Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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D'r Nagglmater.

G'ſchicht mag ich heit nit werre, unſcht geht mer's am
End, wie neilich dem Artikl in d'r Zeitung, der ſich
wie e großi Seeſchlang durch e paar Schbalte gezoge.
Norr e biſſl kerzer, Herr Geheimer Rath, wann Se uns
widder emool e Heidlberger Mordg'ſchicht zu verzähle
hawe. Wie ihr werthi Fraa Gemahlin beinah uff d'r
Gaß iwerfahre worre wär, wie Se die G'ſchicht gleich
bei d'r Bolizei angezeigt, wie Se vum Herr Amtmann
un'em Herr Schtaatsanwalt freindlich empfange worre,
wie End gut, Alles gut, ſchließlich 's Gericht zu Recht
erkannt un wie deß Urtheil g'falle un doch nit g'falle
hätt - ſehe Se, Herr Geheimer, deß hätte Se uns
alles mit zehn Zeile verzähle kenne. For was die Li-
tanei! Korz un gut gibt aah e Schtick. Heit zu Dag,
wo ma mit Blitz ſchreibt, un mit Dampf druckt, kummt
ma mit Blei in d'r Fedder nit mehr weit. Jm Jwe-
rige geht mich die Seeſchlang in d'r Zeitung verflucht
wenig an, dann ich hab ſe nit bezahlt, awer ma redd
mitnanner. Dernderwege nix for ungut.
Zu Recht is die vorig Woch aah gege die Doſſemer
Friedensfeſchtſchteerer un Driumphbogefreſſer erkannt
worre, un zwar mit vier Monate fern von Madrid!
Deß Gemies muß denne Doſſemer jetzt ſchwer im Maage
igge. Wer werd ſich dann awer aah gleich miteme
ganze Driumpfboge ſo de Maage iwerlaade, b'ſonders,
wann'n de Zuckerbäcker nit gemacht hott. Kann norr
in Doſſene Leit gewe, die G'ſchmack an ſo'ere harte
Koſcht finne! -
Schließlich noche Heirathsg'ſuch aus'm vorige Johr-
hunnert, zum Beweis, wie ſchnell ma heitzudag gege
anno Duwak, heirath. Wann ich per Exempl ſeiner
Zeit ſo'n lange Brief an die hoh Owerigkeit hätt ſchreiwe
miſſe, wie ich mein Sawine genumme, wär ich heit
noch leddig. - Deß Heirathsg'ſuch is aus'ere alte Fa-
milieurkund abg'ſchriwe un laut wie folgt:
Wohlgebohrener, HochEdelgebohrener, Hochgelehrte,
HochEdelgeſtreng, Hochgeachte, HochEdelvöſt, Hoch und
WohlEdle, fürnehm, fürſichtig, Hoch- und Wohlweiſe,
Hochgeneigtiſt, Hochzuehrende, auch Hoch- und Vielge-
ehrteſte HErren! Es iſt mir gehorſamſten Petenten
Chriſtian Carl Schleehaufen, Burgern und Schnei-
dern, allhier, vor einem halben Jahr die 2te Ehegat-
tin geſtorben, deßwegen ich mich veranlaßt ſehe, zur
Beſorgung meiner Haushaltung und fernerer Erziehung
des mit derſelben erzeugten Kindes, mich widerum und
zwar Ztia vice zu verehelichen. Jch habe mich zu dem
Ende mit Chriſtina Dorothea Kleiberin von Kirchheim
unter Teckh ehelich verſprochen. Sie iſt nach der An-
lage von ehrlichen Eltern ex Thoro legitimo erzeugt und
aebohren, mit keiner Leibeigenſchaft vinculirt und bringt
ir ein Vermögen inel. ihres pecul von: 350 fl. bei.
Da nun bei derſelben kein Jmpedimentu egal0 ob-
waltet; So wollte einen hochlöbl. Stadt-Magiſtrat hier-
mit gehorſamſt bitten, ſie zur Burgerin allhier anzu-
ehmen. Chriſtian Carl Schleehauf. Stuttgart, den
Ti Jnli, 1763.

Was mache die
Händl, die unſer
Orcheſter mit d'r
Schtadt hott, Herr
Advokat? Js alles
g'heerig eing'fädlt?
Kann mer's denke!
Do loßt ſich wid-
der e Gert ſchneide.
An dem Brozeß
kann ſich widder
eener en Bauch
wie'n Dorfſchulz
rausfreſſe. Aus-
falle mag der Bro-
zeß, wie'r will uff
alle Fäll bleibt'r
ſor de Advokat fett.
Wer gewinnt, wiſſe
die Getter. Eener
vun de zwee Bar-
theie, die ſich hier
in der G'ſchicht
enanner gegenwer
ſchtehn, ſchun jetzt
Recht zu gewe, halt
ich for ſehr unklug.
Gibt ma d'r eene
Recht, bringt eem die anner um. Umgekehrt geht's
eem aah nit beſſer. Jch henk mich alſo vorerſcht gar
nit in die kitzlich G'ſchicht, ſondern ward's ab. - Der
Brozeß mag iwerigens ausgehe, wie'r will, unſer Herrn
Orcheſtermänner ſinn doch wenigſchtens iwer de Handl
emool eenig mitnanner worre, was ſe ihr Lebdag nit
ware. Deß heeßt: eenig ſinn ſe worre, bis uff Een!
Un daß der Eene nit mitgedhan gege die Schtadt hott,
is unſerm Orcheſter gräſſlich! D'r Eene ſegt awer
ſo gut wie ſein Kolleege jetzt: Eenigkeit macht ſchtark,
wann ſe aah norr aus Eem b'ſchteht - ich weeß, was
ich will! - Jetzt wie g'ſagt, Männer, Barthei mag
ich in dem Heidlberger neiſchte Tongemälde nit nemme,
ſo lang mer ke Bechfacki driwer uffgeht, die mich beſ-
ſer in die Werkſchtadt gucke loßt, awer ſo viel kann
ma ſchun unbartheiiſch bemerkt hawe, daß die Herrn
Orcheſtermänner in ihrm Zeitungsartikl: "Zur Berich-
tigung" e biſſl zu viel Forte angebrocht hawe. Jch
an ihrer Schtell hätt etwas mehr Piano in die Be-
richtigung gelegt, dann wo en Verdrag e tragiſch End
nimmt, muß die Stimmung ſentimental werre, wann
die Harmonie im allgemeine ke bees End nemme ſoll.
- No, ich denk, die G'ſchicht kummt widder in's G'leis.
Was ich wenigſchtens mit meim Seuft dazu beidrage
kann, um die Sach zu beſenftige, ſoll gewiß g'ſchehn,
dann offe g'ſagt, es dhut mer leed, wann ma ſehe muß,
wie fremde Muſiker jetzt hier 's Geld einnemme. Sechs
Gulde per Mann uff Mannem! Nit bitter! -
E anner Bild! Dann langweilig iwer die alt

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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