Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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ſtens ſich an dem Weine und den Hühnern zu erfri-
ſchen und zu ſättigen. Als ſie die Thore feſt verſchloſ-
ſen fanden, klopften ſie ſo lange, bis Korondi ſelbſt
am Fenſter erſchien.
"Jm Namen des Kaiſers, meines Allergnädigſten
Herrn", rief der Hauptmann. Laſſen Sie die Thore
öffnen. Wir begehren nichts von Jhnen als Speiſe
und Trank."
"Jhr Kaiſer," rief Korondi, "iſt ein S . . . . Ei-
nem Oeſtreicher öffne ich die Thore nicht. Wortbrü-
chige ſeid Jhr!"
"Donnerwetter, Sie beſchimpfen den Kaiſer? Seien
Sie kein Narr und ergeben Sie ſich, Jhre Thore ſind
in einem Augenblick niedergeworfrn. Oeffnen Sie,
ſag' ich."
Korondi war bereits vom Fenſter zurückgetreten,
hatte ſein Gewehr ergriffen und erſchien jetzt wieder.
"Machen Sie, daß Sie fortkommen!" rief er. "Wo
nicht, ſo gebe ich Feuer."
"Na, mit dem müſſen wir anders reden," ſagte der
Hauptmann, der ein munterer Wiener und keineswegs
ſo roh gegen die Feinde des Kaiſers geſinnt war, als
viele ſeiner Kollegen ſich während des Krieges zeigten.
Hätte Korondi ihm Küche und Keller geöffnet, ſo würde
der Hauptmann mit beſtem Danke ſich noch an dem-
ſelben Tage entfernt haben. So aber verleitete ihn
der, wie er meinte, tollköpfige Widerſtand. "Zimmer-
leute voran!" kommandirte er. Doch kaum hatte er
den Befehl gegeben, ſo ſank er, von Korondi's Kugel
getroffen, nieder. Jetzt begann dds Gefecht. Aus dem
Hauſe feuerten die Szekler, während die Soldaten, im
höchſten Grade erbittert, die Thore erklimmten, ohne
auf die Vollendung der Arbeit der Zimmerleute zu war-
ten. Es fielen nicht wenige der Oeſtreicher, denn kein
einziger Schuß verfehlte ſeinen Mann. Doch wurden
auch mehrere Knechte verwundet. Bald donnerten die
Schläge der Aexte auch an die feſte Hausthür. Sämmt-
liche Fenſter des unteren Stockwerks waren mit Eiſen-
ſtäben verſehen, ſonſt würden die Wohnungen ſich bald
mit Soldaten gefüllt haben. Da die Vertheidiger des
Hauſes, ohne ſich zu ſehr auszuſetzen, nicht wagen durf-
ten, auf die Sappeurs zu feiern, ſo dauerte es lange,
bis auch die Thür geſprengt war. Aber die Eindrin-
genden empfing eine furchtbare Gewehrſalve, denn Ko-
rondi war mit den Seinigen bis auf die zweite Trep-
penlandung hinabgeſtiegen, und es entſpann ſich nun
ein Kampf, der, ſo ungleich auch die beiderſeitigen
Streitkräfte waren, von Beiden mit gleicher Erbitterung
geführt wurde. Die Soldaten mußten über einen Wall
von Leichen ſteigen, die Vordern, abwohl ihre ſchmale,
wenn auch kompackte Säule ſtark gelichtet wurde, muß-
ten, von den Hinteren gedrängt, vorwärts
(Fortſetzung folgt.)

Die Stille eines Sommernachmittags lag auf der
Waldgegend, in welcher Korondi's Gut gelegen war.
Auf den Triften weideten Roſſe und Rinder; träge
ſchlichen die Hofhunde herun, Meiſter Petz kühlte ſich
im raſch vorübergleitenden Fluſſe ab. Die Knechte
ſchliefen oder plauderten im Mädchenzimmer mit den
weiblichen Dienſtboten; auf der Bank vor dem Hauſe
unter der Laubkrone hochſtämmiger Buchen ſaß Sarah,
ihres Reitpferdes wartend, das ſie zu einem Ritt durch
das Thal zu beſteigen gedachte. Korondi weilte oben
in tieſe Gedanken verſunken. Der alte Herr, dem der
Hof immer einſamer dünkte, ſeit Gyula fortgezogen war,
bewegte in ſeinem Sinn den Gedanken, ſich aufzuma-
chen und ein Schwert umgürtend, ſich den Streitern
für das Vaterland anzuſchließen. Es war um die Zeit,
da die ruſſiſchen Heeresmaſſen mit den Oeſterreichern
vereinigt in Siebenbürgen eingedrungen waren - An-
fangs des Monats Juli. Wie oft ſchaute der wackere
Mann auf das Antlitz des Hunnenfürſten. Jetzt ſchwebte
doch das Vaterland in höchſter Gefahr; wenn jemals
die Sage in Erfüllung gehen ſollte, ſo mußte es jetzt
geſchehen, daß der Feldherr über hundert Völkerheere,
der Stammvater des uralten Geſchlechts der Korondi,
aus ſeinem Grab aufſtieg und zur Rettung ſeiner Nach-
komen herbeieilte. Aber ſei es, daß Attila zu feſt
ſchlief, um den Kriegslärm an der Donau, Theiß und
Maroſch zu vernehmen, ſei es, daß er die Zeit der al-
lerhärteſten Prüfung ſeines Volkes abwarten wollte,
- genug, Korondi wartete vergebens auf ein Zeichen.
Der Hunnenfürſt blickte noch immer grimmig auf ſeine
Enkel herab aus dem einen Auge, das andere blieb
verſchloſſen. Die ſtille Sommerruhe des Waldgutes
ward plötzlich durch die Nachricht geſtört, die ein vom
Berge herabeilender Hirte brachte, er ſehe eine Schaar
weißröckiger Soldaten mit blitzenden Waffen das Thal
herauf ziehen. Schleunigſt wurden alle noch im Stalle
beſindlichen Pferde und andern Thiere in den Wald
getrieben und der Hirte erhielt von dem Edelmann den
Auftrag, ſie höher hinauf in das Gebirge zu führen,
und dort an einem beſtimmten Orte weiterer Befehle
zu harren. Dann verrammelte man, ſo gut es ging,
die Hofthore und Korondi vertheilte ſelbſt die Waffen
unter ſeine Knechte. Wenn man in das Haus zurück-
gedrängt würde, ſollte man vom Attilazimmer die
Nothtreppe hinabſteigen und durch den verdeckten Gang,
der eine Strecke weit unter dem Raſen vor dem Hauſe
ſich hinzog, das Freie, d. h. den Wald zu gewinnen
ſuchen und ſich zuletzt in den Fuchswinkel, wohin ſich
gewiß noch nie eine feindliche Schaar verirrt, zurück-
ziehen. Die Frauen alle ſchickte Korondi, ohne auf ſei-
er Tochter Bitten zu achten, in den Wald. Er war
alles Ernſtes entſchloſſen, den Hof zu vertheidigen und
lieber fechtend zu ſterben, als die verhaßten Oeſtreicher
einzulaſſeu. Dieſe Geſinnung theilten alle Knechte und
Diener, lauter Szekler. Nach einer halben Stunde
erſchien die eine Compagnie Oeſtreicher, die lediglich
einen Streifzug unternommen und gegen den Hof ſelbſt,
deſſen Vorhandenſein ihnen wohl kaum bekannt ſein
mochte, keine feindſeligeren Abſichten hegte, als höch-
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