Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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rend im 18. Jahrhundert die Ryijen haupt- denen in Schleswig-Holstein sind uns we-
sächlich figürliche Motive aller Art auf- niger wichtig als die Tatsache ihrer so
weisen mit oft starken Einschlägen frem- starken unabhängigen künstlerischen und
der Herkunft wie Rokokotulpen.. Palmet- nationalen Existenz und einer Technik, die
ten und orientalischen Formelementen, in kaum ähnlicher Weise irgendwo wirk-
entwickelt sich um die Wende des 19. liebes Volkskönnen geworden ist, in dem
Jahrhunderts eine immer mehr geometri- sich die Begabung dieses im Avestlichen
sehe und abstrakte Formgebung, die viel- Sinne kunstarmen Landes so bewunde-
leichl auf das durch viele Generationen hin- rungswürdig wie in der großen Volksepcn-
durch vererbte und immer formgerechter Sammlung Kalcvala verewigt hat. Die
ausgebildete technische Können des We- junge Künstlcrgeneration Finnlands, die
bens zurückzuführen ist. Diese Teppiche zum größten Teil aus bäuerlichen Kreisen
erinnern noch um i83o oft in ihrer stren- gekommen ist, hat die stärkste Beziehung
gen und herben Stilisierung an indiani- in ihrer an den Primitiven und am Expres-
sche Totems, überhaupt an die Form- sionismus orientierten Schaffensweise zu
spräche primitiver Völker (Abbildung 5) dieser Volkskunst, die auch vom Kunst-
und man ist merkwürdig berührt von der handwerk wieder aufgenommen ist. Der
scheinbar so paradoxen Tatsache, daß zwei Verein „Finnlands Handarbeitsfreunde"
oder drei Jahrzehnte später diese starke . (Suomen Käsyliön Ystävät), gegründet
und stilreine, in ihrer Gestallung unserem 1879, bat das Verdienst, auch praktisch die-
heutigen am technischen Vorgang geschul- ses Können wieder belebt zu haben. Heute
ten Formempfinden nahestehende Kunst werden dort nicht nur die alten Ryijen
plötzlicli aussetzt, als der bäuerlichen Be- ausgezeichnet kopiert, sondern er beein-
völkerung die Industrieprodukte aufge- flußt im ganzen Land die Ausbildung die-
zwungen wurden und die Eigenproduktion ser texlilen Heimarbeit, und es werden für
als veraltet, plump und rückständig dar- staatliche, kirchliche und private Zwecke
gestellt wird, und daß in dieser kurzen moderne Ryijen gewebt, die an die Spitze
Zeitspanne eine so hochentwickelte auf des zeitgenössischen Schaffens auf diesem
breitester Grundlage geübte Volkskunst Gebiete zu stellen sind,
still und unbemerkt zugrunde gehen konnte. Im nächsten Jahre ist eine finnische
In dem Sireliusschen Werk ist die histo- Kunstaustellung in Berlin geplant. Es
rische, technische und formale Seite der wäre zu wünschen, daß dabei (nach dem
Ryijenkunst eingehend behandelt, inleres- vor einigen Jahren mißglückten Versuch,
sante Probleme, wie die vielumstrittenc hier eine Auswahl der Hörhammersehen
Beziehung zu den orientalischen Teppichen, Sammlung zu zeigen) auch den Ryijen ein
zu den skandinavischen Ryijenarbeiten und gebührender Platz eingeräumt wird.

KUNSTGEWERBE-DÄMMERUNG?

VON DR. OSCAR GEHRIG

Vor mir liegt ein Mappenwerk in Foliofor- nichts drastischer kennzeichnen als ein Ver-
mat „Das Deutsche Kunstgewerbe zur gleich mit dem, was ein wirklich form-
Zeit der Weltausstellung in Chicago 1898". schöpferischer Architekt in der obenhin
Das ist das Jahr, in dem ein Wright bereits fälschlich kulturlos genannten Neuen Welt
drüben in demselben Amerika seine Hau- mit zwingender Logik fertigstellte, wäh-
ser baute von der Art, wie sie bei uns etwa rend der alte Kontinent aus innerer Ver-
Peler Behrens so um igo5 bis 1910 hin- brauchtheit noch in seinem vielseitigen bi-
st eilen konnte. Es muß den Stand unserer storischen Muslerbuche blätlerle und dar-
damals noch herrschenden, nein „führen- über das Aufschauen ganz vergaß. Kaum
den" Formanschauung — und auf die mehr als ein Mensclicnaller ist das her.
von München ausgehende Führung legt der Von der gotischen Kredenz bis zum Roko-
Text der Mappe besonderen Nachdruck - kosalon, vom Renaissance-Zierschrank bis

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