Heidelberger Volksblatt — 4.1871

Page: 113
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1871/0117
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SX .l".
elleelkk lella.

29.

Mittwoch, den 12. April 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Zu ſpät.

(Fortſetzung.)

wagte ich ihn mit der Frage zu unterbrechen: "Und
Jeannette?"
Er blieb am Fenſter ſtehen und ſah wieder in den
Mond empor. - "Jeannette! - Er hat ſie geſucht
wie ſeine Seligkeit und hat nie eine Spur von ihr ge-
funden. Sein Leben iſt zerſtört, jammervoll zerſtört.
Was hat er von ſeiner behaglichen Exiſtenz, die er ſich
im neuen Vaterlande erkämpft, für wen hat er ſie
errungen? Jhm ſelber iſt das Leben ja nur noch eine
Pflichterfüllung."
"Sprich nicht ſo, Paul, Du biſt ja noch nicht ſo
alt, daß nicht noch -"
Er wehrte mit der Hand. "Des Lebens Mai blüht
einmal und nicht wieder. Laß ihn gehen, den finſte-
ren Träumer, und kümmere Dich, trotzdem daß er Dir
ein Stück Vertrauen gezeigt, möglichſt wenig um ihn."
Bewegt drückte ich ihm die Hand. Wie klein kam
ich mir vor mit meinen winzigen Ereigniſſen, dieſem
Manne gegenüber; wie ruhig in hundertjährigem Ge-
leiſe hatte ſich mein Leben abgeſponnen. Faſt ſchüch-
tern mag daher wohl die Frage nach den Anderen,
die in der Geſchichte des Freundes eine Rolle geſpielt,
geklungen haben
"Die Anderen? - Ja, da ſieht- wieder ein-
mal, wie ein Fuchs immer ſeinen M. findet. Der
alte Graf iſt todt ſeit einigen Jahren. Viktor hat na-
türlich nur einen Pflichttheil erhalten, Alfred die Erb-
ſchaft. Pater Benedikt aber, der nun den Unumſchränk-
ten ſpielen zu können vermeinte, hatte ſich in ſeinem
Zögling einen ſo guten Schüler gezogen, daß der neue
Herr ihn bei der erſten Gelegenheit kopfüber zum Haus
hinansgeworfen hat. Weiter weiß ich nichts und mag
ich nichts wiſſen. - Verſprich mir aber noch eins
Freund! Wenn ich falle, ſo nimm das kleine Taſchen-
büchlein, das Du hier in meiner Bruſttaſche findeſt,
nach Dir und vernichte es; aber auch Du ſollſt keinen
Blick hineinwerfen. Verſprich mir das."
Jch verſprach's gern. "Laß doch aber dieſe ewigen
Todesgedanken, Paul; warum ſoll's denn gefallen ſein?
Wir werden Beide noch unſern Siegeseinzug in Ber-
lin halten."
"Jch kann's nicht glauben," entgegnete er düſter.
Gebe nur Gott, daß mich wenigſtens die Kugel vor
dem Feinde treffe und ich einen ehrlichen Soldatentod
finde, wie tauſende meiner Brüder, daß der Paul Karr-
ſtedt nicht hinterrücks aus der Liſte der Lebendigen ge-
ſtrichen werde. Doch, wie Gott will."

'.

Der alte Graf ſtand in der Thür, und ſeine Au-
gen blitzten einmal wieder mit der alten Energie, die
Viktor früher an ihm gekannt hatte. Jn dieſem Au-
genblicke fürchtete ſich der Sohn vor dem Vater, und
bereute die Wuth, von der er ſich hatte fortreißen laſ-
ſen. Er fühlte, daß er damit das Spiel verloren
hatte.
"Was geht hier vor? Bildeſt Du Dir ein, Monſieur
Viktor, daß Du jetzt ſchon der Herr im Hauſe biſt?
Folge mir, ſchon lange habe ich ein ernſtes Wort mit
Dir reden wollen. Jhr aber führt den Pater auf ſein
Zimmer und ſorgt für ihn," herrſchte er die Diener
an, die gleichfalls im Korridor erſchienen waren.
Viktor hatte das Spiel verloren. Die Mine war
zu geſchickt angelegt geweſen, als daß ſie nicht hätte zu
rechter Zeit, am rechten Orte ſpringen ſollen. Zu ſpät
hatte Viktor die ganze Hinterliſt ſeines Gegners er-
kannt, zu ſpät eingeſehen, daß er ihm ſelbſt die Waf-
fen gegen ſich in die Hand geliefert. Etwas weniger
Vertrauen in ſeine Sicherheit, etwas mehr Mißtrauen
dem Bruder und dem Pfaffen gegenüber, würde Man-
ches nicht haben geſchehen laſſen. Er hatte das Spiel
verloren: denn es ſtand nicht allein der Sohn dem Va-
ter, ſondern auch der vornrtheilsfreie, ganz von ſeinem
Mannesſtolze und ſeiner Mannesehre erfüllte Sohn ei-
ner neuen Zeit dem alten, in Standesvorurtheilen
großgezogenen und dieſe wie ein Heiligthum bewahren-
den Edelmanne gegenüber. Als ein Verſtoßener und
Geächteter verließ er nach einer harten Scene das
Zimmer ſeines Vaters, aber feſten Schrittes und trotzi-
gen Muthes, bereit, den Kampf um's Daſein aufzuneh-
men mit der Welt.
"Laß gut ſein, Pierre, alter Knabe," tröſtate er auf
dem Bahnhofe zu Sulz ſeinen treuen Diener, welcher
mit dem Pferde, das ihn hierhergetragen, zurückkehren
ſollte in's Vaterhaus. "Laß gut ſein, Pierre, geſche-
hene Dinge ſind nicht ungeſchehen zu machen. Jch
habe Deine Warnungen überhört. Jetzt iſt's - zu
ſpät!" - -
Der Erzähler ſtand auf und begann ſeinen Gang
durch's Zimmer von neuem. Erſt nach längerer Zeit
loading ...