Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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mäler. So ſchmeichelte er den zahlreichen bonepar-
tiſtiſchen Sympathien durch Herſtellung des Standbil-
des Napoleon J. auf der Vedöme-Säule und durch Vol-
lendung des Triumpfbogens de J'Etoilo. Schon da-
mals trug er ſich mit dem Plane einer Befeſtigung
von Paris, konnte aber damit bei dem Könige noch
nicht durchdringen. Nach dem Rücktritt des Miniſte-
riums Gerard übernahm Thiers das Portefeuille des
Jnnern, welches er bis zum Februar 1836 behielt, und
während dieſer Zeit erwies er ſich als ein rückſichts-
loſer Feind der Republikaner, welche den Thron Louis
Philipp's zu ſtürzen bemüht waren, indem er die Auf-
ſtände in Paris und Lyon mit aller Energie zu Bo-
den ſchlug. Jn der Kammer ſetzte er die berüchtigten
Septembergeſetze durch, welche die Preſſe und das Ver-
einsrecht weſentlich beſchränkten. Er brach hierdurch
vollſtändig mit der republikaniſchon Partei, mit der er
bis dahin noch Beziehungen unterhalten hatte. Um
dem Thron die durch die reaktionäreu Maßregeln er-
ſchütierten Sympathien der Maſſen wieder zuzuführen,
ſchlug das Miniſterium die Herabſetzung der prozeu-
tigen Nente vor, um durch die Erſparung an der Ver-
zinſung der Staatsſchulden eine Erhöhung der Steuern
zu vermeiden. Der König, welcher indeß ſeinen Stütz-
punkt bei den Beſitzenden ſuchte, lehnte das Projekt
ab und veranlaßte dadurch die Abdankung des Mini-
ſteriums. Vierzehn Tage darauf wurde Thiers jedoch
wieder mit der Bildung eines neuen Miniſteriums be-
auftragt, in welchem er den Vorſitz und das Porte-
feuille der auswärtigen Angelegenheiten übernahm. Er
hoffte, den König aus ſeiner bisher beobachteten Paſſi-
vität herauszubringen und für eine energiſche auswär-
tige Politik zu gewinnen, was ihm jedoch nur unvoll-
kommen gelang. Es würde uns zu weit führen, woll-
ten wir an dieſer Stelle in alle Details der Thiers'-
ſchen Leitung der auswärtigen Politik in jener Periode
eingehen, ſo verlockend ein ſolcher Rückblick im gegen-
wärtigen Augenblick auch ſein würde. Louis Philipp
liebte ohnedies ſeinen gewandten Miniſter nicht beſon-
ders, der eine viel zu ſelbſtſtändige Politik verfolgte,
als der Charakter des Konigs ſeinen Räthen einzu-
räumen geneigt war. Ueberdies befand ſich der König
in ſteter Beſorgniß, durch ein kräftiges Eingreifen in
die europäiſche Politik die Sympathien der Großmächte
zu verſcherzen, die nur mit Widerſtreben die neue Ord-
nung der Dinge in Frankreich anerkannt hatten. Thiers
dagegen wollte durch eine kräftige auswärtige Politik
der Nationaleitelkeit der Franzoſen ſchmeicheln, und
dadurch den Thron der Orleans feſter begründen. Je-
deufalls verſtand er das Jnterreſſe Louis Philipp's
beſſer als dieſer ſelbſt, als er der konſtitutionellen Kö-
nigin Jſabella gegen den karliſtiſchen Aufſtand offen
zu Hülfe kommen wollte, da ein Sieg des Dou Carlos
offenbar auf die Stellung der neuen franzöſiſchen Dy-
naſtie ſehr nachtheilig eingewirkt haben würde. Da
der Köuig ſeinem Miniſter ſo weit nicht folgen wollte,
ſo dankte das Miniſterium im Auguſt 1836 ab.
(Fortſetzung folgt.)

Sache der Revolution ergeben, er habe ſich nie gegen
Frankreich geſchlagen, er habe die dreifarbige Fahne
getragen, die Frankreich begehre; er ſpreche ſich nicht
aus, er erwarte des Volkes Wunſch, er werde die
Charte annehmen, wie man ſie ſtets verſtanden, er
werde ſeine Krone von dem franzöſiſchen Volke em-
pfangen. Thiers war es ferner, der weſentlich auf
den Entſchluß des zögernden Herzogs von Orleans ein-
wirkte, ſich entſchieden auf die Seite der Revolution
zu ſtellen, indem er ſich der Hülfe von Mademoiſelle
Adelaide, der einſichtigen und entſchloſſenen Schweſter
Louis Philipps verſicherte. Bis dahin hatte er grund-
ſätzlich den Hof des Prinzen gemieden; nun ſuchte er
ihn in Neully, dem Landaufenthalt des Herzogs, auf,
und als er ihn nicht fand, erbat er ſich eine Unterre-
duug mit der Herzogin, die ihn an Prinzeß Adelaide
wies. Jhr ſagte Thiers, der Sieg der Revolution
und der Sturz der Bourbonen ſei eine unwiderrufliche
Thatſache. Verweigere der Herzog die Annahme der
Krone, ſo falle Frankreich der Republik anheim, und
die Orleans würden in den Sturz der Bourbonen hi-
neingeriſſen. Die Prinzeſſin, erſchüttert durch dieſe
Vorſtellungen, überuahm es, die Einwilligung ihres
Bruders zu erlangen. Nach Karl's X. Abdankung ent-
warf Thiers wieder eine Proklamation, welche dem
ſiegreichen Volke die Erhebung der Orleans mit den
Garantieen einer Verfaſſung empfahl. Er hatte be-
reits für das neue Königthum das Schlagwort gefun-
den, welches gewiſſermaßen ſein politiſches Syſtem be-
zeichnete: "le roi régne, mais il ne gouvorne pas."
(Der König herrſchi, aber regiert nicht.) Auf den
Entſchluß des greiſen Republikaners Lafayette, der ei-
nige Zeit zwiſchen den Orleans und der Nepublik
ſchwankte, ſich ſchließlich aber für die Erhebung der
erſteren erklärte, ſch inen die Vorſtellungen des jungen
Journaliſten nicht weng eingewirkt zu haben. So war
Thiers einer der Mitgründer der Juli-Monarchie, in
deren Dienſt dem ehrgeizigen jungen Manne die lockend-
ſten Ausſichten geboten waren. Schon am 11. Auguſt
wurde er von Louis Philipp zum Staatsrath und Ge-
neral-Sekretär berufen und trot im November als Un-
terſtaats Sekretair der Finanzen in das Miniſterium
ein. Durch die umfaſſenden Studien zu ſeinem Ge-
ſchichtswerk hatte er ſich eine überſichtliche Kenntniß
der Finanzen erworben, und ſo ging der Finanzplan,
welchen das Miniſterium der Kammer vorlegte, zum
großen Theil aus ſeiner Feder hervor. Bald darauf wurde
er von der Stadt Aix zum Deputirten gewählt; ſeine
anfänglichen parlamentariſchen Mißerfolge entmuthig-
ten ihn keineswegs, und bald zeichnete ſich Thiers auch
auf der Rednerbühne und in der parlamentariſchen
Debatte in derſelben Weiſe aus, wie vorher im Re-
daktionsbureau. Nach dem Tode Caſimir Perrier's
wurde Thierszum Miniſter des Jnnern ernannt, über-
nahm aber bald darauf das Miniſterium des Handels
und der öffentlichen Arbeiten. Jn dieſer Stellung
leiſtete er Ausgezeichnetes für die Belebung des Han-
dels und des Gewerbes, zur Beförderung des Eiſen-
bahnbaues, durch Jnangriffnahme populärer Baudenk-
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