Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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aus angeſehen, dieſer Ruhm, der ſich mehr auf eine
gewandte Gruppirung der Tharſachen, auf eine blen-
dende Darſtellungsgabe und namentlich auf eine ge-
ſchickte Ausbeutung der nationalen Vorurtheile der
Franzoſen ſtützt, als auf eine gründliche Erforſchung
des Geſchehenen, auf eine kritiſche Sichtung der Quel-
len und eine objektive unpartheiiſche Würdigung der
Dinge, nicht beſtehen kann. Von größter Bedeutung
indeß war die politiſche Tragweite der Thiers'ſchen Re-
volutionsgeſchichte, die namentlich vom dritten Bande
an durch die darin niedergelegten Reſultate ſeiner Stu-
dien über Finanzen, Krieg u. ſ. w. das größte Jnte-
reſſe erregte. Er tritt in derſelben als ein begeiſterter
Lobredner der Revolution auf, deren Rechtfertigung
ſelbſt in ihren Ausartungen er durchaus nicht ſcheut.
Obgleich er indeß vorſichtig genug war, nicht alle Hand-
lungen des Konvents und des Wohlfarthsausſchuſſes
in dieſe Rechtfertigung einzuſchließen, ſo genügte doch
ſchon dieſe ungewohnte Art der Darſtellung der Er-
eigniſſe am Ende des vorigen Jahrhunderts, welche in-
direkt eine Verurtheilung der noch regierenden Königs-
familie enthielt, um in den Reihen der Royaliſten ei-
nen Aufſchrei des Entſetzens hervorznrufen und in der
jungen Generation die Hoffnung auf eine neue Revo-
lution zu erwecken.
Die Erwartungen der Oppoſition, namentlich der
außerparlamentariſchen, waren indeß ſehr im Sinken
begriffen, als im Februar 1828 Karl X. den Vicomte
de Martiguae an die Spitze der Verwaltung derief,
und dieſer Miniſter durch zeitgemäße Reformen die
Mißgriffe ſeines Vorgängers Villele zu heilen beſtrebt
war. Thiers, augenſchenlich in der Ueberzeugung, daß
vor der Hand an einen Umſchwung der Dinge nicht zu
denken ſei, hatte bereits den Entſchluß gefaßt, mit dem
Kapitän Laplace eine Reiſe um die Welt zu machen,
war aber von dieſer Abſicht wieder zurückgekommen,
als der ſromm gewordene König den als ſtarren Abſo-
lutiſten bekannten Fürſten Polignae berief, und allen
einſichtsvollen und mit dem Charakter der Franzoſen
vertrauten Politikern der baldige Eintritt einer Kato-
ſtrophe unvermeidlich erſchien.
Bereits im Jannar des Jahres 1830 hatte er in
Verbindung mit dem Geſchichtsſchreiber Mignet und
dem Republikaner Armand Carrel ein neues Blatt, den
"National" gegründet, das am entſchiedenſteu dazu
dienen ſollte, den Sturz dea älteren Linie der Bourbo-
nen zu beſchleunigen, und die Erhebung des Hauſes
Orleans vorzubereiten.
Als die berüchtigten Ordonnanzen des Juli erſchie-
nen waren, wurde auf dem Redaktions-Bureau de
"Rational" jene berühmte Proteſtation unterzeichnet,
welche hauptſächlich aus der Feder von Thiers gefloſ-
ſen, den erſten Anſtoß zu der glorreichen Woche des
Juli gegeben hat. Sie war ein Meiſterſtück eines po-
litiſchen Programms.


geiz nicht befriedigen konnte, ſo begab er ſich im Sep-
tember 1821 nach dem Eldorado aller ehrgeizigen Fran-
zoſen, nach Paris, welches auch für ihn die Wiege und
der Schauplatz des Ruhmes werden ſollte. Durch die
Protektion des populären freiſinnigen Deputirten Ma-
nuel erhielt er eine Stelle an einem bekannten Oppo-
ſitionsblatte, dem "Eonſtitutionnel," wo ſeine gewandte
Styliſtik und ſeine bereits in Aix begonnenen Studien
der Geſchichte, der Politik und der Volkswirthſchaſt,
getragen von der unverwüſtlichen Einbildungskraft des
Südens und einer ungewöhnlichen Energie des Aus-
drucks, ihn bald über alle anderen Mitarbeiter hinweg-
hoben. Er wurde nach einander Mitarbeiter an ver-
ſchiedenen Organen der dynaſtiſchen Oppoſition gegen
die Bourbons und bereitete ſich auf ſeine ſpätere ſtaats-
männiſche Laufbahn gleichzeitig durch polltiſche Vorle-
ſungen vor, die er am Athenäum über die Reforma-
tion und die engliſche Revolution hielt, Gegenſtände,
welche zu jener Zeit Lieblingsthemata aller jener Vo-
litiker waren, welche in Karl X. und dem von ihm be-
folgten Syſtem nur eine Wiederholung der verfehlten
Regierung der nach dem Tode Cromwells reſtaurirten
Stuarts erblickten und bereits in dem Herzog von Or-
leans einen zweiten Wilhelm von Oranien zu ſehen
glaubten. Von dieſem Geiſte war die Thätigkeit ei-
ner Anzahl junger Schriftſteller geleitet, deren Mittel-
punkt der junge Rechtsgelehrte, deſſen Ehrgeiz mit den
Erſolgen wuchs, und der bereits glückliche Verbindun-
gen mit den politiſchen Crößen jener Tage angeknüpft
hatte, ſehr bald wurde. Auch in der Geſchichtsbeſchrei-
bung jener Tage entwickelte ſich derſelbe Geiſt, der die
Erhebung des Hauſes Orleans auf den franzöſiſchen
Thron vorbereitete. Die letzten Jahre der Reſtaura-
tion hatten die Neigung zum Verſenken in das Stu-
dium der Vergangenheit um ſo mehr genährt, je troſt-
loſer der Anblick der Gegenwart war, und je ungewiſ-
ſer ſich die Ausſichteu in die unmittelbare Zukunft ge-
ſtalteten. Thiers hatte bereitsdurch ſeine geiſtvollen
Vorleſungen am Athenäum, die ſchließlich auch die Ge-
ſchichte der franzöſiſchen Revolution in ihr Bereich zo-
gen, bewieſen, daß ſein politiſcher Blick und ſeine
Kenntniſſe weit über die Anforderungen hinausreich-
ten, die an ein Mitglied der Tagesliteratur geſtellt zu
werden pflegen. So zog denn der Hiſtoriker Felix Bo-
din den kaum achtundzwanzigjährigen jungen Mann
hinzu, als ſeine Verleger von ihm eine Fortſetzung von
Anquetetil's Geſchichte von Frankreich durch Darſtellung
des Revolutions-Zeitalters verlangten. Der Erfolg der
Revolutions-Geſchichte war ein ſo bedeutender, daß die
Verleger die beiden erſten Bände einſtampfen ließen,
um das Werk in erweitertem Umfange erſcheinen zu
laſſen. Jn dieſer Form kam es heraus unter dem al-
leinigen Namen von Thiers, der ſich durch emſige und
ernſte Studien für die Geſchichte der Revolution, in
die er ſich durch Männer wie Baron Louis, Foy und
Jomini einführen ließ, ſorgfältig vorbereitete. Durch
dieſes erſte größere Werk begründete der noch nicht
dreißigjährige Publiziſt ſeinen Ruhm als Hiſtoriker,
wenn auch von dem Standpunkte deutſcher Wiſſenſchaft

(Fortſetzung folgt.)
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