Heidelberger Volksblatt — 4.1871

Seite: 371
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ergebegge clatt.

Nr. 93.

Mittwoch, den 22. November 1871.

4. Jahrg

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Ungariſches Heldenthum.

der Bäre und Wölfe vergeſſend, welche in den unge-
heuren Wäldern jenes Landes zahlreich hauſen.
Am andern Tage um die Mittagszeit begegnete ihm
ein hochgewachſener, brauner Mann, der mit ſeinen Waſ-
ſerſtiefeln durch den hier noch ſeichten Fluß watete.
"Das iſt" ſagte er zu ſich, "gewiß einer von jenen
Rieſen, von denen mir Mami (Mutter) erzählt hat!"
Der Fremde war mittlerweile über den Fluß ge-
kommen und ſah Gyula ſtehen.
"He," rief er ihm zu, "Knäbchen, wohin des Wegs?"
"Seid ihr ein Chriſt?" fragte Gyula mißtrauiſch.
"Du Naſeweis, was geht das Dich an," antwortete
der große Mann. "Was biſt Du für ein Menſchen-
kind? Woher kommſt Du? Fürwahr," murmelte er in
den Bart, "ein bildſchöner Knabe!"
"Wenn das, was Jhr da murmelt, ein Zauberſpruch
iſt, ſo nutzt es Euch nichts. Da hab' ich eine Bibel."
"Haſt Du? Das iſt brav von Dir. Aber jetzt ant-
worte mir, wer Du biſt, woher?"
"Kender Gyula heiß' ich, bin vom Waldhaus oben
Jhr wißt; im Fuchswinkel."
"Nein, den kenn' ich nicht. Muß kurios dort aus-
ſehen. Wohin willſt Du?"
"Das weiß ich ja ſelbſt nicht, großer Mann. Möchte
was verdienen gehen."
"Da kann Roth werden. Gleich jetzt lad' den Bock
da auf Deine Schultern und komme mit mir. Bah,
ſei kein Narr, ich freſſe Dich nicht. Jch bin ein nemes
ember (Edelmann,) wenn Du weißt, was dieſes be-
deutet."
"Jſt, was Jhr ſagt, wahr, ſo darf ich Euch den Bock
wohl tragen. Jch bin auch ein nemes ember."
"Um ſo beſſer für Dich! Da lad' ihn auf - und
jetzt: Marſch!"
Der Fremde führte Gyula etwa zwei Stunden weit
auf einen Edelhof, der außer dem großen Herrenhauſe
noch eine große Anzahl weitläufiger Gebäude umſchloß.
Es war der größte, weil einzige Edelhof, den der Knabe
bisher geſehen, denn von ſeiner väterlichen Hütte und
Waldſchaft war er noch nie ſo weit in's Thal hinab-
geſtiegen, und hatte, mit den jungeu Bäumen undThie-
ren im wilden Forſte aufgewachſen, bisher außer ſei-
nen Eltern nur ein paar Menſchen geſehen Es wa-
ren dies eine alte Frau, welche ſich einmal da hinauf
verirrte, während ſie Heil- und Zauberkräuter ſuchte,
ein botaniſirender Profeſſor aus Vaſarhely, und ein
deſertirter Soldat, dem die verborgene Hütte wochen-
lang ein Aſyl geweſen. Gyula's Vater war, trotz ſei-

Jm nordöſtlichen Gebiete des ſiebenbürgiſchen Szek-
lerlandes, mitten in uralten ſtillen Wäldern ſtand eine
Hirtenwohnung. Eine ältliche Frau lag auf dem Ster-
bebette; neben ihr kniete der einzige Sohn, ein Knabe
von kaum vierzehn Jahren.
"Mutter, theuerſte Mutter, o laß mich nicht allein!"
rief er ſchluchzend. "Dem Vater haben wir erſt jüngſt
ſein Grab gegraben; jetzt ſollſt auch Du von mir ge-
nommen werden!"
"Gyula, Dir leben Vater und Mutter im Himmel,
an Nahrung und Schutz wird es Dir nimmer fehlen.
Gott und Engel werden um Dich ſein und Dich beglei-
ten auf allen Deinen Wegen. Bleibe nur ein wacke-
rer, treuer Szeklerknabe, fürchte Gott mehr als die
Menſchen und liebe Dein Vaterland über Alles."
"Beim Himmel, das will ich, gute Mutter."
"Wenn ich nicht mehr bei Dir ſein werde, ſo gehe
in's Thal hinab, ſuche einen Edelhof auf und nimm
Dienſt. Du kannſt nicht allein bleiben im Walde."
Die Frau ſchloß ihre Augen und redete nicht mehr
Als der Knabe Gyula (ſprich Djula) ſich überzeugt
hatte, daß ſeine Mutter geſtorben, weinte er zwei Tage
über ihrem Lager und machte ihr dann ein Grab un-
ter einer hohen Tanne neben dem Grabe, in welchem
ſein Vater ruhete.
"Jetzt hab ich nur Thränen," rief er, "ſie auf Eure
Gräber zu gießen. Wenn aber der Frühling kommt,
wird er Primeln darauf ſtreuen und die Vögel auf dem
Baume verſammeln, Euch ſchöne Lieder zu ſingen."
Darauf ſchloß er ſein Haus und nahm nichts mit
ſich, als ſeines Vaters Flinte, ein wenig Mundvorrath,
wenig Kleider und ein paar Gulden, die er beſaß.
Auch die Bibel, die ſeine Mutter, die eine Unitarierin
geweſen, ihn leſen gelehrt, vergaß er nicht. Sein Hund,
Török, von jener großen, wolfartigen weißen Race,
welche Siebenbürgen und Ungarn angehört, ſprang vor
ihm her.
Gyula wanderte durch den tiefen Schnee den Bächen
nach und kam dann in's obere Maroſchthal. Manches
Wild kam an ihm vorüber, er beachtete es kaum; noch
lagerte tiefe Trauer auf ſeiner Seele. Nachts grub er
ſich in den Schnee und deckte ſich mit dem Szür, dem
kurzen grauen Filzmäntelcheu zu und ſchlief ruhig ein,
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