Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 70.

Samſtag, den 2. September 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1D kr, Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Der Sohn des Millionärs.
(Fortſetzung.)

ſie ein lebhaftes Verlangen empfand, Emil, der ſo
kalt gegen ſie war, wiederzuſehen; aber mit der Liebe
war auch der Stolz in ihr Herz eingezogen. Was
Herrn Raymond betraf, ſo hatte ein niedliches, ſo ver-
kehrt erzogenes Mädchen der Provinz, obſchon er ge-
gen äußere Reize nicht ganz unempfindlich war, doch
zu wenig Jntereſſantes für ihn, als daß ſie ihn auch
nur einen einzigen Tag hätte beſchäftigen können und
den Tag nach dem Diner dachte er weder an Fräulein
Firmin, noch an ihre Mutter mehr.
Obgleich Madame Firmin ernſtlich unruhig wurde,
ſo verlor ſie doch den Muth nicht: Es muß ein Haupt-
ſtreich ausgeführt werden, ſagte ſie eines Morgens
bei ſich und lief hinüber zu ihrer Nachbarin. - Ma-
dame Deschamps, ich vereiſe und überlaſſe Jhnen Ju-
liette; dieſe Langſamkeit bringt mich um; ich habe noch
für drei andere Töchter zu ſorgen und es wäre unbil-
lig, meine ganze Zeit mit dieſer zu verlieren.
Was! ſchrie Madame Deschamps, welcher Einfall!
ich verſtehe Sie wohl nicht recht.
Und doch iſt es ganz klar, liebe Freundin; ich
vertraue Jhnen Juliette zur Beaufſichtigung an, wäh-
rend ich gehe und Naide's Heirath zu Stande bringe;
es kommt nach Moulins ſo eben ein Regiment, deſſen
Oberſter unverheirathet iſt, und Sie würden es gewiß
ſelhſt bedauern, wenn wir dieſe gute Gelegenheit vor-
beigehen ließen.
Aber Madame Firmin, warum wollen Sie Juliette
bei mir laſſen?
Damit ſie den ganzen Tag, früh und Abends, in
Emil Raymond's Nähe iſt, damit er ihr im Hofe, auf
der Treppe, im Garten, im Garten beſondes, darauf
mache ich Sie vorzüglich aufmerkſam, begegnen könne;
die friſche Luft nnd das Grün üben immer einen gro-
ßen Einfluß aus auf die jugendlichen Gemüther! . .
Die Kleine hat ſchöne Augen, und ich wette, ehe drei
Tage . . .
Juliette mir über dem Halſe zu laſſen! wieder-
holte Madame Deschamps unwillig; aber dieſe Klau-
ſel war nicht mit in unſerer Verabredung, ich
meine . . .
Die gute Dame fürchtete ſich vor der Verantwort-
lichkeit, die ſie auf ſich nehmen ſollte und noch mehr
vor dem Zuwachſe an Ausgaben, die dieſer neue Haus-
und Tiſchgenoß ihrem Haushalte verurſachen würde.
Meine liebe Nachbarin, ſagte Madame Firmin in
einem weichen Tone, nachdem Sie ſo viel für uns ge-
than haben, laſſen Sie uns nicht im Stiche, ich be-

Die nächſten vierzehn Tage ließen die beiden Nach-
barinnen kein Mittel unverſucht, um ein zweites Zu-
ſammentreffen herbeizuführen; aber alle ihre Liſt und
Mühe war vergebens. Außer den Badeſtunden und
der Zeit zum Spazierengehen hielt ſich Herr Raymond
hartnäckig auf ſeine Zimmer verſchloſſen; man hätte
glauben mögen, er ſei auf ſeiner Hut, denn immer
wußte er, den Einladungen ſeiner Wirthin auszuwei-
chen. - Er iſt ein Philoſoph! ſagte eines Tages die
alte Hausbeſitzerin. - Nein, nein, meine Liebe, ant-
wortete die Mutter mit einer Zuverſicht, die ſie in ih-
rem Jnnern nicht im Entfernteſten theilte, er iſt ver-
liebt, ſehr verliebt. Haben Sie nicht geſehen, wie er
in die Höhe blickt, wenn er im Garten, im Hofe iſt,
ja, ſelbſt auf offener Straße? Seine Augen ſind faſt
immer gen Himmel gerichtet. - Madame Deschamps
konnte ſich des Lachens nicht enthalten: Ah, meine
liebe Nachbarin, da irren Sie ſich; wenn dieſer junge
Mann die Naſe hoch in der Luft trägt, ſo geſchieht es
nicht wegen Julietten, meine arme Madame Firmin;
leider thut er es nicht ihretwillen, ſondern um meines
Hauſes willen, das er von der Feuereſſe bis zur Schwelle
examinirt; wenn er verliebt iſt, ſo iſt er es in meine
hiſtoriſchen Manſarden und darüber kann ich gar nicht
böſe mit ihm ſein. - Madame Firmin konnte nur
mit Mühe einen Ausbruch übler Laune zurückhalten,
und die beiden Nachbarinnen trennten ſich achſel-
zuckend, und jede ſagte bei ſich über die andere: Sie
rappelt!
Unterdeß wurde Juliette wider ihre ſonſtige Ge-
wohnheit ſtill und nachdenklich, und hatte öfters ſchlaf-
loſe Nächte; die Erinnerung an den Fremden, an ſeine
ſanfte Stimme, ſeine großen, ſchwarzen Augen, war
nicht wieder aus ihrem Herzen gewichen, und mit ih-
rem Träumen ging ihre kindliche Heiterkeit verloren;
kurz, ſeit jenem fatalen Diner, wie ſie es nannte, war
in ihrem Jnnern eine gänzliche Revolution eingetre-
ten; ſie ſah jetzt das Verfahren und die Pläne ihrer
Mutter in ihrem eigentlichen, wahren Lichte; ſie ge-
lobte ſich, nicht auf dieſelben einzugehen, und ſie ſo-
gar entſchloſſen zu vereiteln. Sie ließ ſich nicht ohne
Widerſtreben zu Madame Deschamps führen, obſchon
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