Heidelberger Volksblatt — 4.1871

Seite: 377
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdvb1871/0379
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
) ,
Ol

O niedrer Herd, o ſtiller,
Wie herrlich ſtehſt Du da!
Herd, der den Knaben Schiller
Geboren werden ſah!

Heut ſind es hundert Jahre
Da that, von Dir erhellt,
Sein Aug', das große klare,
Zuerſt ſich auf der Welt!

Sein Aug', das ſchönheittrunken
Das Höchſte ſuchen ging;
Jn hehren Traum verſunken,
Am Bild der Gottheit hing;

Jm Buch las der Geſchichte
Wie in des Herzers Buch;
Und ewige Gedichte
Verklärt von hinnen trug;
Dann wie aus vollen Schaalen
Aus in die Seelen goß,
Sein Flammen, ſeine Srrahlen,
Und ach - ſo früh ſich ſchloß!

Wie ein Gewitter mit gewalt'gen Schlägen
Am deutſchen Himmel zog er jach empor;
Das Volk, die Jugend jauchzten ihm entgegen,
Ein Halbgott ſchritt er durch des Ruhmes Thor!

Schritt, raſtlos ringend, raſtlos wirkend, ſchaffend,
Der Freiheit Prieſter und der Menſchlichkeit,
Zu immer Höh'rem ſich zuſammenraffend,
Jm ſiechen Leib die Seele grop und weit!

ſchaffen ſind, daß ſie von ihrem Schöpfer mit gewiſſen
unveräußerlichen Rechten begabt und daß unter
dieſen Rechten Leben, Freiheit und Streben nach Glück-
ſeligkeit die vornehmlichſten ſind; daß zur Sicherſtel-
lung dieſer Rechte unter den Menſchen Regierungen
errichtet ſind, die ihre rechtmäßige Gewalt von der Zu-
ſtimmung der Regierten ableiten; und wenn je eine
Regierung dieſen Rechten verderblich zu werden an-
fängt, daß das Volk die Befugniß hat, ſolche Regie-
rungsart zu ändern oder abzuſchaffen, und dafür eine
zu errichten, die auf Grundſätzen beruhe und eine Ge-
walt habe, wie ſie zur Erlangung ſeiner Sicherheit und
ſeines Glückes am zuträglichſten zu ſein ſcheinen."
Man erkennt leicht, wie nahe verwandt die Gedan-
ken Schiller's, des Dichters, und Jefferſohn's, des
Staatsmannes, ſind, und es wird um ſo erklärlicher,
wenn die Deutſchen von St. Louis, unter denen eine
große Anzahl aus politiſchen Gründen das alte Vater-
land verlaſſen hatten, in Schiller vernehmlich den Frei-
heitsdichter verehrten, deſſen Jdeale ſo vielfach
durch Thomas Jefferſohn in religiöſer und politiſcher
Hinſicht praktiſche Anwendung fanden.
Die Vorſeier fand am 9. November Abends im St.
Louis-Opernhauſe ſtatt, deſſen Leitung ſich in den Hän-
den des Herrn Heinrich Börnſtein, ſpätern Ver-
einigten Staaten Konſuls in Bremen, befand. Hier
kam zunächſt ein von Ferdinand Freiligrath ge-
dichtetes Feſtlied, welches ſich allerdings mehr für Kom-
poſition als für Deklamation eignete, durch don eben
genannten Herrn Börnſtein zum Vortrag. Jn einer
reichen Säulenhalle ſtand auf einem altarähnlichen Po-
ſtamente die Büſte Schillers. Jhr zur Seite lehnte die
allegoriſche Figur der Freiheit in antikem Gewande, ei-
nen vollen Lorbeerkrenz in der Hand. Rechts und
links flatterteu das Sternbanner der Union und die
ſchwarz-roth-goldene deutſche Fahne; über beiden brei-
tete ſchützend der amerikaniſche Adler ſein mächtiges
Flügelpaar aus. Jn dem Augenblicke, da der Redner
die von ihm ſelbſt dem Feſtliede hinzugefügten Verſe:
"Und Freiheit ſetzt den Kranz, lorbeerbelaubt
Auf unſers deutſchen Dichters edles Haupt."
vollendete, bekränzte die Dame, welche die Göttin der
Freiheit repräſentirte, die Stirne des Dichters mit dem
Lorbeer, und das ganze Auditorium brach in einen
Sturm enthuſiaſtiſcher Begeiſterung aus. Unmittelbar
darauf begann die Vorſtellung des "Fiesco", und die
geſpannteſte Aufmerkſamkeit lohnte den wackeren Schau-
ſpielern, welche, offenbar durch die Bedeutung des Ta-
ges gehoben, das Stück in vortrefflicher Weiſe durch-
führten.
Es mag uns vergönnt ſein, das gedachte Freilig-
rath'ſche Feſtlied hier unſeren Leſern mitzutheilen:
Feſtlied der Deutſchen in Amerrika
Der fernen Heimath wandellos zu eigen,
Die frei'ſte Vorhut, die ihr Banner ſchwingt,
So ſtehn wir in dem großen deutſchen Reigen
Der jubelnd heut' ſich um die Erde ſchlingt.

Schritt, neben ſich den herrlichen Genoſſen,
Schritt hin mit Göthe zur Gedankenſchlacht,
Das Weib, die Kinder feſt an's Herz geſchloſſen -
Da kam der Tod - und er verſank in Nacht!

O nein! "Die Todten ſollen leben!"
Hoch, der es ſprach! Vergebens um ihu wirbt
Der Tod! Er lebt in ſeines Geiſtes Weben!
Hoch, Schiller, hoch! Der Tode, der nichl ſtirbt!

Noch tönt aus ſeiner Wolke
Das ſtolze Seherwort;
Er ſpricht wie ſonſt zum Volke
Wie ſonſt des Vokes Hort!

Schon hat er drei Geſchlechtern
Das durſt'ge Herz getränkt,
Schon zweimal deutſchen Fechtern
Muth in die Bruſt geſenkt

Fei't immer nach dem Wahren,
Dem Edlen Wort und Stahl, - -
Und iſt mit uns auch über's Meer gefahren
Und lebt mit uns im Lande unſ'rer Wahl!

Und wird uns heute neu in ihm geboren,
Und triit uns feſtlich der Erhab'ne nah;
Und wandelt hoch in Deinen freien Thoren
Dein Bürger auch, Amerika!

Hall' aus, o Lied: Wir neigen uns, wir ſchweigen!
Seht hin, er ſchreitet mit Erob'rerſchritt!
Er macht dies Land, dies Zukunftsland ſein eigen, -
Und baut und ſchafft an ſeiner Zukunft mit!

Und aber heut nach hundert Jahren glänzen
Wird ſeine Stirn hier, friſch umlaubt: -
Die Enkel unſ'rer Kinder kränzen
Die heil'gen Schläfe, das geliebte Haupt

Der, eine einz'ge ſtolze Geiſterkette,
Hinaus ſich zieht vom grünen Neckarſtrand,
Von eines niedern Heerdes trauter Stätte,
Und Herz mit Herz, und Land verknüpft mit Land!

(Fortſetzung folgt)
loading ...