Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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D'r Nagglmaier.

toria-Theaters machte ſie die Bekanntſchaft von alten
und jungen Herren, welche die junge Choriſtin ſo lie-
benswürdig fanden, daß ſie ſich nicht verſagen konnten,
ſie nach Reſtaurationslokalen oder nach ihrer Wohnuug
zu geleiten. Dieſe Wohnung war jetzt ſchon ſo con-
fortable, daß die Mutter der Tochter ein eigenes möb-
lirtes Zimmer mit ſeparatem Eingange einrichten konnte;
auch war die Frau Mama gefällig genug, den Herren,
welche dieſem Zimmer die Ehre des Beſuches gaben,
den Kaffee zu ſerviren. Je mehr Mariechens Reize
aufblühten, deſto mehr blühten auch die Verhältniſſe
der Familie auf.
Der Krieg des Jahres 1866 kam und Herr Cerf
war der erſte, welcher ſein Theater ſchloß. Dort war
nun auch Mariechens Bleiben nicht mehr, ſie mußte
der Bühne in der Münzſtraße Lebewohl ſagen, war
aber noch nicht Willens, ganz und gar von den Bret-
tern, welche die Welt bedeuten, Abſchied zu nehmen.
Sie ſiedelte nach dem Woltersdorf-Theater als Chori-
ſtin über, kehrte aber auch dieſer bereits nach vier Wo-
chen den Rücken. Warum? Die gegen Frau Rietzſchel
erhobene Anklage ſagt: weil die Herrenbekanntſchaften,
welche das Mädchen dort machte, nicht ſo viel einbrach-
ten, um die wachſenden Anſprüche der Angeklagten zu
befriedigen. Die letztere gab um jene Zeit das Wa-
ſchen auf und erklärte, als eine Bekannte ſie fragte,
warum ſie das gethan, daß ſie das Waſchen nicht mehr
nöthig habe. Sie könne jetzt auch die Dame ſpielen,
denn ſie habe ihre Tochter ſo erzogen, daß ſie den Her-
ren gefalle und viel Geld verdiene.
Die Mutter hatte bei der Anleitung, welche ſie ih-
rer Tochter gab, nur das Merkantiliſche im Auge, und
es war ihr daher nicht wenig unangenehm, daß Gott
Amor ihr hier und da einen neckiſchen Streich zu ſpie-
len drohte. Mariechen's jugendliches Herz ſcheint näm-
lich nicht unempfänglich für eine ſchöne Männergeſtalt
geweſen zu ſein; ſie bevorzugte einzelne Liebhaber,
wenn ſie ihr auch nicht ſo viel Glücksgüter wie man-
cher Andere bieten konnten. Die Mutter aber war
mehr für das Prinzip, welches der Holk'ſche Jager in
Wallenſtein's Lager mit den Worten ausſpricht: "Eines
Mägdleins fein Angeſicht muß algemein ſein, we's
Sonnenlicht," ſie wollte nichts davon wiſſen, daß ihre
Tochter einen Einzelnen bevorzuge, ſchlug dieſelbe des-
halb und wies einem Lieutenant, der Mariechens Herz
beſonders gefeſſelt zu haben ſchien, mit den Worten
die Thür, daß er ihre Tochter nicht glücklich machen
könne, denn dieſelbe brauche monatlich mindeſtens 150
Thaler. Aehnlich erging es einem andern Lieutenant,
der nur ſo lange geduldet wurde, als er monatlich
200 bis 250 Thaler zahlte, dem aber gleichfalls von
der Mutter das Haus verboten wurde, als er ſeine
Gaben verringerte. Reiche Ruſſen ſcheinen der Frau
Mama die empfehlenswertheſten Liebhaber für ihre
Tochter geweſen zu ſein. Aber der Krug geht ſo iange
zu Waſſer, bis der Henkel bricht.
Die Angeklagte wurde zu 18 Mongten Zuchthaus,
2 Jahren Ehrverluſt und Zuläſſigkeit zur Polizeiauf-
ſicht verurtheilt!"

Zur Abwechſlung
heit emool e Ber-
liner Familie-
bildche! Die Heidl-
berger kenne mer
jo! Es is awer
indreſſant, aah
emool zu ſehe un
zu heere, wie's in-
nere große Welt-
ſchtadt zugeht. So
ſchreibt per Exempl
die Berliner "Tri-
büne" am Samſtag
Folgendes:
"Ein trübes Fa-
milienbild war es,
daß ſich in einer
Verhandlung, die
geſtern vor den Ge-
ſchworenen geführt
wurde, enthüllte.
Die Frotteurwittwe
Rietzſchel, geb. Neu-
ſtadt, war der ſchwe-
ren Kupplei ange-
klagt; ſie ſoll der
Sittenverderbniß
ihrer eigenen Tochter Vorſchub geleiſtet und daraus
Kapital zu ſchlagen verſucht haben.
Die Angeklagte, jetzt eine Frau von 48 Jahren,
hatte ſich mit dem Frotteur Rietzſchel verheirathet und
vier Kinder waren dieſer Ehe entſproſſen. Der Vater
der Familie war ein kränklicher, ſchwacher Mann, die
Arbeit ſtockte und Noth und Dürftigkeit klopften bald
an die Thür. Die Mutter mußte durch Waſchen zur
Erhaltung der Wirthſchaft beitragen und dadurch kam
es, daß ihr Wille bald der entſcheidende in der Fami-
lie wurde. Das Loos der Dürftigkeit in Ergebung zu
tragen, lag nicht in ihrem Weſen; ſie ſtrebte darnach,
daſſelbe von ſich zu ſchütteln und in den Mitteln, welche
ihr dazu dienen ſollten, war Frau Rietzſchel durchaus
nicht wähleriſch. Sie ſah ihre älteſte Tochter Anna
Marie allmählig zur Jungfran heranblühen und die
körperlichen Neize, welche das Kind entfaltete, ſagten
der Mutter, daß aus denſelben eine Quelle des Wohl-
ſtandes ſich erſchließen könne und daß dieſe Reize ſo
hoch als möglich verwerthet werden müßten. Jm März
1866 war Mariechen zwar noch nicht volle 14 Jahre,
aber nach Anſicht der Mutter doch ſchon alt genug, um
als Choriſtin an das Victoria-Theater gegeben zu wer-
den. Vergebens widerſetzte ſich der Vater dieſem Plane,
die Mutter führte ihn gegen ſeinen ausgeſprochenen
Willen aus. Noch Niemand hat behauptet, daß das
Victoria-Theater unter der Leitung des Herrn Cerf
eine Schnle der Sittlichket und Tugend war. Auch
Fräulein Rietzſchel ſtrauchelte bald auf der ſchlüpfrigen
Bahn, die ſich ihr eröffnet hatte. Jm Garten des Vie-

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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