Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Keramik und Baukunst

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VON P.R.HENNING, BERLIN

eramik ist ein geläufiger Begriff geworden, die Keramik als Baufaktor einzubeziehen,
Viel trägt dazu bei, daß sie, mit Ausnabme die Bresche in das dagegen bestehende
einiger Glasuren, unserer rechnerischen Vorurteil zu schlagen, ist noch nicht voll-
Zeit wirtschaftlich entgegenkommt. Sie ständigbeendet, wieesmanchemerscheinen
wurde in sehr vielen Fällen das Äquivalent möchte. Weiterhin ist meines Erachtens
des Hausteines. Beim sogenannten Kunst- auch der rein materielle Erstehungsprozeß
gewerbe stürzten sich geradezu Männlein der Baukeramik noch in den Anfängen,
und Weiblein auf dieses biegsame Material, Gerade die Zusammenstellung Kiedrichs
um es für alle nur möglichen Einfälle ge- möchte dazu beitrogen, die Gesinnung über
fügig zu machen. Die große Beweglich- die Verwendung und Gestaltung der Kera-
keit seiner Modulation, sowie die bestrik- mik im Bauwesen zu klären,
kende Lüsternheit seiner Farben dient KeramikalsBaufaktorhatbei allen dekorativ
scheinbar willenlos jedem, der sich damit arbeitenden Architekten schnell Eingang-
beschäftigt. Wieviel dabei an Struktur ge- gefunden. Mit einem gewissen graphischen
pflegt wird, und was etwa der erreichte Flächenauflösungsvermögen begabt, war sie
Durchschnitt ist, zeigte kürzlich wieder für c\[ei,e ein bestrickendes Material, ein
einmal die Veranstaltung „Märkische senr willkommenes Schmuckelement, das
Keramik" im alten Kunstgewerbemuseum ihnen Erfolg brachte. Sogar die überleb-
zu Berlin. Die Besprechung dieser Aus- testen formalen Lösungen erschienen durch
Stellung durch Dr. Hahm (im Heft 2 dieser die Materiolwirkung des Scherbens oder
Zeitschrift) ist überaus treffend und über- glasierter Stücke lebendig;, und mancher
zeugend für alle, die im Ton mehr als leere namhafte Baumeister verdankt der Keramik
Spielereien erstreben. Fast gleichzeitig er- mehr als er sich und anderen eingestehen
schien im Verlage Albert Lüdtke in Berlin darf. Hierhergehören auch alle diejenigen,
ein von Otto Ried rieh zusammengestelltes die die gegenwärtige Baukeramik noch
Buch über die Keramik der Gegenwart, immer in Beziehung fühlen mit der Auf-
Das hierin gesammelte Abbildungsmaterial fassung vergangener Kulturen. Der Osten
über Keramik und Baukunst gibt Veran- ganz besonders liegt wie ein Alp auf mancher
lassung, auf die Beziehung dieser beiden geplagten Architektenseele. Hat doch die
näher einzugehen. ganze Einstellung dieser Bauenden recht
Das Bauen unserer Tage ist in seiner Ge- wenig mit ursprünglichem Schaffenswillen
sinnung nicht einheitlich. Die bei vielen gemein. Dieses Manko wird durch die
Architekten selbstverständlichsten An- Geschicklichkeit ausgeglichen, dem ganzen
schauungen zeitigen Diskussionen, die Baugebilde den Anreiz des Interessanten
meistens fruchtlos, mit beiderseitigem Kopf- zu verschaffen. Dabei bleibt es für mich
schütteln enden. Und doch entsteht das gleich, ob diese Anleihen des Interessanten
ganze Bauwesen vor uns neu! Es ist ab- im Biedermeier oder in Mexiko erfolgen,
solut nicht die Technik allein, die uns Ich möchte das deshalb recht deutlich fest-
neue Wege diktiert, sondern durch die legen, da ich glaube, daß das „Interessante"
Verjüngung der schaffenden Elemente ist gerade das gefahrbringende Element im
eine Stoßwelle in die Erfassung der Bau- Aufbau einer Baukunst ist. Ihm gegenüber
aufgaben gekommen, die eine prinzipiell steht das Selbstverständliche, und damit
andere Einstellung zum Bauwerk verlangt, komme ich auf den Kern dieser Betrach-
ts wäre pharisäerhaft und verfrüht, über tung, den Entscheid in der Baugesinnung:
diese unausgegorenen Dinge zu urteilen, wollen wir eine Gestaltung, die an die
oder sie gar zu belächeln). Der Versuch, Nerven appelliert oder eine solche, die uns

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