Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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ZEITFRAGEN

TEXTILKUNST

Wir erhalten folgende Zuschrift, die wir hier
unter Hinweis auf den Leitartikel dieses. Heftes
zum Abdruck bringen.

Ein wichtiger, altehrwürdiger Zweig des
Kunsthandwerks in seinem eigentlichsten Sinn,
meldet sich hier zum Wort, überzeugt, daß es
nur offener Aussprache bedarf um die Schwie-
rigkeiten zu überwinden, die heute seiner rich-
tigen Anwendung entgegenstehen. Schwierigkei-
len? Gefahr des Untergangs? Haben wir nicht
den enormen Aufschwung der Färbe- und Druck-
lecbnik? Werden nicht dauernd von einsich-
tigen Fabrikanten hochwertige Künstlermuster
für ihre Fabrikate begehrt? Gewiß, das ist ein
wichtiges, einflußreiches Gebiet, und wir sind
nach vielen Richtungen zu Dank verpflichtet,
daß es uns, zum großen Teil dank der
Werkbundarbeit, zurückgewonnen wurde; denn
in allen kulturell hochstehenden Zeilen sind gute
Stoffmuster von Künstlern entworfen worden,
damals so selbstverständlich, daß es nicht nötig
schien, dies eigens zu betonen.

Was mir heute den Mut gibt, den Werkbund
in meiner Sache aufzurufen, ist etwas ganz an-
deres: das Einzelstück, die Stickerei, Gobelin-
weberei, mit dem ganzen weiten Gebiet, das sie
umfassen.

Dieser Zweig der Textilkunst, der edelste weil
persönlichste, ist heule in der gleichen Lage wie
die Staffeleibildmalerei: er schafft für sich,
ohne Zusammenhang mit dem Bedarf, mit dem
Raum, zu dem er gehört, solange er noch Atem
und Kraft hat, das zu tun, und muß notwendi-
gerweise aussterben, wenn ihm nicht die ge-
sunden Grundlagen geschaffen werden, die er
zu seiner richtigen Entwicklung und Auswirkung
braucht: die Zusammenarbeit mit dem Archi-
tekten von Anfang an.

In slawischen Ländern, im alten Oesterreich
mit seinem Völkerkonglomerat, ist aus der
Volkskunst jener Reichtum entstanden, auf dem
die höfische Kultur Wiens weitergebaut hat.
Davon hat die moderne Kunstgewerbe-Bewegung
so viel in ihre Bahn zu lenken verstanden, daß
trotz des politischen Unglücks ein Grund von
technischem Geschick, Farbensinn und Geschmack
im ganzen Volk geblieben ist, der jede Kunst-
periode neu befruchtet. Diese Voraussetzungen
fehlen bei uns, wie überall dort, wo Industrie
und Verkehr so hoch entwickelt sind, daß auch
in abgelegenen Tälern die Menschen ihre Ar-
beitszeit nach allgemein gültigen Sätzen bewer-
ten — der Tod jeder Volkskunst, die nur ge-
deihen kann, wenn das Arbeilsziel die Haupt-
sache ist, und nicht die möglichste Abkürzung
der Zeit, in der dieses Ziel erreicht werden
kann Dieser Weg von unten herauf ist uns

verschüttet und würde sich auch beim besten
Willen so wenig erneuern lassen, wie etwa
die Beibehaltung der alten Volkstrachten.

Damit gehen jedoch die Grundlagen des Hand-
werks verloren, das so wichtig ist wie alle
anderen, besonders weil sich dadurch in den
Frauen noch ein Rest von Qualitätsgcfühl fest-
halten läßt, der ihre Augen unwillkürlich auch
für andere Handwerksgebiete schärft. Drum ist's
nötig, Gelegenheit für hochwertige Arbeit zu
schaffen, und daran langsam wieder einen Stamm
von technisch geschickten Arbeiterinnen zu er-
ziehen, die in Liebe und Sorgfalt ihrem Hand-
werk ergeben sind.

Mit ihren Kräften allein kann das die Textil-
kunst jedoch nicht erreichen, sie braucht gegebene
Zwecke, um die ihr gesetzte Aufgabe zu erfüllen.
Ausstellungen helfen dazu wenig, denn was dort
wirkt, ist wieder nur ins Blaue hinein geschaf-
fen, und schwerlich wird sich ein Raum fin-
den, in den gerade die dekorative Stickerei
paßt, die auf der Ausstellung frappant in die
Augen fällt. Gar nicht gerechnet, daß Textilien
auf Kunstgewerbe-Ausstellungen überhaupt wenig
beliebt sind, und höchstens als toniger Hinter-
grund für andere Gegenstände Verwendung fin-
den — selten dagegen um ihrer selbst willen.
Die Gründe sind klar: Raumnot, entsetzliche
Ueberproduktion von Halbheiten und dann der
peinliche Begriff „weibliche Handarbeit", der
aber schließlich mit einer nach künstlerischem
Entwurf technisch einwandfrei ausgeführten Ar-
beit nicht mehr zu tun hat, als eine Schrebergar-
tenhütte mit einem Architektenbau — Material
und Technik sind gemeinsam. Und oft nicht
einmal diese, denn es gibt Arbeiten, deren fein-
ster Reiz erst durch die Nadel in der Hand
entsteht, weshalb das Beste auf diesem Gebiet
auch nur dort wachsen kann, wo Entwurf und
Ausführung in einer Hand liegen. Die Hand
aber ist gebunden durch die Not der Zeit, kann
schwer Monate an Arbeitszeit und kostspieliges
Material an Dinge wenden, die keinen unmittel-
baren Zweck haben. Und so droht der billige
Schein uns zu überwuchern, wenn nicht ein-
sichtige Baukünstler noch in letzter Stunde sich
ihrer annehmen.

Daß dies ganze Gebiet so gut wie ausschließ-
lich Frauenarbeit umfaßt, spielt meiner Ueber-
zeugung nach keine Rolle und wird lediglich
erwähnt, um zu verhüten, daß Erwägungen dar-
über etwa auf dieses falsche Gleis geraten könn-
ten; ebensowenig besteht Grund zu irgendwel-
chem Ressentiment. Dies soll nichts sein als
ein Anruf, von dem ich überzeugt bin, daß er
von den Berufenen richtig gehört und richtig
verstanden wird.

Luise Pollitzer, München

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