Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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D'r Nagglmaier.

Wir ſind Männer, die den Kampf des Lebens mit dem-
ſelben muthigen Selbſtvertrauen aufnahmen, mit wel-
chem wir uns gegen Bedrückung und Knechtſchaft drü-
ben erhoben. Bitte, bemühen Sie ſich nicht! Wir ſind
keine Unterthanen. Wir haben auch hier in unſerem
Adoptivvaterlande gegen Oligarchenthum und Knecht-
ſchaft gekämpft; wir find wirklich marſchiert, haben
wirklich gedarbt und wirklich gefroren, haben
wirklich geblutet und Viele von uns ſind wirklich
geſtorben auf dem Felde der Ehre, das brechende Auge
gerichtet auf das Symbol der Bürgerfreiheit und ihr
letzter Seufzer war: "Es lebe die Republik!" Wir
ſind nicht blos in der Hofchaiſe, auf dem Hauptquar-
tiersgaul oder Küchenfuhrwerk mitgezogen, wie Sie,
Herr Hofrath, kürzlich in Frankreich. Wir haben wirk-
bich und nicht blos im Hauptquartier, gefochten.
Aber welche große Opfer haben denn Sie dem
deutſchen Volke an Vermögen, Stellung, häusli-
chem und Lebensglück gebracht, um ſich herausnehmen
zu dürfen, uns Pioniere des Deutſchthums in ſremden
Landen Jhrer Protektion und Gewogenheit zu ver-
ſichern?
Glauben Sie, wir würden es dulden, daß Jhre ver-
ſprochenen ſchnellſegelnden Corvetten mit fliegendem
Kriegswimpel gegen die Sterne und Streifen interve-
nirten, angeblich zu unſerem Schutze? Die ſturmge-
triebenen, durchwetterten, ſehnigen, mannesſtolzen Pio-
niere weiſen mit verächtlichem Lächeln und entſprechen-
der Handbewegung Jhre angebotene Protektion zurück.
Wir bedürfen heute Jhrer transatlantiſchen Protektion
und Beglückwünſchung eben ſo wenig, wie vor einem
Menſchenalter. Aber da Sie per "Wir" ſprechen, ſo
iſt es ganz erklärlich, daß wir, in der Fremde, fragen:
Wer iſt denn das protektoriſche "Wir" aller Germanen?
Ohne das Glück des beſchränkten Unterthanen-
verſtandes zu beſitzen, habe ich ernſtlilch nachgedacht,
wer eigenthich das ſchutzdeckende "Wir" nur ſein könne
und vin zu dem Reſultate gelangt, daß unter dem
"Wir" nur gemeint ſein könne der deutſche Kaiſer,
Fürſt Bismark und G. Freytag.
Na! bis das Nicäiſche Concil zuſammenkommt, das
dieſe Dreifaltigkeit dekretirt und ſanktionirt, werden
die Stockzwiebeln Ananas treiben und die Wälder pur-
zelbaumen und mit den Wurzeln nach oben wachſen.
Lieb Jonathan, kannſt ruhig ſein,
Der Freitag ſteckt dich doch nicht ein.
Geſtehen Sie es nur, Herr Hofrath, es war mehr
als bloße Beſcheidenheit, was Sie antrieb, uns als Pro-
tektionshenne unter Jhre Flügel zu nehmen. Und da
Sie auch an uns "freche 48er Knaben" mit Jhrem
Schutz- nnd Büttelbriefe herantreten, ſo finde ich hierin
eine Aufforderung, Jhren Carl Mathy zu beleuchten,
was demnächſt geſchehen ſoll.
Jnzwiſchen habe ich die Ehre zu zeichnen Euer hof-
räthlich-ordens-ritterlichen Gnaden ganz vergnügter
"Meuterer", "frecher Knabe", "Landes- und Vater-
landsverräther." "Führer von Geſindel und verlo-
renen Haufen", "wilder Bube" u. ſ. w. und ameri-
kaniſch republikaniſcher Souveräin. Friedr. Hecker."

Unſer Landsmann
Hecker werd im-
mer grewer. Deß
muß die amerika-
niſch Luft mit ſich
bringe. So hott'r
widder en Brief
g'ſchriewe, adreſſirt
an "Guſtav Frey-
tag," der an Maſ-
ſivität nix zu win-
ſche iwerigloßt. D'r
Guſchtav Freitag
ſcheint nämlich en
offenen Brief an
die Deitſche in Ame-
rika g'ſchriewe zu
hawe, uff den un-
ſer Fritzl Hecker
widder folgende
Brief zurick ſchreibt,
den ich ohne Kom-
mentar, un norr
d'r Kurioſität wege
widder hiermit zum
Beſchte gebb. Er
laut folgender-
maßen:
"Sommerfield, Jlios, m Auguſt 1871.
Bitte, Herr Hofrath, bemühen Sie ſich nicht.
Sie thaten uns Achtundvierzigern die Ehre an, uns
"freche Knaben," "Meuterer," "Landes- und Vater-
landsverräther," "Führer Geſindels und verlorener
Haufen," "thörichte Agitatoren," "wilde Buben" und
ſo weiter in ihrem Carl Mathy zu tituliren. Sie wo-
ben ein Schoddy-Gewebe über die Bewegungen von
1848-49, um aus dieſem fabricirten höllen-breughel'-
ſchen Hintergrunde die Geſtalt des Renegaten Carl
Mathy als ſtrahlende-Heiligengeſtalt im Vordergrund
erſcheinen zu laſſen. Mit Wohlluſt müſſen Sie an dem
Mathy'ſchen Worte geſogen haben: "Blutbuben", mit
welchem derſelbe die lebenden, die ſtandrechtlich erchoſ-
ſenen, im Felde gebliebenen, im Kerker verkommenen
Männer belegte, welche Alles für ihre Jdee opferten.
Sie, Herr Hofrath, richten nun einen ſüßlichen of-
fenen Brief an die Deutſchen in der Fremde, alſo auch
an uns Achtundvierziger, und verſichern uns allerhöch-
ſter Protektion.
Sie verſichern uns:
"Wir wollen ſchnellſegelnde Corvetten bauen zum
Schutze Eures Handels und wollen für Euer Wohl un-
ter den Fremden ſorgen mit aller Kraft, die Siege un-
ſerer Heere ſollen Euch zum Heile werden u. ſ. w."
Bitte! Bemühen Sie ſich nicht, uns der hohen,
höheren und allerhöchſten Protektion und ſchutzpolizeili-
chen Obhut zu verſichern; wir bedürfen deſſen nicht.
Was wir ſind und wurden, ſind wir durch uns ſelbſt
geworden, ohne Jhre und Jhrer Conſorten Beihülfe.

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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