Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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gehabt Muth oder Koraſche, hätte ich mir geſtellt in
einen Waggong vierter Klaſſe, weil es gibt keine fünfte
und hätte Jhnen gegeben die Ehre in Warrzihn und
hätte mit Jhnen geredet mündlich. Denn Sie haben
geſprochen in der Stadt, wo der gewaltige Rothſchild
wohnt, richtig in Frankfurt, da haben Sie geſprochen
bei Mumm ein Wörtche, was Jhnen Gott ſoll vergel-
ten tauſend und aber tauſend Mal, denn Sie haben
geſagt, daß Jhnen wäre ein Jude als Kultusminiſter
am Liebſten! Wie ich das hab' geleſen, iſt mir gefal-
len die Tante Boß aus der Hand und ich bin geſtürzt
auf die Tante und ich habe gerufen: Adelheid, denn
meine Frau (Gott laſſe ſie geſund) heißt Eddelche, Adel-
heid hab ich gerufe, halt mich oder es paſſirt ein Un-
glück oder ein anderes Malheur. Hat meine Adelheid
gerufen: Jakobleben, was haſt Du, was fechtet Dir
an? - ſie iſt ſo gebildet! - Du wirſt werklich fallen
und Dir rujiniren die neuen Pantalljons! Jch hab'
geſagt: Adelheid, Dein Name iſt ein Zeigefinger des
Schickſals, ich werde mich empfehlen als Kultusmini-
ſter. Hat meine Adelheid geſagt: Dich! Da ſind wir
alſo geweſen einig und nu will ich mir Jhnen empfeh-
len Durchlaucht, als Kultusminiſter. - Werde ich Jh-
nen ſagen wodurch ich mir beſonders dazu eigne. Jch
werde ſein offen wie das Brandenborger Thor. - Rö-
miſch Eins: Meine Frau, wie Sie wiſſen, heißt Adel-
heid, aber ſie bekümmert ſich nicht um's Geſchäft. Jch
mache in alte Kleider, aber ſie ſteckt nie ihre Naſe
'rein, weil ſie den ganzeu Tage Romane und Bücher
lieſt und mir machen läßt, was ich will. - Römiſch
Zwei: Alle Kunſtausſtellungen könnten hängen voll
nackte Wehnüſſen, ich würde niſcht ſagen. Jn's Ge-
gentheil zehn badende Amöre ſind mir lieber wie die
zwei Taucher, was hier haben Vorſtellung gegeben.
Aber Durchlaucht, es bleibt unter uns! - Römiſch
Drei: Jch halte darauf, daß die Kinder was lernen,
und die Lehrer gut bezahlt werden und nebbich nicht
nagen am Bettelſtab; aber können müſſen ſie was.
Vorige Woche hab' ich angendmmen einen Franzöſiſch-
lehrer für meine Jungens. Da fragt ihn der Eine:
Herr Doktor, wie heißt: Je ne sais pas? Sagt der
Lehrer: Jch weiß nicht. Wie ich höre, daß er es nicht
weiß, hab' ich ihn gleich abgeſchafft. - Römiſch vier:
Mein Prinzip iſt, daß Jeder glauben kann, was er
glauben will. Jch brauche weiter nicht zu ſagen, als:
Jch bin Kleiderhändler. Alſo: Jeder nach ſeiner Fa-
con! - Römiſch fünf: Es kann kein Menſch kommen,
der mir nachſagt, daß ich mal gemacht hab' poetiſche
Lieder, und daß ich mal bin geweſen ein ſtarker Trin-
ker. Jch habe in meinem Leben nicht getrunken und
trinke heute ebenſoviel. Wie ich bin geweſen, ſo bin
ich geblieben. - Alſo Durchlaucht, wenn Sie mir
plauſübel finden, ſo greifen Sie zu.
Hochachtungsvoll Jhr geehrter Salomon Jacob
geborener Cohn, Mühlendamm, feſte Preiſe

D'r Nagglmaier
Wohin ma aweil
guckt, Männer,
werre widder
Schtrik gedreht
Die Schtrikerei
ſcheint widderemool
in d'r Luft zu ligge.
Wann werd dann
deß Jwl d'r Nei-
zeit eigendlich emool
ſo kuriert werre,
daß ma nix mehr
vun Arweitsein-
ſchtellunge heert! -
Unſer Schtadtor-
cheſter hott bekannt-
lich aah en Schtrik
gedreht. Unſer Ge-
meenderooth hott
awer eeweſo be-
kanntlich deß Ding
letz genumme un
's Mannemer Or-
cheſter zu unſere
Muſikkunzerte an-
gaſchirt. Dodermit
is natierlich un-
ſerm Schtadtor-
cheſter nix weniger als uff ote Geg g ſchbielt. - Aah
unner de Buchdrucker un Schriftſetzer ſchbuckt emool
widder d'r Schtrik. Als nochemool en Groſche uff's
dauſend Buchſchtawe, ſage ſe. Die Bord koſcht Geld!
- Aah gewiſſe 40 Millione Dhaler hawe jetzt die Ar-
weit in d'r Reichsdagsdebatte eing'ſchtellt, un ſich ru-
hig als deitſcher Reichskriegsſchatz begraawe loſſe. -
Norr Eener hott die Arweit noch nit eing'ſchtellt. Un-
ſer Reichskanzler Bismark. Der loßt ſich nit err mache,
ſondern ſchafft ruhig weiter Un dabei immer mit Hu-
mor. So ſoll'r neilich, wie'r in Frankfort war, wid-
der emool eens vun ſeine g'fligglte Werter losgeloßt
hawe. "Unſer Leit" kenne ſich was druff einbilde. Er
ſoll nämlich g'ſagt hawe: Daß'm als Kultusminiſchter
am liebſchte en Judd wär. Verſchiedene Offerte folle
uff den Wunſch hin bereits beim Reichskanzler einge-
loffe ſein, un unner annerem aah folgender ſchriftlich
g'ſchriwener Schreiwebrief:
Eigenhändiges Handſchreiben an Bismark
Wohnhaft Wilhelmsſt. 76, eine Treppe, Berlin. Frco.
Durchlauchtigſter Ferſcht!
Wie geht es Jhnen, was machen Sie, wie befinden
Sie ſich? Will ich hoffen, daß Sie ſich erholt ha-
ben von Warrzihn und haben, will's Gott, gehabt eine
gute Reiſe auf der Entgleiſebahn, was jeden Augen-
blick aus dem Geſchien geht, das man möchte das Bill-
jet nehmen und dann laufen zu Fuß. - Wenn ich hätte

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer
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