Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Stickerei in die Hand nahm, Alles iſt bereit, Dich zu
hören. - Mit milder Freundlichkeit nahte ſich Ma-
dame Firmin ihrer Tochter, als wollte ſie ihr beim
Niederſetzen vor das Pianoforte behüflich ſein, und
ſagte ihr in's Ohr: Wenn Du dumm thuſt, ſo ver-
ſichere ich Dich, daß ich morgen Naide kommen laſſe.
- Dieſe Worte wirkten auf Julietten wie ein elektri-
ſcher Schlag, ſie zögerte keinen Augenblick mehr, ſon-
dern entlockte dem alten Jnſtrumente ſeine ſchwachen
und heiſern Töne; ſie wußte kaum, wohin ſie ihre Fin-
ger ſetzte, die linke accompagnirte immer wie eine don-
nernde Batterie und die rechte ſchweifte auf gut Glück
umher. Durch den fleißigen Gebrauch des Pedals und
dadurch, daß ſie ſich keine Bewegung verdrießen ließ,
gelang es dem armen Mädchen, ihre Mutter zufrieden
zu ſtellen, und in der That machte ſie nicht wenig Ge-
räuſch. Während dem ſchlug Madame Firmin den Takt
mit dem Fuße und mit dem Kopfe, Madame Deschanps
war entzückt und applaudirte, der junge Mann verän-
derte keine Miene und Juliette weinte vor ihrem Pulte,
denn zum erſten Mal in ihrem Leben ſah ſie ein, daß
ſie ſehr unwiſſend war, und daß man ſie lächerlich
machte.
Als drei falſche Accorde dieſes glänzende Muſikſtück
beſchloſſen hatten, verließ das junge Mädchen, noch im-
mer die Augen niederſchlagend, das Pianoforte, und
ſetzte ſich, gleich als wollte ſie aller Blicke ausweichen,
in einiger Entfernung nieder. - Aber warum ent-
ſernſt Du Dich? Juliette? ſagte die unerbittliche Ma-
dame Deschamps, ſo wohlfeilen Preiſes kommſt Du
nicht davon, mein Töchterchen, jetzt mußt Du uns et-
was deklamiren; nicht wahr, mein Herr? - Der
Fremde, welcher ſeine Gefälligkeitsrolle nun bis zu Ende
geſpielt zu haben glaubte, und ſich ſchon nach ſeinem
Hute umſah, antwortete gegen ſeinen Willen: Es würde
mir Vergnügen machen, wenn Fräulein es thäten. . .
Wohlan, meine kleine Schöne, wohlan, redete die gute
Dame, durch die ermunternden Blicke, Zeichen und
Fußtritte der Madame Firmin unterſtützt, ihr zu,
gieb uns etwas recht Schönes zum Beſten; den Traum
Athaliens z. B., oder Phädra's Liebeserklärung an
Hyppolit.

konnte. Es war zum Erbarmen, wie das junge Mäd-
chen einmal über das andere roth wurde.
Obgleich Herr Raymond weit entfernt war, zu ver-
ſtehen, was für eine Feinheit darunter verborgen war,
ſo empfand er doch eine gewiſſe Verlegenheit; es ſchmerzte
ihn, als er ſah, was für eine abgeſchmackte Rolle die-
ſes ſchüchterne und beſcheidene junge Mädchen vor ihm
ſpielen mußte; aber ſein kaltes und theilnahmloſes
Betragen konnte das arme Kind nicht retten; ſie reci-
tirte ſchonden zweiten Vers von der berühmten Jdylle:
Corilas sans témoins entrenait Jsèmne . . .
als ſich ein luſtiges Geräuſch von mehreren Stimmen
an der Thür vernehmen ließ. Jn demſelben Augen-
blicke trat der Abbé Barbeau, gefolgt von einer jun-
gen Perſon von hohem Wuchſe, ziemlich braunem Teint
und liſtigem Weſen, herein.
Bei dieſem Anblicke war Madame Firmin wie ver-
ſteinert; es war die große Conſtanze, die ewige Neben-
buhlerin ihrer Töchter, die der Abbé ſeiner Rachba-
rin, deren Pläne er durchſchaut hatte, zum Poſſen her-
führte. Madame Firmin, die ſich ſtets zu helfen wußte,
fand, als ſie ſich nur von ihrem erſten Schrecken er-
holt hatte, bald ein Mittel, die Bosheit des Abbs zu
gegenminiren. Der Tag neigte ſich und ein Theil des
Salons war ſchon ſehr dunkel. Ein glücklicher Zufall
wollte, daß der Stuhl von Juliettens Mutter gerade
auf dieſer Seite ſtand; durch alle möglichen Höflich-
keitsbezeugungen, Komplimente und Freundſchaftsver-
ſicherungen gelang es ihr, ihre Feindin an ihre Seite
zu ziehen, ſo daß ſie gerade in den am wenigſten be-
leuchteten Winkel zu ſitzen kam, wohin Emil Raymond's
Augen unmöglich dringen konnten, dann kehrte ſie ſich
gegen Madame Deschamps und flüſterte ihr einige Worte
in's Qhr. Jn dieſen Worten lag die Urſache, warum
die Hausherrin, als es immer dunkler im Zimmer
wurde, nicht im Mindeſten Anſtalt machte, Lichter her-
einbringen zu laſſen. Herr Raymond benutzte die
Dunkelheit zu einem Rückzuge, auf den er ſchon lange
geſonnen hatte, und entfernte ſich ohne viel Geräuſch.
Kaum hatte er die Thüre hinter ſich zugemacht, ſo
ſchlug Madame Firmin eine Parthie Whiſt vor, die
auch angenommen wurde, nnd wobei ſie außerordent-
lich heiter war. - Den Abend beim Zubettegehen
ſagte ſie zu ihrer Tochter: Der Spitzbube von Abbö
mit ſeiner Rieſin war doch ſchön betrogen! - Und wir
auch, Mutter, entgegnete traurig Juliette. - Geh,
Du verſtehſt etwas davon, erwiederte die Mutter; der
junge Mann iſt ganz vernarrt in Dich!
(Fortſetzung folgt.)

Nein, meine Liebe, ſagte Madame Firmin in einem
entſcheidenden Tone, in Allem muß eine Stufenfolge
ſein, Juliette muß ihre Mittel ſparen; das Leiden-
ſchaftliche und Schreckliche kommt ſpäter. Wir wollen
mit etwas Sanftem und Jdylliſchem den Anfang ma-
chen. Jch ſchlage eine Jdylle, eine ſcharmante Jdylle
von Fontenelle vor:
Zur la fin d'un beau jour, au bord d'une fontaine . . .
Ach ja, entgegnete Madame Deschamps, Jsmene
und Corillas; ich kenne ſie auch und dabei deklamirte
ſie:
Main n'ayons pas d'amour, il est trop dangereux!
Das iſt ein hübſcher Vers! fügte ſie hinzu; er ent-
hält auch einen guten Rath für Sie, junge Leute, und
bei dieſen Worten brach ſie in ein ſchallendes Geläch-
ter aus, von dem ſie ſich gar nicht wieder erholen

Zur Geſchichte der Koſaken.
(Fortſetzung)
Aber ganz einem ſolchen Freibeuterleben gemäß
ſuchte der Koſak dann auch ſeine in Sicherheit gebrachte
Beute in der nächſten Küſtenſtadt ſobald wie möglich
wieder an den Mann zu bringen. Er vertauſchte die-
ſelbe gegen prächtige Kleider, denn er liebte den Putz,
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