Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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in Würtemberg, geſt. 1709 - in deſſen Weiſe Schiller
die Kapuzinerpredigt in "Wallenſtein's Lager, verfaßte)
eiferte einſt gegen das Titularweſen und ſchloß ſeinen
Vortrag folgendermaßen: "Man hat vor Jahren etliche
ungereimte Ueberſchriften auf der Wieneriſchen Haupt-
poſt aufgezeichnet und gefunden, daß man ſogar einem
Beſenbinder den Titel Wohledelgeboren gege-
ben. Die Prädikate wachſen dergeſtalt, daß, wer nur
Hans Hader heißet, ſich gleich muß von Lumpen-
hofen nennen." Bei einer andern Gelegenheit, als
er über wahre Frömmigkeit predigte, ließ er ſich
folgendermaßen aus: "Wenn es uns vergönnt wäre,
die Gedanken mancher Betenden zu errathen, ſo wür-
den wir nicht erſtaunen, daß ſein Gebet ſo ganz ohne
Wirkung bleibt. Mag folgendes Gebet eines Kauf-
mannes zum Beweiſe dienen: "Vater unſer, der
Du biſt im Himmel, der Markt rückt heran, ich
muß meine Anſtalten treffen. Geheiliget werde
Dein Name, wo werde ich diesmal einkehren? Mein
voriger Wirth iſt geſtorben. Zu uns komme Dein
Reich, er war ein guter Kerl, wir haben manche
Flaſche zuſammen geleert. Dein Wille geſchehe
wie im Himmel, in der "blauen Traube" ſoll man
gut eſſen; ſo auf Erden, es kommt auf die Probe
an; gied uns unſer täglich Brod, wenn ich nur
könnte die zwei Stück ſchlechtss Seidenzeug an den
Mann bringen; und vergieb uns unſere Schuld,
zu Meßgewändern ſind ſie gut genug; wie wir ver-
geben unſern Schuldnern, aber für Frauen-
zimmer ſind ſie aus der Mode; f ühre uns nicht in
Verſuchung, für die Kirche iſt auch das Schlech-
teſte gut genug; ſor dern erlöſe uns vom Uebel,
der Pfaff macht heute verdammt lange; Amen! ſie
warten gewiß mit dem Eſſen und ich komme zu ſpät
auf die Kegebahn!"" - Das iſt mir halt eine rare
Sorte von Gebet."

geführt haben, denn im herrſchaftlichen Forſte wurdeu
in dieſem Jahre, wovon man ſonſt nie gehört hatte,
faſt wöchentlich Wilddiebſtähle verübt, deren Thätern
der Baron, unſer gnädiger Herr, vergebens auf die
Spur zu kommen ſuchte. Ergrimmt über die häufigen
Wiederholungen dieſes Frevels, ſchwor er, den Thä-
tern auflauern zu laſſen, und an dem erſteu, der er-
tappt würde, ein warnendes Exempel zu ſtatuiren. -
Es war aber an einem kalten Decembermorgen, da
dachte ich, Du mußt doch ſehen, wie es in der Jammer-
hütte des Freundes ausſieht, und machte mich auf den
Weg. Jch fand das kranke Weib allein, mit den Zäh-
nen klappernd vor Froſt, zuſammengeſchrumpft vor
Hunger und Elend, und in Thränen gebadet. Es ver-
ſteht ſich, daß ich ſie theilnehmend nach ihrem Kum-
mer, nach ihrem Manne und turz nach Allem, was ſie
anging, befragte. Sir erzählte mir, Mann und Sohn
wären ſchon vor Tagesanbruch in die Stadt gegangen,
und es ängſtige ſie, daß Beide ihr die Urſache ihrer
Reiſe verſchwiegen hätten. Jch beruhigte ſie mit dem
Troſte, daß es wahrſcheinlich einen guten, gewiß aber
keinen böſen Grund habe, da Peter Brun ſtets nur auf
redlichem Wege wandelte. Dann trug ich dürre Rei-
ſer zuſammen, machte ein Feuer in der Hütte an, und
bleb den ganzen Tag bei ihr. Gegen Abend kam
mein Freund mit ſeinem Sohne aus der Stadt zurück.
Mutter, rief er bei ſeinem Eintritt, nun ſorge nur
nicht weiter, ich habe einen guten Handel gemacht! und
dabei zählte er Geld auf den Tiſch. Worin aber die-
ſer Handel beſtand, das wollte er weder mir, noch ſei-
nem Weibe entdecken. eir ahndete gleich nichts Gu-
tes, denn ſein ſonſt immer offenes Auge war ſcheu
und wild, und vermied es, meinem Blicke zu begeg-
nen. Daß er mich durch keine Erfindung hintergehen
konnte, wußte ich wohl, denn über Peter Brun's Lip-
pen iſt ie eine Lüge gekommen, jein Heimlichthun lag
daher mir, wie ſeinem Weibe, ſchwer auf der Seele.
Der erſten Noth wurde zwar jetzt abgeholfen; aber
auch der ſtille Frohſinn ſchwand von nun an aus der
Familie. Mein tröſtlicher Zuſpruch vermochte die in
hemlicher Angſt ſich verzehrende Frau nicht zu beruhi-
gen, und der Sohn, ein raſcher, ehrgeiziger Burſche
von neunzehn Jahren, der ſich mit des Schulmeiſters
ſiebenzehnjähriger Tochter heimlich verlobt hatte, ſchlich
von dieſer Zeit an ſtill und tiefſinnig umher; heraus-
bringen konnte man aus ihm nichts. Das Geld ging
ndeß bald zu Ende und der drückende Mangel an al-
lem Nothwendigen trat wieder ein. -
Fortſetzung folgt.)

Miniſterrath. "Nichts Lächerlicheres" plauderte
ein geiſtreicher Staatsminiſter in guter Stunde mit ſei-
nen Gäſten, "als die Art und Weiſe, wie einige Stämme
in Afrika ihren Miniſterrath abhalten. Denken Sie ſich
ein Berathungszimmer," fuhr der Miniſter fort, "wo
ein Dutzend großer Krüge aufgeſtellt, die zur Hälfte
mit Waſſer gefüllt ſind. Nun erſcheinen die Miniſter
nackt und ernſthaft, jeder ſpringt ſogleich in ſeinen
Krug, verſinkt bis zum Halſe im Waſſer und in dieſer
eigenthümlichen Lage wird das Wohl des Staates be-
rathen. Aber Sie lachen nicht einmal!" wandte ſich
der Miniſter in guter Laune zu dem ihm zunächſt ſte-
henden Herrn.
"Das kommt daher," entgegnete dieſer ſogleich,
"weil ich alle Tage etwas weit Komiſcheres ſehe."
"Und das wäre?" fragte der Staatsmann über-
raſcht.

Mannichfaltiges.

"Es iſt ein Land, wo die Krüge bis auf einen Ein-
zigen ſelbſt Rath halten," war die Antwort.
Wo liegt dieſes Land?!

Abraham o Sancta Clara (der durch ſeine
derbe Satire und ſeinen treffenden, wenn auch dem
Geſchmacke der Zeit huldigenden Witz wohlbekannten
Wiener Hoſprediger Ulrich Megerle - geb. 1642
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