Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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der Oberſt war auch ein Betrüger; den andern Tag
erfuhr ich, daß er verheirathet war.
Aber Thereſia, ſagte die alte Dame, die die Pflich-
ten einer Tröſterin nach beſtem Gewiſſen zu erfüllen
gedachte, Thereſia! . ..
Ach, ſprechen Sie mir davon gar nicht mehr, die
Couſine befindet ſich ſo gut, wie Sie und ich, die hat
Luſt, ſo lange zu leben, wie Methuſalem. Es iſt ge-
rade, ols ob mich das Geſchick verfolgte. Und dazu
nach ſo ſchönen Hoffnungeu! . . . Ach mein Gott, mein
Gott, es wäre kein Wunder, wenn man den Kopf ver-
löre.

Einen Monat darauf feierte Herr Emil Raymond,
ein in der gelehrten Welt durch ſeine archäologiſchen
Arbeiten bekannter Schriftſteller, ſeine Hochzeit in Bour-
bon, uud den Tag nachher kehrte der Reiſewagen, der
zu ſo viel Muthmaßungen Veranlaſſung gegeben hatte,
nach Paris zurück, aber diesmal mit zwei Perſonen.
Der junge Alterthumsforſcher hatte, als er ſich in ein
Haus aus dem fünfzehnten Jahrhundert einquartierte,
in ſeinem Glücke nicht im Entfernteſten geahnet, daß
noch mächtigere Reize, als die der Bauart des Mittel-
alters, darin auf ſeine Einbildungskraft wirken wür-
den. Das Ereigniß machte den allgemeinen Gegenſtand
der Unterhaltung in der kleinen Stadt aus, als ein
Paket mit der Adreſſe der Madame Deschamps auf
der Diligence aukam. Ach! rief die alte Dame freu-
dig aus, das iſt mein Kuppelpelz! Ein Shawl, ein
franzöſiſches Cachemir! Herr Raymond macht ſeine
Sachen vortrefflich! Wahrhaftig, für einen Schriftſtel-
ler! . . .

Meine Liebe, ſagte Madame Firmin, ſie unterbre-
chend, brauchen Sie dieſes Wort nicht, wenn Sie von
meinem Schwiegerſohne ſprechen. Rath iſt ſein Titel;
und ich muß Jhnen ſagen, daß er auf dem Wege iſt,
Miniſter zu werden . . . Man ſchreibt es mir von al-
len Seiten.

Ein vernichtetes Kaiſerſchloß,

Von Ludwig Pietſch.
(Fortſetzung.)

Madame Deschamps hatte keinen Troſt mehr, ſie
ſeufzte mit ihr, als ihre Augen zufällig auf Emil's
Brief fielen, an den ſeit dieſer ſchrecklichen Scene Nie-
mand mehr gedacht hatte. - 4 propos, ſagte ſie, da
iſt ein Papier, das der junge Mann, der, wenn er
gleich nicht iſt, was wir dachten, doch wahrhaftig gute
Manieren hat, mir einen Augenblick vor Jhrer Ankunft
übergeben hat; ſehen Sie doch, was er ſagt, denn ich
habe meine Brille nicht bei der Hand.
Madame Firmin öffnete das Papier mit einer ge-
ringſchätzigen Miene; aber faſt in dem nämlichen Au-
genblicke heiterte ſich ihr Geſicht auf, und ſie brach in
folgende Ausrufungen aus: 30,000 Franken in liegen-
den Gründen! 5000 Franken Gehalt! Ober-Studien-
Rath! Er iſt intereſſant, dieſer junge Mann; er iſt
weit beſſer, als ich glaubte.
Entzückt vor Freuden ſprang Juliette auf, und
wollte ihrer Mutter um den Hals fallen; aber dieſe
ſtreckte die Hand aus und nöthigte ſie, ſich wieder nie-
derzuſetzen. -
Einen Augenblick, Fräulein, einen Augenblick; noch
theile ich Deinen Enthuſiasmus nicht: die Sache iſt
wichtig, laß mich ſie reiflich überlegen. - Und ſie nahm
ihr Selbſtgeſpräch wieder auf: Rath! das iſt recht gut,
aber mich ärgert, daß Studien dabei ſind; das erin-
nert zu ſehr an den Schulmonarchen. Rath, kurz weg,
wäre mir weit lieber; da ließ ſich darunter denken
Steuer-Rath, Oeconomie-Rath, Poſt-Rath und wer
weiß, was Alles. Es iſt ſchade!
Wahrhaftig, das iſt ſchade, ſagte Madame Des-
champs; aber berechnen Sie nur: 30,000 Franken ge-
ben 1500 Franken Revenüen; die Stelle trägt 5000,
macht zuſammen 6500. Unter uns, Nachbarin, Sie
wiſſen, daß man damit zum wenigſten leben kann.
Davon iſt nicht die Frage, entgegnete Madame
Firmin, es handelt ſich nicht . . Aber ſie konnte die-
ſen Gedanken nicht vollenden; ihre Tochter hielt ſie
mit den Armen umſchlungen, und überhäufte ſie mit
Liebkoſungen.
Liebe Mutter, höre auf nichts, als Dein Herz; ſage
ja, Du wirſt ja ſagen, ich ſehe es Dir an Deinen Au-
gen an.

Wie die Art an die Stämme, die Hacke der Pio-
niere an den Raſen, ſo wurde die Sprengmaſſe in das
gar zu weit ſichtbare markante Wahrzeichen, jene "La-
terne", gelegt, und eines Morgens flog ſie krachend in
die Luft, die Raſenfläche weithin mit dem fortgeſchleu-
derten Hagel ihrer zerriſſenen Bruchſteine, mit Eiſen-
und Glasſplittern beſtreuend. Jn den bombenſichern
Kellern des Palaſtes quartierten ſich die Bataillonsſtäbe
der in den Park kommandirten Arbeits- und Verthei-
digungstruppen ein, um immer nach vier Tagen wie-
der von den Kameraden anderer Regimenter abgelöſt
zu werden. Unter den ſchattigen Wipfeln des Parks,
zwiſchen den heitern Marmorbildern und den Kübeln
der mächtigen alten Orangenbäume, um die Baſſins
der Fiſchteiche, deren Waſſerkünſte verſiegt waren, auf
dem berühmten "Spielplatz Lulu's" neben dem Schloß
längs der nördlichen Gartenterraſſe, zum irreparabeln
Verderben ſeiner zierlichen kleinen Spieleiſenbahn mit
ihren Tunnels, Bahnhöfen, Viadukten, Maſchinen 2c.
und in der rieſigen kahlen Halle des welthiſtoriſchen
Orangeriegebäudes, dem alten Sitzungsſaal der Fünf-
hundert und dem Schauplatz ihrer Zerſprengung, des
Staatsſtreichs des erſten Bonaparte vom 18. Brumaire,
in des Wege- und in des Eiſenbahntunnels grabeskal-
ten, finſtern, von eiſigem Zugwind durchwehten Ge-
wölben, - überall ſchlugen unſere Musketiere ihre zi-

Madame Firmin wurde von dem Muttergefühle
überwältigt, ſie ſtrengte ſich an, das ſo gewünſchte
Wort auszuſprechen; aber es erſtarb ihr auf den Lip-
pen, und man hörte nichts, als einen Seufzer.
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