Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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fen von Umſtänden kam Juliettens abenteuerlicher
Liebe wirklich zu Hülfe, die ruhige Zuneigung des
Bruders zu der Schweſter, das ernſte Wohlwollen des
Lehrers zur Schülerin, erreichte mit einem Mal jenen
Grad von Lebhaftigkeit, wie ſie das Ziel der Hoffnung
und des Ehrgeizes der Madame Firmin geweſen war.
Der Comité der Badegäſte, Mitglieder des Caſino,
welcher die Veranſtaltung und Leitung der Vergnügun-
gen der fremden Colonie zu beſorgen ſo gefällig war,
ließ in alle Häuſer der Stadt eine Subſcriptionsliſte
zu einem Balle herumgehen. Ungeachtet Emil ver-
ſicherte, daß er niemals tanzte, daß ihn die großen
Geſellſchaften langweilten und daß er folglich nicht hin-
gehen würde, unterſchrieb er ſich gleichwohl auf der
Liſte, was ſeine Wirthin für ein Zeichen einer höchſt
bedeutungsvollen Verſchwendung anſah; was Juliette
anbelangt, ſo nahm ſie die an ſie gerichtete Einladung
mit einer für ihr Alter ſeltenen Kälte auf.
(Fortſetzung folgt.)

Mannichfaltiges.

Pappel oder Linde? Der Streit iſt längſt
entſchieden, ob wir unſre Landſtraßen mit Pappeln oder
mit Linden und Kaſtanien bepflanzen ſollen; der äſthe-
tiſche Sinn, das Schönheitsgefühl hat über die Ge-
ſchmackloſigkeit geſiegt, aber nicht Alle wiſſen, daß mit
der Wiedereinführung unfres ſo lange verdrängten alt-
fränkiſchen Baumes nicht nur der Reiz unſrer heimi-
ſchen Landſchaftsbilder wieder hergeſtellt wurde, ſon-
dern daß auch zugleich derdeutſche Geiſt über den zen-
traliſirenden Unfug des erſten Napoleon einen beden-
tungsvollen Sieg davongetragen hat. Laſſen wir da-
rüber W. H. Riehl, der in ſeinem Buche "Land und
Leute" intereſſante Blicke in das Leben unſres Volkes
eröffnet, ſelber ſprechen: "Napoleon liebte es, ſeine
Chauſſeen mit Pappelreihen einzufaſſen. Die alten
Bonapartiſten am linken Ufer des deutſchen Oberrheins
zeigen noch mit Stolz auf die langgeſtreckten Pappel-
züge, welche die Eintönigkeit der Stromlandſchaft bis
unterhalb Mainz ſo auffallend erhöhen, mit der Bemer-
kung, daß der Kaiſer viele derſelben perſönlich anzu-
legen befohlen habe. Die Pappel iſt das echte Sinn-
bild der von außen her aufgedrungenen Zentraliſation;
ſie iſt der uniformmäßige Baum, den man in Reihen
aufmarſchiren laſſen kann gleich einer Paradeordnung
von Soldaten.
Jm 18. Jahrhundert hatte man ausgezeichnete Stra-
ßen gern mit Linden bepflanzt, dem volksthümlichſten
deutſchen Waldbaume, dem Vaume, in welchem unſre
Vorfahren die Romantik des Waldes in den traulichen
Frieden des Dorfes berſiedelten, wenn ſie ihn auf den
Marktplatz pflanzten, auf den Tanzraſen, neben das
Bild des Schutzheiligen - und auf den Kirchhof, zu-
gleich dem altherkömmlichen Schmuck der Auffahrten
zu Burgen und Klöſter, wie der Burg- und Kloſter-
höfe."
Mit Schmerz haben wir es geſehen, wie jene ſtatt-
lichen Lindenalleen, welche zu den Herrenſitzen des vo-
rigen Jahrhunderts führten oder die Verbindungsſtra-
ßen ſtädtiſcher Marktplätze mit ihrem Schatten deckten,
lange Zeit vor der im Napoleoniſchen Sinne zentrali-
ſirenden unſchönen Pappel weichen mußten. Es iſt
Preußens Verdienſt, nicht bloß der fremden Wirthſchaft
ein Ende gemacht, ſondern auch die deutſche Linde wie-
der in ihre Rechte und Ehren eingeſetzt zu haben.

Höflichkeit. Wie verſchieden iſt ſie beurtheilt
worden, je nachdem man den Egoismus oder die Sitt-
lichkeit zur Triebfeder menſchlicher Handlungen gemacht
hat! "Höflichteit im Umgange", ſagt La Rochefou-
cauld, "iſt Verlangen, höflich behändelt und als ein
feiner Mann ausgezeichnet zu werden." La Bruysre
erklärt die Höflichkeit als "das Beſtreben, daß durch
unſre Worte und unſer Benehmen Andre mit uns und
mit ſich ſelbſt zufrieden geſtellt werden . . Die Höf-
lichkeit flößt nicht immer Güte, Billigkeit, dienſtfertiges
Weſen und Dankbarkeit ein; aber ſie verleiht wenig-
ſtens den Anſchein und läßt den Menſchen äußerlich
erſcheinen, wie er es innerlich ſein ſollte . . . Ein höf-
liches Benehmen bricht dem Verdienſte Bahn und macht
daſſelbe angenehm; es gehören hervorragende Eigen-
ſchaften dazn, ſich ohne Höflichkeit zu halten." Nach
Vauvenargues endlich haben die Menſchen die Höf-
lichkeit "erfunden, um den ſtillſchweigenden Krieg, den
ſie unausgeſetzt mit einander führen, durch Geſetze zu
regeln .. . Es gäbe ſchwerlich eine Geſellſchaft, wenn
ſich die Menſchen nicht einander ſchmeichelten." Einen
höheren Standpunkt nimmt J. J. Roſſeau ein. "Die
Höflichkeit der meiſten Menſchen," ſagt er, "hängt mehr
mit dem Laſter als mit der Tugend zuſammen. Hat
Einer ein gutes Herz, ſo wird er immer erträglich höf-
lich ſein; hat er ein ſchlechtes Herz, ſo bleibt ihm nur
ein Mittel, Andren zu nützen, wenn er es ihnen näm-
lich zeigt, damit ſie ſich davor in Acht nehmen können."
Das Richtige trifft Goethe, der in den folgenden
Sprüchen auf wahrhaft ethiſchem Boden ſteht: "Es giebt
kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen
tiefen ſittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung
wäre, welche dieſes Zeichen und den Grund zugleich
überlieferte" Und: "Es giebt eine Höflichkeit des Her-
zens; ſie iſt der Liebe verwandt. Aus ihr entſpringt
die bequemſte Höflichkeit des äußern Betragens."

Wahre Etikette. Johann Sobiesky, der rit-
terliche König von Polen, rettete am 12. September
1683 Wien vor den Türken und die eropäiſche Civi-
liſation vor dem Einbruch aſiatiſcher Barbarei. Als
der zurückkehrende Kaiſer Leopold ihn begrüßen und
ihm ſeinen Dank ausſprechen wollte, erhob ſich ein ge-
waltiger Streit um die Regeln der Etikette und man
konnte nicht einig werden, wie der deutſche Kaiſer ei-
nen König von Polen zu empfongen habe. "Mit of-
fenen Armen, als den Retter des Reiches!" erklärte
ein wackrer Haudegen, der in der Schlacht mitgekämpft
hatte und machte damit allen weiteren Erörterungen
ein Ende.
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