Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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rührt. "Auch
zuletzt noch
ünf Jahren

Dankſagungen und auf die Thräne im Auge des Ge-
retteten zu achten, "Sie haben zu feuriges Blut und
zu wenig Contenance. Und ſo verließ er den Saal.
Robert folgte dem Greis. - "Mein Herr," ſagte
er, "wer Sie auch ſein mögen, Sie ſind mein Schutz-
engel. Jhre Geſtalt iſt mir nicht fremd, und ſo oft
ich Sie erblickte, ſagte mir mein Herz, daß Sie mir
mehr wären, als Sie ſchienen. - Was ich in unſeliger
Verblendung Preis gab, iſt faſt Alles, was ich noch
mein nennen kann von einem nicht unbeträchtlichen,
durch Unfälle mancherlei Art zerrütteten Vermögens,
beſtimmt, mich und meine Gattin über das Meer da-
hin zu führen, wo ſich uns neue, glücklichere Ausſich-
ten eröffnen. Urtheilen Sie ſelbſt, was mein Herz für
Sie empfinden muß; urtheilen Sie ſelbſt, ob ich mich
beruhigen kann, wenn Sie mich nicht hinbegleiten zu
meinem Weibe. Jch will ihr ſagen, was ich Jhnen
verdanke, will ihr meine ſtrafbare Unbeſonnenheit ge-
ſtehen und feierlich das Gelübde in ihre Hände legen,
nie wieder eine Karte am Pharaotiſch zu berühren."
"Wohl," erwiederte der Greis, "unter dieſer Be-
dingung begleite ich Sie."
Nur wenige Gaſſen und ſie waren in Roberts Woh-
nung."
Schon beſtürmten die ängſtlichſten Gedanken das
Herz der liebenden Gattin über das ungewöhnliche
Ausbleiben ihres Mannes; ſchon war ſie entſchloſſen,
ihre Beſorgniſſe ihrem Wirthe mitzutheilen, als zu ih-
rem Erſtaunen Robert mit dem Greiſe hereintrat, den
ſie auf den erſten Blick für denſelben erkannte, für wel-
chen ihr Herz ſo unerklärlich ſprach. Aber welcher
Schauer durchbebte ſie, als ſie aus dem Munde des
Gatten die Begebenheit der verfloſſenen Stunde ver-
nahm, die mit grenzenloſem Elende ſie bedrohet hatte;
und welche Gefühle des Dankes und der Ehrfurcht er-
füllten ihre Bruſt für ihren Retter, Gefühle, welche
durch das ſcheinbar Unerklärliche in dieſer Rettung nur
noch mehr verſtärkt wurden. Es fehlte wenig, daß der
Greis den beiden Gatten nicht als ein höheres Weſen
erſchien und daß ſie zu ſeinen Füßen ſanken. Robert
ſprach das Gelübde aus, ſich nie wieder zum Spiele
hinreißen zu laſſen und der Greis ſuchte ihn darin zu
beſtärken, indem er ihm aus ſeiner Erfahrung uehrere
Beiſpiele anführte, wie die hoffnungsvollſten Jünglinge
bei ähnlichen Gelegenheiten zu Grunde gegangen."
"Uebrigens," ſetzte er hinzu, "hat mein Rath eben
ſo viel Wunderbares nicht. Die Art, wie Sie ſpiel-
ten, erregte meine Aufmerkſamkeit; ich ſahe, daß Sie
die Beſinnung verloren hatten, und Jhr ſichtbares Zit-
tern ließ mich ahnden, daß die Summen Jhnen wahr-
ſcheinlich nicht entbehrlich wären. Jch erinnerte mich,
Sie auf dem Walle mehrere Male geſehen zu haben,
trat hinter Sie; ich kenne das Spiel, wie man es nur
immer kennen kann, und der Zufall wollte, daß ich mich
dieſes Mal nicht täuſchte."
"Die Vorſehung!" ſagte die Frau.
"Auch das," erwiederte er, "wie Sie wollen; denn
freilich hätte es auch fehlſchlagen können."
"Und ich wäre gränzenlos elend geweſen," rief

Robert; "vielleicht hätteſt Du mich nie wieder geſehen,
Marie!"
Sie ſchlang bebend ihre Arme um ihn und vermiſchte
ihre Thränen mit den ſeinigen.
Als die Gefühle weniger ſtürmten, wandte ſich das
Geſpräch auf gleichgültigere Gegenſtände. Der Greis
ſchien ſich für das Pärchen zu intereſſiren; es that ihm
wohl, da er hörte, daß er ſchon ſeit Monaten ihre
Theilnahme beſchäftigte. - So war denn die Frage
ganz natürlich, wo ſie her wären.
"Jch bin aus Braunſchweig," antwortete der Mann
"und ich aus Danzig," die Frau.
"Aus Danzig?" verſetzte der Greis. "Jch kenne
dieſen Ort ſehr genau. Haben Sie ihn ſchon lange
verlaſſen?"
"Seit meiner früheſten Kindheit; ich ging mit mei-
nen Eltern nach Rußland."
"Nach Rußland?" ſagte er ſichtbar
dort war ich, vor nun bald zehn Ja
in Petersburg, dann in Liefland, und
halte ich mich hier in Lübeck auf."
"Vor zehn Jahren?" erwiederte Madame Robert
"Ach! ich erinnere mich noch ſehr genau, gerade damals
hörte ich, daß mein Vater todt ſei, in einem Duell er-
ſtochen."
"Jn Rußland?" fragte der Greis.
"Nein, in Deutſchland," verſetzte ſie. "Jch war
mit meinem Stiefvater nach Rußland gegangen; mei-
nen Vater habe ich ſeit meinem fünften Jahre nicht ge-
ſehen. Aber ſonderbar iſt es, ſeine Züge, ſeine Geſtalt
ſchweben mir immer vor. Jch kann genau ſagen, wo
ich Aehnlichkeit mit ihm finde. So muß ich Jhnen ge-
ſtehen, Jhr erſter Anblick war mir erſchütternd; ich
glaubte, verwandte Züge zu erkennen; in Jhren Jah-
ren würde er ſein, wenn er noch lebte, und ſo unge-
fähr, wie ich Sie ſehe, würde ich mir ihn gedacht haben."
"Sie erwecken in mir bitterſüße Erinnerungen,"
erwiederte der Greis mit einer inneren Bewegung, die
gegen die gewöhnliche Ruhe in ſeinen Zügen auffallend
abſtach. "Jch hatte eine Tochter, die mir in ihrer frü-
heſten Kindheit entriſſen wurde. Ein Elender hatte ſich
in das Herz ihrer Mutter geſchlichen; ich zerriß die
Bande, die mich an ſie feſſelten, und gab meine Toch-
ter in ein Kloſter, wo ich ein anſehnliches Kapital für
ſie niederlegte. Während ich abweſend war, hatte die
Mutter ſich des Kindes und eines großen Theiles des
Kapitales zu bemächtigen gewußt, ſie verband ſich mit
ihrem Verführer und verließ mit ihm und meinem
Kinde ihre Vaterſtadt. Jch kehrte erſt nach einigen
Jahren zurück, ſandte in das Kloſter, und hörte die
traurige Botſchaft. Vergebens waren alle meine Nach-
forſchungen, ſie waren mit einem engliſchen Schiffe ab-
gegangen und keine Spur war aufzufinden, wohin.
Erſt nach zehn Jahren brachte mir ein Ungefähr die
Kunde, daß ſie in Petersburg lebten, und meine Toch-
ter bei ihnen unter dem Namen ihres Stiefvaters. Es
fand ſich eine Gelegenheit dahin, die Herzogin von H. B.
wählte mich zu ihrem Begleiter auf der Reiſe und dieß
bot mir zugleich eine Ausſicht für das anſtändigere Un-
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