Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Im Sinne dieser Feststellungen ist die Form für uns nicht ein ästheti-
sches, sondern vorwiegend ein konstruktives Problem. Uns geht hier
weniger die fertige Form an und ihre kritische Bewertung nach über-
lieferten Schönheitsbegriffen. Wir werden uns vielmehr mit dem Ge-
staltungsprozeß, mit dem Weg zur Form, mit der Formwerdung beschäf-
tigen. Wir werden die Gestaltungsmethoden aufzeigen, die auf allen Ge-
bieten des gewerblichen und künstlerischen Schaffens unserer Zeit zu
neuen und oft ungewohnten Formen geführt haben. Wir werden die
Wechselbeziehungen untersuchen zwischen Arbeitsvorgang, Werkstoff,
Werkzeug und Form und die Problemstellung zu ermitteln suchen, die
sich daraus für die Formgestaltung ergibt. Wir werden versuchen, die
mannigfachen Faktoren zu bestimmen, die heute entscheidenden Einfluß
auf den Gestaltungsprozeß ausüben, und die Voraussetzungen zu klären,
unter denen die Formgebung sich heute vollzieht. Zur Klärung dieser
Zusammenhänge wollen wir durch freie Aussprache der Sachverständigen,
durch Meinungsaustausch der Fabrikanten und Künstler, der Ingenieure
und Architekten beitragen. Nur wenn wir diese Zusammenhänge und
Wechselbeziehungen kennen, wenn wir Klarheit haben über Sinn und
Bedeutung der Faktoren, die die gestaltende Arbeit beeinflussen, werden
wir zu einer organischen Gestaltung und damit auch zu neuen, unserer
Zeit eigentümlichen Formen gelangen.

Das ist die eine, die methodisch-kritische Seite unserer Aufgabe. Und
wir werden bei der Behandlung dieser Aufgabe nicht irgendwelchen
kunsttheoretischen Dogmen folgen noch überhaupt allzuviel von Kunst
dabei reden, die ja auch nur ein und zwar der höchste und letzte Ausdruck
der gestaltenden Arbeit ist. Sondern wir werden unsere Probleme mehr
aus der Praxis der Werkstatt und aus dem Umkreis des täglichen Lebens
betrachten, in dem Bewußtsein, daß alle echte Form ein sinnfälliger und
wahrheitsgetreuer Ausdruck eben dieses gegenwärtigen Lebens ist und
alle menschliche Gestaltung geprägte Form ist, die lebend sich entwickelt.

Zum andern aber soll unsere Zeitschrift auch eine Sammelstätte sein
für den schöpferischen Formenausdruck unserer Zeit. In den Abbildungen
werden wir Formgebungen aus allen Gebieten der gestaltenden Arbeit
zeigen,die alsBeispiele schöpferischenGestaltens geltenkönnenoderals vor-
läufige Lösungen vonWert sind,weil sie durch die Art ihrer Problemstellung
die gegenwärtigen Aufgaben der Formgestaltung anschaulich machen.

In einem berichtenden Teil werden wir fortlaufend zu allen wichtigen
Zeitfragen und Zeitereignissen, die mit dem Aufgabengebiet der Zeitschrift
in Beziehung stehen, betrachtend und kritisch Stellung nehmen.

Dieses Programm hat in den Grundzügen demVorstand des Deutschen
Werkbundes vorgelegen und seine Billigung gefunden. Zu seiner Durch-
führung erbittet der vom Vorstand bestellte Herausgeber hiermit die
Förderung und Mitarbeit aller Mitglieder und Freunde des Deutschen

Wrerkbundes. Walter Curt Behrendt
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