Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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daher mein Vermögen auf Leibreuten belegt, und bin
nicht im Stande, Kinder, das für Euch zu thun, was
mein Herz wünſchte."
"Wir verlangen nichts von Jhnen, als Jhre Liebe,"
erwiederte Robert mit edlem Selbſtgefühle. "Nun ich
durch Sie die Mittel zu unſerer Reiſe nach Rußland
gerettet habe, wird es uns nicht fehlen."
Sie machten ihn jetzt mit ihrer Lage bekannt, die
nicht ganz hoffnungslos war. Der Greis ſahe zwei
Herzen vereint, welche mit gleichem Muthe die Schläge
des Schickſals erduldeten und ſich in einander glücklich
fühlten, und mit dem ſüßen Vatergefühle verband ſich
Hochſchätzung, die höher ſtieg, je näher er mit den Kin-
dern bekannt wurde.
Nach einigen Wochen erſt erkundigte er ſich nach
dem Schickſale von Mariens Mutter, deren dieſe aus
Zartgefühl bis jetzt nicht erwähnt hatte. Er hörte, daß
ſie vor einigen Jahren ihrem Manne in das Grab ge-
folgt ſei, und ihr Tod benahm dem Gefühle bei ihrem
Andenken ſeine Bitterkeit. Sein Herz war verſöhnt.
- Auch die Schändliche, deren hinterliſtige Bosheit
Vater und Tochter beinahe auf immer hienieden ge-
trennt hatte, war nicht mehr.
Acht Monate blieben die Wiedervereinten bei einan-
der, und ſahen ſich täglich, und gewannen ſich immer
lieber. Jetzt wandelten ſie nicht mehr getrennt auf den
Wällen, wo das Ungefähr ſie erſt zuſammengeführt
hatte und immer war dies bei jedem Spaziergang mit
neuen Ergießungen der Freude der Jnhalt ihres Ge-
ſpräches.
Dieſe ſonderbare Begebenheit konnte nicht ganz un-
bekannt bleiben und es fanden ſich viele der guten und
theilnehmenden Lübecker auf dieſen Spaziergängen ein,
um die ſo wunderbar Vereinigten bei einander zu ſe-
hen. - Was kann des Menſchen Herz zu innigerer
Theilnahme bewegen und was ihm ein entzückenderes
Schauſpiel gewähren, als die Fügungen der Vorſehung,
wenn ſie Bande der Natur, die zerriſſen ſchienen, wie-
der vereint.

Menſchen ein ewig belehrendes und unterhaltendes
Studium. Der Geſichtsausdruck, das Mienen und Ge-
behrdenſpiel und jeder Kopf dazu iſt faſt durchweg eine
ganz beſondere, in ihrer Art neue Abſpiegelung unend-
licher Geſtaltungen des durch die Menſchheit ſich ver-
wirklichenden Geiſtes. Wie offenbart er ſich juſt in
ſolchen Menſchen, die wir kennen, vor uns haben, mit
denen wir ſprechen, wohnen, reiſen, gern oder ungern
umgehen? Das Geſicht, der Kopf, der ganze Körper
geben uns immer mehr oder weniger genaue Antwor-
ten darauf. Nur müſſen wir ſie zu leſen verſtehen.
Beiſpiele:
Bewegliche, ziemlich allgemeine Geſichter ohne feſten
Ausdruck verrathen Sanguiniker leichten Blutes, Sin-
nes, Herzens und Weſens. Feſte Geſichtszüge gehören
dem Choleriker. Das phlegmatiſche Temperament prägt
ſich in breiten, mehr oder weniger verſchwommenen Zü-
gen und Körperhaltungen aus. Der Melancholiker hält
ſich gern etwas vorn vorgebeugt, und blickt unter her-
abgezogenen Brauen hervor, am liebſten in die Luft
oder vor ſich hin und nieder. Freilich treten die Tem-
peramente meiſt gemiſcht auf, ſo daß man ſich an an-
derweitige Erkennungszeichen perſönlicher Eigenartigkeit
der Menſchen halten muß, vor allen Dingen an die
Augen. Ein feſter Blick ſtrahlt Entſchloſſenheit, ein
unſteter Zaghaftigkeit oder auch ſchlechtes Gewiſſen.
Jn dem glänzenden Auge erkennen wir einen lebhaft
thätigen Körper, und die freien Augenſterne leuchten
nur durch innere geiſtige Regſamkeit. Höhere Gefühle
der Andacht, des Entzückens, der Frömmigkeit, Ehrfurcht
und Anbetung heben das Auge nach oben, während ent-
gegengeſetzte Stimmungen, namentlich mißtrauiſche, zur
Niederſenkung der Wimpern zwingen, unter denen dann
hervorgeſchielt wird, um unter dem Schein der Theil-
nahmloſigkeit lauernd auf Beſtätigungen des Zweifels
und Mißtrauens zu jagen. Auſ der Stirne hat oder
macht faſt jedes Geſicht dann und wann Falten. Er-
ſcheinen ſie horizontal, ſo beweiſen ſie Aufmerkſam-
keit, Wiß- oder wenigſtens Neugier, ſenkrechte dage-
gen laſſen auf Anſtrengung und unangenehme Erre-
gung ſchließen. Mancher Blick erſcheint uns träge und
müde, weil eben der ganze Menſch, der ſo blickt, über-
haupt geiſtig träge oder wenigſtens für die Zeit kör-
perlich erſchöpft iſt. Jm lebhaften Auge ſehen wir auch
immer Lebendigkeit oder augenblickliche Aufregung, am
feſten Blicke die Spannung der Aufmerkſamkeit, am ſanf-
ten Theilnahme ohne Leidenſchaft, am umherſchweifen-
den Zerſtreuung, Gleichgültigkeit, innere Leere, am un-
ſtät umherzuckenden Angſt, Furcht, leidenſchaftliches Su-
chen nach Troſt und Errettung aus irgend einer ver-
ſchuldeten oder unverſchuldeten Pein. Wer verſteckt
blickt, hegt Mißtrauen und verdient es deßhalb auch
oft. Der Pedant zeigt in ſeinen Augen Zurückhaltung,
während der Begeiſterte, entzückt nach oben und in die
Weite leuchtend, gleichſam mit beiden Augen der em-
pfänglichen Welt beide Hände entgegenſtreckt. Der feſte
Blick der Aufmerkſamkeit wird blinzelnd, wenn es ihm
zu arg wird und der Geiſt nicht mehr recht folgen kann.
Bei heftigen Ueberraſchungen durch Wahrheiten und

Was man uns Alles anſehen kann.

Es giebt in dieſem irdiſchen Jammerthale mit ſo
vielen Höhen und Gebirgszügen von Freuden und Ver-
gnügungen und wimmeluden Menſchenmaſſen immer
viel zu ſehen, und viel angeſehene Leute unter uns.
Auch liebt es Keiner, ganz überſehen zu werden. Viele
wollen ſogar Aufſehen erregen. Auch ſehen ſich die
Menſchen in Geſellſchaft, auf Straßen, in Eiſenbahnen
und Omnibus immer gegenſeitig gern an, obgleich es
Niemand liebt, Gegenſtand der leider ſo häufigen frem-
den, fragenden oder auch nichtsſagenden Anſtarrung zu
werden. Letztere Gewohnheit iſt eine der übelſten un-
gebildeter Augen. Man muß eben ſehen lernen.
Sehen iſt eine große, eine ſehr feine und dann loh-
nende Kunſt. Namentlich bietet der Menſch mit dem
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