Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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borgen geblieben wäre - der Ort, wo der Schnee ih-
ren ſchönen Leib begraben, das fand der Jnſtinkt der
Thiere. Nach längerem Umherſuchen und vergeblichen
Verſuchen ſich im weichen Schnee oben zu erhalten, ge-
lang es dem Wolfshunde Török, der in den oberen
Bergwildniſſen größere Strapazen durchgemacht und ſich
im Schnee leichter bewegen gelernt, die geſuchte Stelle
zu finden. Hier begann nun Gyula mit einem mäch-
tigen Aſte den Schnee wegzuſchaffen. Wenn ſeine Arme
ermüden wollten, und er vor Angſt um des Mädchens
Leben bittere Thränen vergießend ihren Tod beklagte,
ermahnte ihn die Ausdauer des treu mitarbeitenden
Hundes, der unermüdlich mit ſeinen Füßen den Schnee
wegſcharrte, zu größerer Beharrlichkeit und dieſe hatte
endlich Erfolg. Als es ſchon faſt Nacht geworden, ſand
Gyula das Mädchen, zwar erſchöpft und mit Mühe
athmend, aber voller Hoffnung und Freudigkeit. Durch
den Schnee hindurch hatte ſie die Bemühungen des
Knaben vernommen, und jedes Wort ſeiner Klage, je-
den Zuruf an den Török deutlich gehört. Jetzt kamen
auch Leute vom Hofe, die vielleicht durch das Gebell
und ängſtliche Geberden der allein nach Hauſe zurück-
gekehrten Hunde mochten herbeigerufen worden ſein.
Sie trugen das müde Kind eine lange Strecke in das
Haus.


(Fortſetzung folgt.)

kes im Reichstage deſſen Geſchicke beſtimmen helfen,
ſteht von nun an hoch und heer das Standbild des
Mannes, der, wie kein anderer - ſich nationalen Dich-
terruhm erwarb und die Herzen der deutſchen Nation
eroberte. Und in der Vorhalle des Neichstagſaales
hängt das Bild Schiller's mit der Unterſchrift: "Wir
ſollen ſein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Noth
uns trennen und Gefahr", und neben ihm befinden ſich
die Bildniſſe Wilhelm von Humboldt's, Stein's, Ernſt
Moritz Arndt's, Scharnhorſt's, Dahlmann's und Mathy,
die Vertreter des deutſchen Volkes mahnend, daß ſie
ſich ihrer Ahnen würdig zeigen. Jetzt erſt, wo Deutſch-
land ſeine Einheit errungen und ſeine Freiheit immer
mehr befeſtigen wird, kann unſer Bolk mit bewußterer
Liebe und tieferer Erkenntniß Schiller's unſterbliche
Verdienſte um das Zuſtandekommen deutſcher Nationa-
lität begreifen.
So ernſt und bedeutungvoll aber auch die Gegen-
wart iſt, ſo wird es unſern Leſern doch nicht unwill-
kommen ſein, wenn wir in Nächſtſtehendem die Feſt-
lichkeiten ſchildern, welche am fernen Miſſiſſippi zu St.
Louis, im Staate Miſſouri, von den dort lebenden
Deutſchen am hundertjährigen Geburtstage Schiller's
begangen wurde.
St. Louis, die mächtige Metropole des großen
Miſſiſſippithales, hat, nach dem im Jahre 1871 veran-
ſtalteten Cenſus, 310,864 Einwohner, darunter mehr
als 80,000 Deutſchen; im Jahre 1860 zählte es 268,661
Einwohner, wovon etwa 60,000 der deutſchen Natio-
nalität angehörten. Es iſt klar, daß eine ſolche Stadt,
die ſo viel Deutſche in ihren Mauern zählte, den 10.
November des Jahres 1859 nicht ungefeiert vorüber-
gehen ließ. Ohne den großen Apparat aller deutſchen
Städte, ohne jene Schaaren von profeſſionellen Gelehr-
ten, Kunſtjüngern und Dilettanten, die bei ſolchen Ge-
legenheiten oft die Stelle dos ſelbſtthätigen Volkes ver-
treten, rüſtete ſich in dem genannten Jahre in an-
ſpruchsloſer, aber deſto herzlicherer Weiſe vornehmlich
der deutſche Mittelſtand von St. Louis, den hundert-
jährigen Gedenktag ſeines bevorzugten Dichters wür-
dig zu feiern.
Die verſchiedenen deutſchen Schulen, Vereine, Kor-
porationen u. ſ. w. wählten ihre Vertreter, und das
aus dieſen zuſammengeſetzte Comite, deſſen Vorſitzender
Schreiber dieſer Zeilen war, nahm die Sache in die
Hand und brachte - unterſtützt von Männern der
Preſſe, der Wiſſenſchaft, der Kunſt und der Literatur
- eine Feier zu Ehren Schillers zu Stande, die wohl
an äußerer Pracht und Großartigkeit viel zu wünſchen
übrig laſſen mochte, an herzlicher Jnnigkeit, wahrer
Begeiſterung und treuem deutſchen Sinne aber keiner
von allen wich, die damals rund um den Erdball he-
rum gefeiert wurden.
(Fortſetzung folgt)

Eine Schillerfeier an den Ufern des
Miſſiſſippi.

Die Enthüllungsfeier des Schillerdenkmals in Ber-
lin am 10. November 1871 ruft ohne Zweifel bei vie-
len die Erinnerung an den hundertjährigen Geburts-
tag unſeres großen Dichters wach, der ſich vor zwölf
Jahren überall, wo die deutſche Zunge klang, zu einem
wahrhaft bedeutenden Nationalfeſt geſtaltete. Vieles
hat ſich in dieſem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum
auf beiden Hemiſphären unſeres Erdballs geändert; in
den Vereinigten Staaten zerbrach ein vierjähriger Bür-
gerkrieg, den Theodor Mommſen mit Recht zu den größ-
ten Kriegen zählt, welche die Weltgeſchichte aufzuwei-
ſen hat, die Feſſeln der Regerſklaven und ließ die Un-
ion auf vollkommen freiheitlicher Baſis neu erſtehen;
in Europa aber feierte, nach einem gewaltigen, ſieg-
und ruhmreichen Kampfe mit dem alten Erbfeinde das
deutſche Volk ſeine Wiedergeburt. Wenn die Säkular-
feier Schillers im Jahre 1859 in vielfacher Beziehung
einen kosmopolitiſchen Charakter trug, und den Beweis
lieferte, wie ſehr die Größe und Bedeutung unſeres
Dichterheros in der ganzen Welt Anerkennung gefun-
den, ſo iſt die Enthüllungsfeier des Schillerdenkmals
in Berlin im Jahre 1871 in ganz beſonderer Weiſe
eine Nationalfeier. Jn der Hauptſtadt des neuen
deutſchen Reiches, wo die Vertreter des deutſchen Vol-
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