Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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ziemlich bedeutenden Artillerie waren über die Bereſina
gekommen, aber in welchem Zuſtande waren dieſe Trup-
pen! Ein neuer heftiger Froſt gab ihnen völlig den
Reſt. Alles warf jetzt beinahe die Waffen weg, die
Meiſten hatten weder Schuhe noch Stiefel, ſondern
Decken, Torniſter oder alte Hüte um die Füße gebun-
den. Jeder hatte das erſte beſte, was er gefunden,
ſich um Kopf und Schultern gehangen, um eine Hülle
mehr zu haben gegen die Kälte; alte Säcke, zerriſſene
Strohmatteu, friſch abgezogene Häute u. ſ. w., glück-
lich wer irgendwo ein Stückchen Pelz erobert hatte:
mit untergeſchlagenen Armen und tief verhüllten Ge-
ſichtern zogen Offiziere und Soldaten in tiefer Betäu-
bung neveneinander her, die Garden unterſchieden ſich
in nichts mehr von den Uebrigen, ſie waren wie dieſe
zerlumpt, verhungert und ohne Waffen; alle Gegen-
wehr hatte auſgehört, der bloße Ruf: Koſak! brachte
ganze Kolonnen in kurzen Trab, und mehrere Hundert
wurden oft von wenigen Koſaken zu Gefangenen ge-
macht. Der Weg, den die Armee zog, füllte ſich mit
Leichen, und jedes Bivouak glich am Morgeu einem
Schlachtfelde; ſowie Einer vor Ermattung hinſtürzte,
fielen die Nächſten über ihn her und zogen ihn, noch
ehe er todt war, nackt aus, um ſich mit ſeinen Lum-
pen zu behängen; alle Häuſer und Scheunen wurden
verbrannt, und auf jeder Brandſtäite lagen ganze Hau-
fen von Todten, die, um ſich zu wärmen, genaht wa-
ren und aus Kraftloſigkeit dem Feuer nicht mehr hat-
ten entfliehen können. Die ganze Landſtraße wimmelte
von Gefangenen, die Niemand mehr beobachtete, und
hier ſah man Scenen des Gräuels, wie ſie noch nie
erlebt worden ſind; von Rauch und Schmutz ganz ſchwarz
ſchlichen ſie wie Geſpenſter auf den Grabſtätten ihrer
todten Kameraden herum, bis ſie hinſielen und ſtar-
ben. Mit bloßen Füßen, in denen der Brand ſchon
war, hinkten Manche noch auf dem Wege bewußtlos
fort, Andere hatten die Sprache verloren und Viele
waren vor Hunger und Kälte in eine Art wahnfinnige
Betäubung gefallen. Manche waren ſchon ſo ſchwach,
daß ſie nicht einmal mehr Holz herantragen konnten,
dieſe ſaßen auf ihren todten Gefährten, dicht gedrängt
um irgend ein kleines Feuer, das ſie gefunden, herum,
und ſtarben, ſowie dieſes erloſch. Jm Zuſtande der
Bewuſtloſigkeit ſah man ſie freiwillig in's Feuer hi-
neinkriechen, und wimmernd ſich verbrennen in der
Meinung ſich zu wärmen, und Andere ihnen nachkrie-
chen, und den nämlichen Tod finden.
Das war das Ende der großen Armee, die nach
Verlauf von taum ſechs Monaten eine halbe Million
Soldaten weuger zählte. Am 24. November war Na-
poleon durch Willna gekommen und eilte fort und fort
nach Paris. Das 29. Bulletin aber ſchloß mit den
Worten: "Die Geſundheit Seiner Majeſtät iſt nie beſ-
ſer geweſen.

ger erſchöpften, elenden Reſte der großen Armee im-
mer vorwärts hetzte, geſellte ſich den Leiden der Un-
glücklichen ſchon in der erſten Novemberwoche ein nor-
diſcher Winter in aller Strenge. Die Phantaſie ver-
mag nicht, Bilder zu erfinden, welche an Gräßlichkeit
alle die furchtbaren Einzelheiten jenes Rückzuges über-
böten. Jede Nacht erfroren viele Hunderte, und am
Tage ſtarben eben ſo viel an gänzlicher Entkräftung,
eine Reihe von Leichen bezeichnete den Weg, den die
Armee ging. Die Soldaten warfen haufenweis die
Gewehre weg, Ordnung und Disziplin hatten aufge-
hört. Ee war ein "Triumphzug des Todes," wie ſich
ein Augenzeuge ausdrückt. Der Uebergang über die
Bereſina, Ende Rovembers, ſchildert der General Ernſt
von Pfuel, damals Major in ruſſiſchen Dienſten, wie
folgt: "Dieſer Uebergang wird wegen ſeiner Schreck-
niſſe lange in dem Gedächtniſſe der Soldaten leben;
zwei Tage dauerte er; gleich vom Anfange drängteu
ſich die Truppen in Unordnung hinüber, denn mit Ord-
nung geſchah ſchon längſt nichts mehr in der franzöſi-
ſchen Armee; und ſchon damals fanden Viele im Waſ-
ſer ihr Grab; doch als die ruſſiſchen Heere die Korps
von Victor und Dombrowsky zurückwarfen, und Alles
in wilder Flucht der Brücke zuſtürzte, da erreichte Ver-
wirrung und Schrecken bald den Gipfel. Artillerie und
Bagage, und Kavallerie und Jnfanterie, Alles wollte
zuerſt hinüber, der Stärkere warf den Schwächeren,
der ſeine Flucht aufhielt, in's Waſſer oder ſchlug ihn
zu Boden, gleichviel ob Offizier oder nicht; viele Hun-
derte wurden von den Kanonen gerädert, Viele ſuch-
ten den kurzen Raum zu durchſchwimmen und erſtarr-
ten, Viele verſuchten über die hin und her befindliche
Eisdecke zu gehen und verſanken; überall Geſchrei nach
Hülfe und nirgends Rettung. Als endlich die ruſſi-
ſchen Batterien die Brücke und beide Ufer zu beſchie-
ßen anfiengen, hatte der Uebergang ein Ende. - Tau-
ſerde waren ertrunken oder zwiſchen den Eisſchollen
in der Geberde des Schmerzes oder der Verzweiflung
erſtarrt, eben ſo viele erſchlagen und eine Menge Ka-
nonen und Bagage blieben verlaſſen auf den linken
Ufern zurück."
Be dieſer Gelegenheit wird uns ein Zug von Ge-
fühlloſigkeit mitgetheilt, den man ſich ſträuben muß zu
glauben, trotz der Glaubwürdigkeit des Berichterſtatters.
Der franzöſiſche Kaiſer, erzählt Pfuel, hatte trotz der
in ſeiner unglückſeligen Armee täglich ſich wiederholen-
den Scenen des Elends und des Jammers ſo wenig
ſeinen guten Humor verloren, daß, als er bei der
Schreckenspaſſage der Bereſina über die Brücke fuhr,
die auf todten Pferden und Menſchen ruhte, und wo
rechts und links ganze Schaaren von Erſtarrenden und
Ertrinkendeu mit dem Tode rangen, er dieſe Unglück-
lichen ſcherzhafter Weiſe crapaus (Kröten) nannte.
Die dritte Periode des Rückzuges, ſchreibt der näm-
liche Erzähler, der ſich im Tſcherniſcheff'ſchen Koſaken-
korps an der Spitze der Verfolgungsſchaaren befand,
von der Bereſina bis zum Niemen und von da weiter
in's Preußiſche zeigt nichts als eine Jagd längs der
grotzen Straße. Ungefähr 40,000 Mann mit einer
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