Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der IX. Internationale Kunsthistorische Kongreß

In den Tagen vom 16. bis zum 20. September
hat in München der IX. internationale kunst-
historische Kongreß stattgetunden. Vor allem
wohl aus Freude über die Wahl des Kongreß-
ortes, derjenigen deutschen Stadt, die dem künst-
lerisch empfindenden Menschen als die schönste
in deutschen Landen gilt, war eine außergewöhn-
liche Zahl vonTeilnehmern zusammen gekommen,
weit mehr als das Doppelte der Kongressisten
in Darmstadt vor zwei Jahren. Wohl fehlte
leider gar manche bedeutungsvolle Persönlich-
keit, deren Erscheinung auf früheren Kongressen
als Mittelpunkt eines bestimmten Kreises gelten
durfte, wohl wünschten Viele wiederum vor-
zügliche Worte aus dem Munde der be-
rufenen Redner zu vernehmen, denen sie sonst
in weihevoller Stimmung gelauscht, und die
diesmal fern geblieben waren. Für diesen Ver-
lust kann freilich auch die zahlreichste allgemeine
Beteiligung keinen Ersatz bieten. Dafür suchte
das internationale Gepräge zu entschädigen, die
Anwesenheit von zahlreichen Gelehrten des
Auslandes, an deren Spitze, herzlich begrüßt,
Ädolfo Venturi nach München gekommen war.
Auch die Reichhaltigkeit der Darbietungen, die
fast in überwältigendem Maße in München
den Teilnehmern gewährt wurden, dank dem
Entgegenkommen der sämtlichen staatlichen An-
stalten und Dank der Tätigkeit des Münchner
Ortsausschusses, mußte eine freudige Stimmung
zur Folge haben, die sich im Verlaufe der Tage
ständig steigerte und in der Erinnerung noch
lange nachwirken wird.

Da die Verhandlungen des kunstwissenschaft-
lichen Kongresses im Druck zugänglich gemacht
werden, begnügen wir uns mit einem kurzen,
auszugsweisen Bericht über den Gang der Ver-
handlungen und mit der Nennung der zahlreichen
Vorträge, deren ausführliche Behandlung an
dieser Stelle zu weit führen würde.

Nachdem vorläufige Beratungen verschiedener
Kommissionen erfolgt waren, fand am Abend
des 16. September im Sitzungssaale der könig-
lichen Akademie der Wissenschaften, wo ein
großer Teil der Sitzungen gehalten wurde,
die offizielle Begrüßung der Teilnehmer statt.
Am Morgen des nächsten Tages begannen
sogleich die Verhandlungen, bei welchen sich
der Vorstand zunächst streng an das von dem
letzten kunstwissenschaftlichen Kongreß in Darm-
stadt festgelegte Programm für die zwischen

jenem und diesem Kongreß gelegene Ärbeits-
periode hielt. In diesem Sinne erstattete der
Vorsitzende, Prof. Dr. Kautz sch-Darmstadt den
Geschäftsbericht, während der Schatzmeister,
Dr. Warburg-Hamburg, über die finanzielle
Lage sich äußerte. Eine Änderung der Statuten
wurde vorgeschlagen und angenommen insofern
als in Zukunft von den Mitgliedern des Kon-
gresses nicht mehr ein bestimmter sondern ein
für jede Tagung besonders festgesetzter Beitrag
erhoben werden soll. Zur Regelung der Zeit-
schriftenfrage im Anschluß an die Bestimmung
des letzten Kongresses, daß eine den wissen-
schaftlichen Ansprüchen genügende Zeitschrift
geschaffen werden solle, wurde eine Kommission
gewählt, der die Herren Clemen, Dvorak, Gold-
schmidt, Kötschau, Spemann, Steinmann, Gronau,
Bassermann-Jordan und Fröhlich angehörten.
Über die Behandlung der Frage der Errichtung
einer ikonographischen Gesellschaft wurde eine
weitere Kommission eingesetzt, ebenso für
die Erledigung der Frage der Erleichterung
des Museumsbesuches. Hier hatte der Ausschuß
bereits durch eine an den Staatssekretär des
Innern gerichtete Eingabe erfreulich vorgear-
beitet. Nur an diesen letzten Punkt schloß sich
eine kurze Debatte an, bei welcher u. a. Wünsche
geäußert wurden, es möge bei wissenschaftlichen
Arbeiten den Kunsthistorikern gestattet sein,
auch außerhalb der offiziellen Besuchsstunden
in den staatlichen und städtischen Sammlungen
und den Kirchen zu arbeiten, ferner es möge eine
offizielle Legitimationskarte eingeführt werden,
deren Besitz den unentgeltlichen Eintritt mit
sich bringt.

Hierauf ergriff Prof. Dvorak das Wort, um
in einer ausführlichen mit der größten Teilnahme
aufgenommenen Rede über die letzten litera-
rischen Projekte Franz Wickhoffs zu sprechen
eine Geschichte des Naturalismus in der Kunst
d. h. der künstlerischen Normen in ihren Ver-
hältnissen zur Natur, Untersuchungen über die
Raffaelschen Zeichnungen, ein Werk über Gior-
gione in drei Kapiteln: 1. die Legende Giorgiones,
die Veränderung der Vorstellung von dem
Frühverstorbenen in dem Wandel der Zeiten
2. Lösung der Attributionsprobleme, Tizians und
Bellinis Werke in ihrem Verhältnis zum Werk
des Giorgione 3. das wirkliche Verhältnis des
Giorgione zu der Kunst und Kultur seiner Zeit,
nicht Giorgione, sondern Tizian der wahre Be-
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