Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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ſtinkt vor der Verletzung, auch der Todten zurückbebte,
ſo ſorgſam hoben ſie die Füße, ſo behutſam betaſteten
ſie den Grund an den Stellen, wo die Schlacht am hef-
tigſten gewüthet, die meiſten Opfer gefordert hatte.
Was ſuchen die Reiter in ſo ſpäter Stunde, in ſo
umheimlicher Umgebung, was treibt ſie bis heran in
die Nähe des Feindes? Etwa die Todten gegen die
Plünderer zu ſchützen, die ungeſchreckt von den Ver-
wünſchungen, Seufzern und Gebeten der Sterbenden,
ihr ſchändliches Handwerk an Freund und Feind übend,
über das Schlachtfeld ſchleichen? Der General, der an-
gebetete "Vater der Armee", iſt es, den die Reiter ſu-
chen. Am Abend hatte das Gerücht ſich verbreitet, der
Feldherr ſei entweder gefallen oder gefangen. Zuletzt
hatte einer der Drei, ein Offizier, den wir kennen, -
Gyula noch geſehen, wie ein Schwarm von Koſaken ei-
nem Wagen nachjagte, der in raſender Eile den Ver-
folgern zu entfliehen ſtrebte. Es war plötzlich ein Halt
eingetreten, der Wagen war umringt. Bem wahr-
ſcheinlich gefangen, wenn er der Verfolgte geweſen.
(Fortſetzung folgt)

Mit ſeltener Präciſion führte darauf das volle Or-
cheſter und der mächtige aus mehr als ſiebzig Perſo-
nen beſtehende Chor die Romberg'ſche Compoſition von
Schiller's "Glocke" aus.
Alsdann beſtieg ein geborner Amerikaner, Herr
Thomas E. Reynolds, der - ſo wir nicht irren
- längere Zeit die Univerſität zu Heidelberg beſucht
hatte die Rednerbühne und ſprach mit ergreifender
Wärme und durchdrungen von der welthiſtoriſchen Be-
deutung Schiller's in deutſcher Sprache, wie es nur
ein Mann thun kann, der Deutſchland und ſeine Gei-
ſtesheroen, namentlich ſeine Dichter kennt und liebt.
"Am Tage der Geburt dieſes großen Dichters", ſagte
u. A. Herr Reynolds, "war der Ort, auf dem heute
viele ſeiner Landsleute ſein Jubelfeſt feiern, noch eine
Wildniß, in welcher die Jndianer auf ihren Jagdzügen
umherſchwärmten. Erſt vier Jahre nachher entſtand
daſelbſt ein kleines, unbedeutendes Franzoſen-Dörfchen.
Heute nach hundert Jahren, ſteht hier eine mächtige
Stadt und eine glückliche deutſche Bevölkerung von faſt
60,000 Seelen feiert auf derſelben Stelle das Anden-
ken eines ihrer größten Dichter, der dem deutſchen
Volke in einem dunkeln, trüben Zeitalter die Freiheit
verkündete.
Einen brillonten Schluß des Konzertes in der "Me-
rantile Library Hall" machte die Jubelhymme "An
die Freude", welche die Elite der deutſchen Männer-
Chöre in St. Louis mit der feurigſten Begeiſterung
vortrug, die ſolch' eine Feier erzeugt.
Am Abende wurde "Maria Stnart" im Opernhauſe
ganz vortrefflich gegeben und die anweſende Menge bei
all' den manigfachen Feſtlichkeiten und Privatbeluſti-
gungen, dem Leben auf der Straße in der Gegend der
illuminirten Gebäude und Transparente gab einen vol-
len Begriff von der Macht, der Lebensfülle und dem,
auch im fernen Miſſouri bewahrten deutſchen Sinne
der Deutſchen von St. Louis. Daß aber die Liebe zum
alten Vaterlande auch jetzt noch in voller Friſche die
Herzen grade der Deutſchen von St. Louis erfüllt, das
haben ſie während des letzten Krieges durch die That
bewieſen und der deutſche Reichstag hat es ſeiner Zeit
durch einen beſondern Beſchluß rühmend anerkannt.
Von den verſchiedenen Banketten, die veranſtaltet wa-
ren, erwähnen wir hier nur das in der Turnhalle, wo
eine Menge Toaſte ausgebracht wurden, in denen das
Andenken großer deutſcher Männer gefeiert ward, z.
B. das von Luther, Scharnhorſt, Theodor Körner,
Robert Blum u. ſ. w.
Als Nachfeier wurde im Opernhauſe am 11. No-
vember Schiller's "Wallenſtein's Tod" gegeben.

Eine Schillerfeier an den Ufern des
Miſſiſſippi.

(Fortſetzung und Schluß.)

Feierlich und würdig war der Vorabend des Feſtes
von den St. Louiſer Deutſchen begangen worden, aber
in viel höherem Grade ſollte dies mit dem Hauptfeſt-
tage gehalten werden.
Schon am frühen Morgen des 10. November 1859
verkündeten 101 Kanonenſchläge der Bevölkerung von
St. Louis den feſtlichen Tag. Militärparaden und
Vereine im Ornate durchzogen die Stadt, und in hun-
derten von Häuſern arbeittete mon emſig an der Aus-
ſchmückung der Fronten, an den Transparenten und
Beleuchtungsapparaten für den Abend. Um fünf Uhr
Nachmittags füllte ſich der große und prächtige Saal
der "Mercantile Library Hall". Eine Jubel Ouverture
von Kalliwoda, wie geſchaffen für eine ſolche Feier,
wurde brillant und korrekt von einem Orcheſter ge-
ſpielt, wie es niemals vorher in St. Lonis gehört
worden war. Guter Wille, Fleiß und Begeiſterung
überwandten alle Schwierigkeiten.
Dem Programm gemäß trug dann Herr Heinrich
Börnſtein auszugsweiſe eine Arbeit von Arnold Ruge
vor, in welcher die Schriften und das Streben Schil-
ler's überhaupt charakteriſirt waren. Lautlos, nur bei
prägnanten Stellen ſtürmiſchen Beifall zollend, hörte
die Menge zu; und die Theilnahme des Publikums
bei einer ſo rein wiſſenſchaftlichen Abhandlung lieferte
einen erfreulichen Beweis von dem Bildungsgrade des
deutſchen Elementes in St. Louis.
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