Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Eine Abbildung der Naumburger Stifterfiguren

aus dem XVIII. Jahrhundert

Von Paul Weber

Im Jahre 1584 erschien in Leipzig ein kleines
Buch in lateinischer Sprache, verfaßt von einem
gewissen Gregor Groitzsch in Grimma, das
eine knappe Beschreibung der Ortschaften an
beiden Ufern der Saale enthält.1) Nur bei
wenigen Städten wird der Verfasser etwas red-
seliger und verflicht in seine Schilderung ge-
schichtliche Notizen von einigem Belang. So
gibt er bei Naumburg ein Verzeichnis sämtlicher
Bischöfe, eine Aufzählung der im Dom befind-
lichen Grabdenkmäler, den Wortlaut der In-
schriften an den Glasfenstern des Domes und
endlich eine gedrängte Beschreibung der Stifter-
figuren im Westchor. Schon hier findet sich
die noch heute nicht ausgestorbene Deutung
der lächelnden Frauengestalt an der Südseite, —
der Regelindis, Gemahlin des Markgrafen Her-
mann —, als der „lachenden Braut“. Auch die
Angabe, daß die nächstfolgende Figur nicht
mehr an ihrem Platze sei, wird schon hier ver-
zeichnet. (Es handelt sich um den sogenannten
„Grafen Konrad“, der bekanntlich erst bei der
Restaurierung in den 1870 er Jahren wieder auf-
gestellt worden ist.)2) Im übrigen ist die Schil-
derung der Stifterfiguren ohne Interesse, dabei
auch ziemlich ungenau und nicht ganz in der
richtigen Reihenfolge gehalten.

Im Jahre 1728 nun brachte ein fleißiger
Naumburger Historiograph, der Oberpfarrer
Johann Martin Schamelius, die kleine Schrift
des Gregor Groitzsch noch einmal zum Abdruck,
und zwar als Anhang zu seiner „Historischen
Beschreibung von dem ehemals berühmten
Benediktinerkloster zu St. Georgen vor der
Stadt Naumburg an der Saale“. Bei dieser
Gelegenheit ließ er in die Groitzsch’sche Schrift,
an der Stelle, wo von den Naumburger Stifter-
figuren die Rede ist, ein Kupfer einheften, das
eine Darstellung des Naumburger Westchores
geben soll.

ß Der volle Titel lautet: Libellus continens Salae
fluvii descriptionem eidemque adjacentium oppidorum,
arcium, coenobiorum et episcopalium sedium, situs, fun-
dationes et antiquitates ä Gregorio Groitzsdiio Grimniensi
collectus. Lipsiae, Tgpis haeredum Jacobi Beruualdi.
Anno MDLXXX1I1I.

ß Vgl. Schmarsow-Flottwell, die Bildwerke des
Naumburger Domes, S. 15, und Bergner, Inventar der
Kunstdenkmäler Naumburgs, S. 115.

So stümperhaft die Arbeit auch ist, sie hat
für den Fachmann doch Interesse als besonders
lehrreicher Beweis für den Sehzwang, den die
einzelne Epoche auf das Äuge des Künstlers
ausübt. Man sollte es nicht für möglich halten,
daß die Gotik des Naumburger Westchores sich
so allen Ernstes durch das Äuge des Zeichners
in einen Barocksaal mit Pilastern und krausen
korinthischen Kapitalen, mit einem durchlaufen-
den Sims und großen Lünetten darüber zu ver-
wandeln vermöchte. Das Maßwerk der Fenster
ist zu leeren Rundfenstern geworden. Nur in
der Wiedergabe der Decke klingen gotische Er-
innerungen an. Die Figuren sind fast bis auf
den Fußboden herabgestiegen. Und wie sind
die Personen selbst ins Barockmäßige abge-
wandelt! Die Frauen machen sogar den tiefen
Brustausschnitt der damaligen Mode mit und
die Männer tragen Ällongeperrücken, die bis
auf die Schultern herabreichen. Der brave alte
Sizzo von Käfernburg, links hinten, hat seinen
Vollbart verloren; nur die Stellung des Schwertes
und des Schildes erinnert noch an das Vorbild,
wie denn in derartigen Einzelheiten der Zeichner
unverkennbar das Bestreben hat, getreu zu sein.
Daß diese, uns so lächerlich anmutende, Dar-
stellung den Historiker Schamelius befriedigte,
sodaß er sie würdig befand, zur Erläuterung
der Beschreibung der Stifterfiguren in die Neu-
auflage der Groitzsch’schen Schrift eingefügt zu
werden, beweist so recht die Anspruchslosig-
keit früherer Zeiten in bezug auf Treue der
Wiedergabe. Dem Kunsthistoriker ist das ja
keine neue Weisheit. Aber welches Gewicht
wird selbst in ernsthaften Werken immer
noch hie und da auf angeblich zuverlässige
alte Abbildungen von Bauten und Skulpturen
gelegt!

Um allen etwaigen Irrtümern vorzubeugen,
sei noch ausdrücklich hervorgehoben, daß die Ver-
zopfung des Naumburger Domes während des
XVIII. Jahrhunderts, die Bergner im Inventar
der Naumburger Kunstdenkmäler erwähnt, sich
nach allem, was man darüber weiß, nur auf
das Langhaus erstreckt hat, daß der Westchor
aber davon unberührt geblieben ist. Das er-
gibt sich auch aus den Berichten über die im
letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts am West-
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