Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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DERCICERDNE

HäLBTAONATS s chrift
FUK-DIE-INTERES S EN -DES

Kunstforschers & Sammlers

I. Jahrgang 8. Heft 1909

Der Hausbuchmeister in den Niederlanden?

Von Max Geisberg

Der Meister des Hausbuches hat bekanntlich anfangs als ein Niederländer ge-
golten, woran, abgesehen von dem Hauptfundorte seiner seltenen Stiche, dem Amster-
damer Kabinette, seine an die spätere holländische Kunst erinnernden Bauern- und
Bettlerdarstellungen schuld waren. Aber während noch ein Kenner wie Renouvier
meinte, er könne nur Holländer gewesen sein, war Passavant mehr geneigt, in seinen
Arbeiten flandrischen Kunstcharakter zu sehen. Dementsprechend führt er ihn in seinem
Peintre-Graveur als den Anonymen der van Eyck-Schule auf. Seitdem man ihn mit
Sicherheit zu den mittelrheinischen Künstlern zählen darf, ist man geneigt, den nieder-
ländischen Einfluß bei ihm nur gering anzuschlagen.

Nun ist eine Tatsache, die ihn meines Ermessens zweifellos in Beziehungen zu
den Niederlanden (die für einen Künstler seiner Zeit, in der ja tausend Fäden von der
niederländischen Kunst zur deutschen hinüberführen, gewiß nichts Befremdliches sein
werden) bringt, schon seit mehreren Jahren festgestellt, ohne daß, soweit ich sehe, die
für unseren Meister nicht unwichtigen Schlußfolgerungen daraus gezogen wären. Es
handelt sich um die von ihm herrührende Illustration zu dem 1476 bei Colard Mansion
in Brügge erschienenen Werke: de la Ruyne des nobles hommes et femmes von
Boccaccio. Der Stich, ein Unikum der Kupferstichsammlung der Pariser National-
bibliothek, stellt den Geschichtenschreiber Boccaccio in seinem Arbeitszimmer dar, dem,
entsprechend dem ersten Buche des Werkes, Adam und Eva ihre Erlebnisse erzählen.
Das Blatt1), das Lehrs zur Zeit seiner Veröffentlichung der Stiche des Hausbuchmeisters
durch die Chalkographische Gesellschaft 1893/1894 noch unbekannt war, ist dann 1902
von ihm im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen gelegentlich seines Aufsatzes
über den Boccaccio-Stecher veröffentlicht worden. Die auf Duplessis zurückgehende Zu-
weisung des Stiches an den Hausbuchmeister ist unbedingt richtig, was wohl niemand,
der das Original gesehen, bezweifeln wird. Nun gibt es zwei weitere den gleichen

l) P. II, 275,4 Cop. Wie die beiden folgenden im Jahrbuch der Preuß. K.-S. 1902 reproduziert.

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