Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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eleleeeſer lbbü.
-

dr. 22.

Samſtag, den 18. März 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Stimme des Gewiſſens.

Aus dem Tagebuch eines engliſchen Advokaten
(Fortſetzung.)

chen zugebracht und es war beinah Sonnenuntergang,
als wir uns auf den Rückweg nach Cambridge mach-
ten. Es war ein ſchöner, ſtiller Abend, als wir je-
nen Platz verließen, es fing aber bald an, ſtark zu reg-
nen und beim Drängen nach den Mänteln und Schir-
men, was der plötzlich eingetretene Regenſchauer ver-
anlaßte, ſchlug der Kahn beinah ganz um. Er richtete
ſich indeſſen wieder auf, und dieſer Umſtand war den
Knaben Veranlaſſung zur Freude. Auf mich hingegen
machte er eine ganz andere Wirkung. Seitdem die
Epidemie die Gedanken, die ich ſchon erwähnte, in mir
erweckt hatte, war ſchon über ein Jahr verfloſſen und
ich hatte die Sache beinahe, wenn auch nicht ganz ver-
geſſen. Jn jenem Augenblicke aber drängten die Ge-
danken, die mich damals heimgeſucht hatten, mit zehn-
mal ſtärkerer Gewalt ſich mir wieder auf. Wenn der
Kahn umgeſchlagen wäre, ſagte ich zu mir ſelbſt, wäh-
rend ich ſchweigend im Hintertheil deſſelben ſaß. -
Wenn er umgeſchlagen wäre! und die Ausſicht zum
Reichthum lag wieder offen vor mir. Die drei Knaben
jauchzten vor Freude, lachten und ſcherzten im Schiff-
chen, und ich ſaß hinten in demſelben und legte mir
ſelbſt jenen Fall vor. Es war aber nichts weiter als
ein Gedanke, Thornton, als eine Phantaſie; ich wußte,
außer mir konnte Niemand ſchwimmen; ein böſer Vor-
ſatz kam mir aber eben ſo wenig in den Sinn, wie
Jhnen. Jch zog nur die wahrſcheinlichen Folgen eines
Ereigniſſes, welches ſich beinahe zugetragen hätte, in
Erwägung.

Dieſe Jdee kehrte immer wieder, und wurde von mir
ſo gern unterhalten, daß ich die ganze Nacht ſchlaflos
zubrachte, und Pläne machte, wie ich das große Ver-
mögen anwenden wollte, ohne daran zu denken, daß
dann noch zwiſchen uns und der Erbſchaft ein anderes
Leben, das meines Schwiegervaters, ſtand. Den näch-
ſten Morgen traten indeß günſtige Umſtände bei der
Krankheit ein, und die drei Knaben genaſen wieder.
Die ſo plötzlich entſtandenen Hoffnungen hatten ſich je-
doch meines Geiſtes dermaßen bemächtigt, daß, ſtatt
durch die Geneſung verſcheucht zu werden, die ihm na-
türlich jeden Grund, den er jemals dazu haben konnte,
nahm, ich mich nicht nur von der Grauſamkeit dieſer
Vereitelung überzeugt hielt, ſondern auch das Gefühl
hatte, als habe ein widriges Ereigniß mich um etwas
gebracht, das mir gehöre, und nur noch nicht in mei-
uer Gewalt ſei. Wie nahe ſtand ich dem Reichthum!
war der Gedanke, auf den ich immer wieder zurückkam.
Sie, Thornton, ſind vielleicht nicht vermögend, dieſe
Gefühle zu begreifen; auch ich vermochte es nicht eher,
als bis die Ereigniſſe ſtattfanden, die ſie erzeugten.
Hier hielt Moreton einen Augenblick an. Jch un-
terbrach ihn aber nicht, und als er mit ſeiner Hand
über die Stirn gefahren war, und mit zitternder Stimme
begehrt hatte, ich möchie ihm ein Glas Wein einſchenken,
fuhr er fort:
Sie müſſen wiſſen, Thornton, dies waren bloſe Ge-
danken, flüchtige Phantaſien; hätte ich am Kranken-
bette jener Knaben geſtanden, als ihr Lebensſunke dem
Verlöſchen nahe war, ſo würde ich ihn nicht ausgebla-
ſen haben. Hätten zwei Phiolen, die eine Geſundheit
und die andere den Tod enthaltend, neben einander ge-
ſtanden, ſo glauben Sie ja nicht, daß ich Jhnen die
Letztere gereicht haben würde. - Nein, ich war kein
Mörder, Thornton! kein Mörder - - damals!
Der Fluß, den wir hier in der Nähe haben, iſt Jh-
nen bekannt und Sie wiſſen, daß ich ein Liebhaber von
Luſtfahrten auf dem Waſſer bin. Die drei Knaben
machten ſich dieſes Vergnügen oft und manchma! traf
es ſich, daß ich Sie begleitete. Eines Tages, gegen
Ende Anguſts, hatten wir den Tag auf den Aal Tei-

Nun, wir fuhren weiter fort und es wurde bald
dunkel, dann ging der Mond auf und wir ſetzten un-
ſere Fahrt ſtromaufwärts fort. Unſer Kahn war al-
lein auf dem Fluſſe, bis wir keine zwei Meilen mehr
von Cambridge waren. Auch ich hatte von Zeit zu
Zeit das Ruder zur Hand genommen, jetzt ſaß ich aber
im Hintertheile des Kahnes, wo mir beſtändig Etwas
zuflüſterte: Wenn der Kahn umgeſchlagen wäre! Jch
brauche Jhnen nicht zu ſagen, Thornton, daß Kleinig-
keiten auf die größten Ereigniſſe einwirken; eine dieſer
Kleinigkeiten fand gerade n dieſem Augenblicke ſtatt.
Jch hatte einen Hund bei mir, zu dem einer der Kna-
ben etwas lateiniſch ſagte. Sprich doch nicht laleiniſch
mit dem Hunde, ſagte der andere, ſein Herr verſteht
ja kein Latein. Ja wohl, ſagte der älteſte, verſteht er
es, Herr Moreton ſpricht jedoch - Hundelatein. Dies,
Thornton, war eine unbedeutende Sache, allein ſie ver-
droß mich. Der älteſte Knabe zumal war, wegen ſei-
uer gelehrten Erziehung, immer anmaßend; er war ein
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