Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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ausgeholtem Schlage nieder. Die Kameraden ſind nach-
geſtürmt; den Dragonern, ſonſt ſo tapfer, entſinkt vor
Beſtürzung der Muth, ſie wenden ſich um zu wilder
Flucht. -
Auch das Fußvolk hält nicht mehr Stand; in ſei-
nen Reihen wüthen die Bajonette und Spieße der Szek-
ler. Gewonnen iſt die Schlacht.
Aber nicht immer krönt der Erfolg den Muth und
die patriotiſche Begeiſterung. Zeiten kamen, da Un-
garn und Szekler ſchier zu verzweifeln gedachten. Jh-
nen ſtand nicht nur ein öſterreichiſches Heer, ſondern
auch ein ruſſiſches Hülſskorps und mehr denn hundert-
undfünfzig walachiſche und ſächſiſche Landſtürmer- und
Nationalgarden-Bataillone entgegen. Hatte auch Gene-
ral Bem Wunderbares geleiſtet mit ſeinem kleinen Heer-
haufen und in raſchen Schlägen den Feind im Ner-
den, dann im Mittelpunkt des Landes geworfen,o ſo
ſchien es doch, als ob nach dem 4. Februar, vem
Schlachttage von Wijakna, ſein Stern erloſchen ſei.
Mit tauſend Mann zog er unter unaufhörlichen Käm-
pfen vom Schlachtfelde weg, hinter ihm drein mit ſei-
ner ganzen Macht der Feind, unabläſſig drängend und
doch das Heldenhäuflein, deſſen Entbehrungen und Lei-
den groß waren, nicht entmuthigend. Jn Deva ath-
mete es auf; ſechsteuſend Mann aus Ungarn ſchloſſen
ſich an Bem kehrt ſich gegen die Oeſtreicher und be-
ſiegt ſie in mörderiſcher Schlacht. Dann eilt er nach
Mediaſch. Er ſendet Couriere nach der Haupſtadt, den
Sieg zu verkünden. Vergeblich erwartet er ihre Rück-
kehr; keiner kommt wieder.
Einige Tage vorher war eine Diviſion Szeklerhuſaren
nach Mediaſch gekommen, Bem's Herr zu verſtärken
und Waffen zu erobern; denn an Mannſchaft fehlte es
nicht. An zehntauſend Mann waren dort bereit, wenn
ſie erſt bewaffnet wären, in's Feld zu ziehen.
Bem läßt einen Offizier der Szeklerhuſaren zu ſich
rufen. "Meine Couriere, die ich nach Cleuſenburg ge-
ſandt, ſind wahrſcheinlich verunglückt. Es iſt von höch-
ſter Wichtigkeit, daß man in der Hauptſtadt und in
Debreczin erfahre, wie die Sachen ſtehen. Sie nehmen
fünfundzwanzig Mann mit ſich und tragen die Depe-
ſchen zu Cſannyi. Sie kennen den Weg?"
"Oft habe ich ihn gemacht."
"Fallen Sie, ſo beauftragen ſie den Nächſten im
Kommando. So, gückliche Reiſe."

beſetzen den Hohlweg, ein Theil maſchirt voran, um an
einer entfernten Stelle die nichts Ahnenden, wenn es
feindliche Reiter ſind, zu überfallen. Da reiten Vor-
poſten herbei. Sorgfältig den Säbel in der Rechten,
die Piſtole in der Linken, näherten ſie ſich. Von der
Anhöhe erſpäht des Einen ſcharfes Ange die todten
Roſſe. Aber keine Seele iſt zu ſehen. Abermals zieht
die Vorwache behutſam heran. Der feindliche Späher
ſieht ſie vorüberziehen. Seltſam dünkt es die Reiter,
als ſie Rabengekrächze aus dem Graben her verneh-
men. Einer will ſich ſelbſt überzeugen, da ſieht er ei-
nen Mann verborgen. Jetzt weiß er, daß es ſchon zu
ſpät ſein würde, zu warnen. Er feuert die Piſtole auf
einen der Wächter ab. Aber jetzt grade war der Zug
die Anhöhe bereits herabgeſtiegen, und in demſelben
Augenblicke brachen Schüſſe aus dem Hauſe, der
Scheune, hinter dem Hügel hervor. Von allen Seiten
ſtürmten die Laurer auf das Häufleiu los. Der Offi-
zier ſammelt ſeine Leute.
"Hier iſt es," ruft er. "Hier, wo unſere Kamera-
deu ermordet wurden, Rächet ſie, Huſaren!"
Jn Kette geſchloſſen brauſt der Zug dem Hohlwege
zu. Eine Kugel trifft den Befehlshaber. Sinkend wirft
er Gyula die Depeſchen zu. "Kender, Wachtmeiſter,
Du reiteſt das ſchnellſte Pferd, reite voran, brich Bahn
und bringe das dem Eſanyi in Clauſenburg."
"Mir nach, Huſaren!" ruft Gyula, und von dem
Hohlwege herab ſtürzt er ſich in den Teich, ihm nach
die Reiter. Wohl erreicht noch Manchen die Kugel,
Mancher iſt ſchon gefallen. Nicht die Hälfte ſchwimmt
an's jenſeitige Ufer. Den Wachtmeiſter aber und ſein
Pferd hält eine höhere Hand unverletzt. So auch als
die Reiter im geſtreckten Laufe durch den weiter vorge-
ſchobenen Poſten der Landſtürmer, Alles niedertretend,
hindurchſtürmen. Bald gelangten ſie in bewohntere
Gegenden und erreichten Abends die Hauptſtadt. Von
tauſend Lichtern erglönzten die Häuſer, Freude und
Hoffnung war in den Einwohnern an die Stelle tiefer
Entmuthigung, ja Verzweiflung getreten.
Es war am 31. Juli 1849. Eine heiße Schlacht
hatte Bem gefochten mit ſeinen dreitauſendſechshundert
Mann, denen vierundzwanzigtauſend Ruſſen und Oeſt-
reicher gegenüberſtanden. Den ganzen Tag hatte das
Kriegsglück geſchwankt; erſt Abends, als Mannſchaft
und Roſſe der Ungarn von langen Märſchen und dem
Streite des Tages müde, einem Angriffe der friſch her-
beigeeilten Lanzenritter nicht mehr zu widerſtehen ver-
mochten, wichen die Tapfern zuerſt langſam, immer
wieder ſich ſammelnd, dann endlich in wilder Flucht.
Von Schäßburg flohen ſie Vaſarhely zu. Nacht lagerte
auf dem Schlachtfelde; zerſtreut ſah man hie uud da
einen umgeſtürzten Wagen, dort eine zerſchmetterte La-
fette, unter ihr die Leichnahme der Artilleriſten. Ue-
berall Mord und Zerſtörung. Jn der nahen Stadt
brannten Freudenfeuer. Vor den Thoren lagerten
Truppen des Feindes beim Bivouakfeuer. Drei Hu-
ſaren eilten über den unebenen Boden, der heute das
Blut von Tauſenden getrunken. Qft ſtrauchelten die
Roſſe über die Leichname, und es war, als ob ihr Jn-

Szarosvam iſt ein Wirthhaus in öder, einſamer Ge-
gend. Ein Hohlweg zwiſchen Berg und Teich führt
dahin. Jm Wirthshauſe hinter dem Berge und jen-
ſeits des Hohlweges lauerten walachiſche Landſtürmer,
mehrere Hunderte ſtark, zum Theil mit Gewehren be-
waffnet. Am Wege liegen Uniformfetzen, Tſchako's und
todte Pferde; im Teiche aber die Leichnahme der Cou-
riere und ihrer Begleitung.
Jn der Morgenfrühe hört der wachtſtehende Land-
ſtürmer den Klang von vielen Pferdehufen. Er macht
Lärm, aus allen Winkeln kommen die Schlaftrunkenen
herbei, einige verſtecken ſich im Wirthshauſe, andere
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