flüchteten ſich
nach der Ukraine, wo ſie ſicher waren, ein freies und
luſtiges Leben bei der gemachten Beute zu finden, oder
ſich wohl auch als Viehzüchter und Bodenbebauer ein
genügendes Auskommen zu verſchaffen, denn die Nie-
derungen längs des unteren Dnepr gehören zu den
fruchtbarſten Gegenden Europa's. Man würde ſich
übrigens im Jrrthum befinden, wenn man ſich die Ko-
ſaken im Kriege nur als Reiter denken wollte. Ur-
ſprünglich waren es Jnfanteriſten, die unter dem
Schutze einer viereckigen Wagenburg - Tabor ge-
nannt - kämpften, hinter welche ſie ſich beim Anprall
der Tartaren zurückzogen, und von wo aus ſie dann
ihre Feinde mit einem Hagel von Flintenkugeln begrüß-
ten, oder auch wohl im geeigneten Augenblick vorſtürz-
ten, um deren Reihen zu durchbrechen. Aber auch als
kühne Schiffer zeichneten ſie ſich aus. Mit ſeinem ge-
brechlichen Nachen ſetzte der Koſak nicht allein über die
dreizehn, mitunter acht Fuß hohen Waſſerfälle des
Dnepr, ſondern er wagte ſich auch in die offene See
nnd beunruhigte als Pirat die Küſten des ſchwarzen
Meeres. Ein ſolches Schiff, ein roh zuſammengezim-
merter Kahn von ſechzig Fuß Länge und etwa fünf-
zehn Fuß Breite - Tſchaike genannt - hatte eine
Bemannung von fünfzig bis ſechzig Perſonen, von de-
nen immer zwölf ruderten, und die ſich mit ungemei-
ner Schnelligkeit fortbewegte. Zu ihren Zügen wähl-
ten die Koſaken dunkle Nächte; in ſolchen Nächten
ſchwammen dann achtzig bis hundert Tſchaiken in ge-
ſchloſſenen Reihen den Dnepr hinab und ſuchten die
Küſten von Bulgarien, Rumili und Kleinaſien heim,
odex überfielen wohl auch noch lieber die türkiſchen
Kauffahrer denn dort waren ſie ſicher, ſtets reiche Beute
zu finden.

Die Geſchichte der Koſaken beginnt mit dem Zeit-
punkt, wo die Tartaren ihre großen Raubzüge gegen
die Grenzprovinzen des damaligen polniſchen Reiches
machten. Jährlich, im Winter, ſammelte ſich nämlich
am tauriſchen Jſthmus bei Perekop das Heer der Khans
von der Krim. Jeder Tartar brachte außer ſeinem
Reitpferde noch zwei bis drei Handpferde mit und für
die zu machenden Gefangenen hielt er außerdem noch
ein halbes Dutzend neuer lederner Riemen in Bereit-
ſchaft. So bewegte ſich die ſogenannte "goldene Horde"
in der Stärke von 80,000 Mann mit 200,000 Pfer-
den mit reißender Schnelligkeit in der Breite von ſechs
Meilen nach Weſten, indem ſie den Dnepr überſchritt,
die Steppe durcheilte und plötzlich zum Schrecken der
Bewohner mitten in Podolien und Volhynien erſchien.
Methodiſch wurde dann der Raub an Menſchen und
Thieren vollzogen; man ſchloß nämlich die Dörfer, auf
welche es abgeſehen war, in ein großes Viereck ein,
dann rückten die Tartaren von allen Seiten gleichmä-
ßig vor, bemächtigten ſich ihrer Beute, und ehe der
polniſche Landſturm Zeit hatte, ſich zu ſammeln und
in hinlänglicher Stärke zur Hülfe herbeizueilen waren
die Räuber längſt davongeelt und befanden ſich mit
ihrem Raube bereits in Sicherheit. Ein ſolcher Tar-
tarenzug dauerte in der Regel nicht länger als vier-
zehn Tage, aber dieſe Zeit genügte, um fünfzigtauſend
Menſchen wegzuführen und dreißig Meilen vollſtändig
zu verheeren. Die Gefangenen wurden dann gegen
Waffen, Kleider und Pferde an die in reichlicher Zahl
in den Häfen der Krim ſich einfindenden Sklavenhänd-
ler verkauft, und hatte ein Tartar gerade keine Skla-
ven im Vorrath, ſo ſchloß er mit dem Händler für
den nächſten Raubzug ein Lieferungsgeſchäſt und er-
füllte jedesmal ſeinen Kontrakt, denn Polen lieferte
ihm die Waare und beſonders der Grenzſtrich am un-
teren Dnepr, die "u Kraine" (an der Grenze), bot
dazu ein ergiebiges Feld. Aber hier ermannten ſich
auch die Vewohner zuerſt gegen dieſe furchtbaren Hor-
deu. Wollten ſie nicht ganz vertilgt werden, ſo muß-
ten ſie ſchließlich doch auf ihre Rettung Bedacht neh-
meu. Da wo der Dnepr unterhalb der Stadt Tſcher-
kaſſy über Klippen fließt und eine Reihe von Waſſer-
fällen und Jnſeln bildet, auf dieſen zum Theil mora-
ſtigen, zum Theil felſigen, nur ſchwer zugänglichen Ei-
landen ſammelten ſich die zunächſt wohnenden Ukrai-
ner und fuchten nun den Tartaren Gleiches mit Glei-
chenm zu vergelten, indem ſie erſt zu kleineren, dann zu
größeren und weiteren Raubzügen auszogen. Da ſie
8a Porogi, das heißt, an den Waſſerfällen, wohnten,
ſo erhielten ſie bald den Namen die "Saporoger", wo-
gegen ſie von den Tartaren einfach "Koſaken," alſo
"Räuber," genannt wurden.
Jm Jahre 1520 fand ſich unter ihnen ein Führer,
Namens Daskowitſch, welcher es verſtand, dieſe
Banden zu organiſiren und zu discipliniren. Er theilte
die Koſaken in Kompagnien und in Regimenter, ver-
wandelte ihre unzugängliche Jnſel in einen Waffenplatz
und gab ihnen beſtimmte Geſetze, welche die freie
Wahl ihrer Offiziere und die gleiche Vertheilung der

(Fortſetzung foigt.)
loading ...