Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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D'r Nagglmater.

heeßt's: Ja, er is nit dahaam. - Wann kimmt'r dann?
- Ja, deß wiſſe mer nit, heeßt's. Er is heit uff d'r
Meß! Es kann e biſſl lang dauere, dann uff alle Fäll
werd'r ſich die Rieſedaam in Heidlberg bedraachte. - Der
gute Mann is awer endlich doch widder heemkumme, un
hott drotz dem viele Newl, denn'r unnerwegs ſchlucke hott
miſſe, den bedreffende Leicheſchein doch noch ausg'fertigt,
freilich noocheme eigene Kallener. Er hott deß Kind näm-
lich ſchtatt am 19., am 9. Noochmittags am 8 Uhr be-
graawe loſſe, alſo wahrſcheinlich mit Faklbeleichtung. Deß
Ding kann'm iwerigens noch ſauer uffſchtooße! -
Jn d'r große Bolidik aah nit viel Neies. Jn Eeſcht-
reich ligge ſe ſich noch immer in de Hoor. Die Prager
un die Wiener nämlich. D'r Wiener Hansjörgl verzähit
per Exempl wie folgt vun dem Krawall:
Jn dem Kampfe, der zwiſchen Wien und Prag jetzt
mit ſo leidenſchaftlicher Erbitterung geführt wird, ſpielt
auf der böhmiſchen Seiten der Neid, eine Hauptroll'.
Das Provinzneſt Prag, das Krähwinkel an der
Moldau, is neidiſch auf die glänzenden Erfolge, auf
den rieſigen Aufſchwung deralten Kaiſerſtadt Wien,
welches im gegenwärtigen Augenblick, wo Paris trauernd
darniederliegt, und Berlin vielen Leuten unſympathiſch is,
den Mittelpunkt des Kontinents, das Mekka der
reichen Leut' aus allen Weltheilen bildet, die nach Wien
pilgern, um die Pracht des neuen Wien zu bewundern,
und an ſeiner wohlthuenden Gemüthlichkeit ſich zu erquicken.
Viele von dieſen Fremden machen Abſtecher nach Peſt,
denn Peſt mit ſeiner Wunderbrucken, mit ſeinem großar-
tigen Leben und Treiben is eine Großſtadt: aber nach
Prag - da gehen's halt nit. Warum? Wei ſie
in Prag nix Anderes ſehen, als ein fades, langweiliges,
einſeitiges, von Hochmuth und ſonſt noch Allerhand ſtin-
kendes Provinzneſt, das an Eigenthümlichkeiten nix
bietet, als Golatſchen, die man nit eſſen mag, eine Sprach',
die man nit reden mag und ein böhmiſches Theater, daß
man nit beſuchen mag ſeitdem die paar guten Schauſpie-
ler und Sänger, die's gehabt hat, vernünftiger Weis zum
deutſchen Theater deſertirt ſein. Zeigt uns doch Jhr Män-
ner der angeblich großen und glorreichen ezechiſchen Na-
tion, zeigt uns einen Einzigen großen Dichter, Denker,
Kompoſiteur, Maler, Bilderhauer c.! Jhr habt keinen,
keinen! Eure Nation erzeugt nur grobe Hausmeiſter,
höfliche Schneider, dumme Bediente, ausgezeichnete Köchin-
nen, verwendbare Klarinettblafer, gute Polizeivertraute,
reaktionäre Grafen und volkverdummende Pfaffen, endlich
jene journaltſtiſchen Kanalräumer, die aus den Kloaken
des "Pokrok" und der "Politik" ihre eckelhafte Jauche
auf Wien, die Wiege und Reſidenz des Kaiſers, ſpritzen.
Jhr National-Hanswurſteln, denen der Powidl in den
Kopf geſtiegen is, merkt Euch Folgendes: Wenn der Ste-
fansthurm abgetragen würde, ſo bleibt der . haufen, der
in einem Winkel daneben liegt, doch immer nur haufen.
Und wenn Wien heute dem Erdboden gleichgemacht wird,
ſo bleibt Prag doch immer nix als - Prag Pfehl'
mich Jhne, kommen's gut auf zu Haus!" - So die ge-
leſenſte Wiener Voiksſchrift.

Mir Heidlberger
ſinn ſeit e paar Dag
mit allerhand Ver-
ſammlunge beehrt
worre. Seit die
Verſammlung in
deitſcher Uniform
nooch un nooch wid-
der aus Frankreich
zurickkummt un aus-
enanner geht, ſammie
ſich widder die Zi-
vilfräck in alle Faſ-
ſone. So alſo per
Exempl die Hotelbe-
ſitzer in Heidlberg.
So viel ich g'heert,
hawe ſe ſich haupt-
ſächlich befaßt mit
de Verhältniſſe d'r
Dienerſchaft in de
Gaſchtheef. E Ver-
hältniß, deſſ'n frei-
lich Schtoff genug
zu Redde gewe werd
hawe; dann wer die
Dienerſchaft uff'm
Buckl hott, die heit-
zudag iweraal de Herr ſchbiele wll, braucht nit mehr zu
ſage: Gott ſchtroof mich! Der ho ſein Fett in d'r Peen!
- Ob die Herrn Hotelbeſitzer aah die Schbrach uff unſer
nei deitſch Litter moos gebrocht hawe, weeß ich nit. Uff
keen Fall kann'en die nei deitſch Eincichtung unangenehm
ſein, dann d'r Menſch, der ſunſcht määsig hinner die
Krawatt g'ſchitt, muß kinftig litter lich ſein nete deitſche
Reichsſchoppe drinke. Kann for die Hotelkaß alſo norr
angenehm ſein. - Die Schloßbeleichtung, mit der unſer
Herrn Hotelveſitzer widder vergniegt ausenanner gange
ſinn, war e biſſl arg maager! Wann d'r Natz un d'r
Pampelino mit ihre Kupperbergwerker nit bei d'r Beleich-
tungskommiſſion geweßt wäre, hätte mer kaum was davun
g'ſehe. - Nummero zwee hott d'r badiſche Sängerbund
am Sunndag hier gedagt, un unner annerem e Paar
aus'm Verband gewippt, die nit gelettert hawe. - Num-
mero drei hawe die Wafflbäcker hier gedagt un genacht.
Gott ſei Dank, hawe mer awer jetzt Wafflſchtillſchtand.
Die bedreffende Buddike ſinn widder abgeriſſe. Mein Kin-
ner hawe mer manch Sechſerle hingedraage. - Drotz al-
ler Heidlberger Verſammlunge bleibt's awer gegewärtig
doch ſehr langweilig hier, wie's eewe die Johrszeit mit
ſich bringt. Aach in d'r Umgegend is in letſchter Zeit ke
b'ſonders dummer Schtreech gemacht worre. Heekſchtens
wär aus Rohrbach was zu verzeichne. Dort ſchterbt kerz-
lich Eem e Kind. Der Mann will's natierlich aah be-
graawe hawe. Er geht alſo zu dem Mann im Dorf,
der de Dodeſchein auszufertige hott. Wie'r hinkummt,

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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