Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 6,1): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Breisach, Emmendingen, Ettenheim, Freiburg (Land), Neustadt, Staufen und Waldkirch (Kreis Freiburg Land) — Tübingen u.a., 1904

Page: 163
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AMT EMMENDINGEN. — KENZINGEN.

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Eine derartige Skizzirang des ältesten Langhauses stimmt auch gut zu dem doch
immerhin ziemlich bedeutenden Chorbau und zeigt direkte Verwandtschaft mit der aller-
dings weit reicheren Anlage des alten Münsters zu Freiburg. Nur ist dort zwischen
Chor und Langhaus ein breites Querschiff mit mächtiger Vierungskuppel eingeschoben,
das, gleich wie auch die üppigere Behandlung sämmtlicher Details, hier in Rücksicht auf
die kleinere, erst sich entwickelnde Stadt weggelassen werden musste.

Wieweit der so geplante Bau ausgeführt worden ist, oder was die Ursache zu seiner
Zerstörung und Neuerrichtung wurde, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Viel-
leicht blieb er unvollendet mehrere Jahrzehnte liegen oder ist in irgendwelchen Kriegs-
zeiten verbrannt und zerstört worden, was den beinahe völligen Neubau des Langhauses
wenigstens einigermassen erklärlich machen würde.

Jedenfalls aber ergeben sich aus den oben geführten Betrachtungen für die einzelnen
Theile der Kirche ad. s. Laurentium zu Kenzingen ungefähr folgende Datirungen:

Wende des 13. und 14. Jhs. entstand der Chor mit den beiden Thürmen bis zu
den Glockengeschossen, dazu die Westfacade und das Hauptportal.

Vor 1500 wurden die jetzigen Langhausmauern und der Lettnereinbau errichtet.
Anfang des 16. Jhs. fügte man die beiden an das Langhaus angebauten Seiten-
kapellen hinzu.

Mitte des 18. Jhs. erfolgte die innere Umwandlung des Langhauses.
Im 19. Jh. wurden die Glockengeschosse den Thürmen aufgesetzt.

Die Ausstattung der Kirche ist von wenig Bedeutung. Kanzel und Altäre, die Ausstattung
aus dem Kloster Wonnenthal stammen sollen (1722), sind handwerksmässige Arbeiten
und Erwähnung verdient nur noch das sogen. Theatrum', die prunkhaft barocke Dekoration
eines heiligen Grabes, die am Charfreitag im Chor der Kirche aufgebaut wird. Diese von
einem unbekannten Künstler in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhs. gefertigte Schein-
architektur, in welche die verschiedenen Passionsscenen nur eingeflickt zu sein scheinen,
ist zweifellos unter direkter Benutzung eines in Andrea dal Pozzo's 'Perspectiva pictorum
atque architectorum' (Rom 1693, I pars Tafel 71) veröffentlichten Entwurfes entstanden.

Der Kanzel gegenüber hängt an der nördlichen Langhauswand ein Oelgemälde Oeigemaide
auf Holz (1,38 m/1,08 m) aus der Mitte des 16. Jhs. Es zeigt zwischen zwei Säulen
eine Kreuzabnahme, die von einer Reihe kleinerer Einzeldarstellungen aus dem Leben
Jesu umgeben ist; und zwar wird oben der Verrath am Oelberge erzählt, links die
Darstellung im Tempel, die Flucht nach Egypten durch eine Schneelandschaft und die
Beschneidung, rechts der Gang Christi zur Kreuzigung, sowie die Grablegung.

Die etwas untersetzten Figuren, sowie Komposition und Malart erinnern ganz
entfernt an Hans Schäuffelin.

Unten kniet anbetend die Familie des Donators, links ein geharnischter Ritter mit
seinen sechs Söhnen, rechts seine Gemahlin mit drei Töchtern: dazwischen finden sich
die beiden Wappenschilde der Eheleute. Den Bildern dieser Wappen nach scheint der
Stifter des Gemäldes ein Herr von Rippenheim gewesen zu sein, vielleicht derselbe Hans
Caspar von Rippenheim (gest. 1562), dessen Grabplatte sich aussen an der Nordseite des
Langhauses noch heute erhalten hat.

In der rechts an das Schiff der Kirche angebauten Kapelle stehen drei äusserst
werthvolle Grabplatten der Familie von Hürnheim aus feinkörnigem, grauem Sandstein Grabplatten
gehauen und ursprünglich vollständig gefasst.
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