Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 2

ÄUSGRÄBUNGEN

BERN

Die Äusgrabungen in der Enge bei
Bern. In der Enge bei Bern wurde im ver-
gangenen Jahre unter Leitung des Museums-
direktors Widmer-Stern der Begräbnisplatz einer
römischen Änsiedlung aus den beiden ersten
Jahrhunderten der Kaiserzeit mit Brand- und
Skelettgräbern durchforscht.

Großes Interesse erregten die zahlreichen
Glasfunde in den verschiedensten Farben und
Äbmessungen, von der großen vierseitigen Fünf-
literflasche bis zum kleinen Toilettenfläschchen mit
papierdünnen Wandungen. Besonders hübsch
sind ein schlankes Fläschchen aus grünem Glas
mit blauem zierlichem Henkel und eine tiefgrüne
Glasschale. In jedem Grabe fand sich ein roter
Tonkrug mit ausgebauchtem Korpus und engem
Hals; auch an sonstigen Tongefäßen — Krügen,
Bechern, Kannen und Tellern in meist originellen
Formen — war kein Mangel; ein urnenartiger
Krug von besonderer Größe (31,5 cm hoch) und
ein weißes Gefäß mit schuppenartigen Orna-
menten seien hervorgehoben. Daneben sind
zahlreiche kleine Tonlampen, alle mit Töpfer-
stempeln, zutage gekommen, einzelne Toiletten-
gegenstände und Kinderspielzeug.

An Kunstgegenständen wurden vier ganze
Figuren und drei Büsten ausgegraben, alle aus
weißer Terrakotta geformt, die eine der Büsten
mit deutlichen Spuren ehemaliger Bemalung.
Die vier Statuetten, wohl weibliche Gottheiten,
scheinen in der Nähe des heutigen Vichy fabri-
ziert worden zu sein. Einer der Hauptfunde
ist ein ursprünglich weißer Terrakotta-Teller
von 17 cm Durchmesser mit hochgewölbtem,
ornamentiertem Rand und einem voll heraus-
gearbeiteten Frauenkopf in der Mitte. Zwei
Ösen am oberen Rand des Tellers zeigen, daß
er einst als Wandschmuck diente.

Die Äusbeute an Schmucksachen war ver-
hältnismäßig gering. Doch sijid eine Anzahl
Bronzefibeln, Broschen in verschiedenen Formen
und Gehänge, teils aus Bronze mit farbigem
Emailornament, teils aus stark mit Silber ver-
setztem Golde gewonnen worden.

Sämtliche Funde wurden dem Berner histo-
rischen Museum einverleibt.

ROM ====-

Im epizephyrischen Lokri in Unteritalien
haben neue Äusgrabungen Orsis soeben eine
ganze Reihe sehr wichtiger archaischer Ton-
reliefs aus dem Anfänge des V. Jahrhunderts
v. Chr. zutage gefördert. Sie gehören zu der
kleinen stilistisch sehr wichtigen Gruppe von Re-
liefs, wie sie die Museen von Neapel und London
besitzen und die wahrscheinlich von dem be-
rühmten Persephoneheiligtume stammen.

* *

*

In Paestum werden die vom Direktor des
Museo S. Martino Prof. Spinazzola im Vorjahre
begonnenen, sehr erfolgreichen Ausgrabungen
in den nächsten Tagen wieder aufgenommen
werden. Die Funde sollen in einem an Ort
und Stelle anzulegenden Museum untergebracht
werden. Ludwig Pollak.

ENTDECKUNGEN

MÜNCHEN

Neuerwerbung des bayerischen Na-
tionalmuseums. Dem kürzlich zum ordent-
lichen Konservator am Nationalmuseum er-
nannten Dr. Friedrich Hofmann glückte kürzlich
eine überaus wertvolle Entdeckung. Gelegent-
lich der Forschungen, die er bei der Bearbeitung
seines Porzellankataloges anstellte, fand er im
Sitzungssäle des K. General-Bergwerks- und
Salinen-Ädministration verstaubt und unansehn-
lich auf einem Schrank eine der wissenschaft-
lichen Forschung bisher unbekannte kostbare
Porzelianbüste von ca. */2 Meter Höhe, die
also schon durch ihre Größe als Unikum gelten
darf. Die Büste stellt das lebensgroße Porträt des
Grafen Sigmund von und zu Haimhausen dar, des
ehemaligen Präsidenten des kurfürstlichen Münz-
und Bergwerkskollegiums und Begründers
der Nymphenburger Porzellanfabrik. Das
technisch wundervoll gearbeitete Werk ist auch
in der Porträtcharakteristik von hoher künstle-
rischer Wirkung. Als Schöpfer der Büste kann
mit Sicherheit der bayrische Holzbildhauer und
Modellmeister Dominikus Äuliczek d. Ä. nach-
gewiesen werden. Die Entstehungszeit ist
etwa 1770.

Durch das Entgegenkommen der in Frage
stehenden Behörden war es möglich, das einzig-
artige Stück den Beständen des Bayrischen
Nationalmuseums einzureihen.

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