Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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einem Glücksgefühl nahebringt. Es wird
jedem wirklich Schaffenden klar, daß diese
beiden Gesinnungen das Bauen grundver-
schieden erfassen. Eine Baukunst, die nicht
auf Interessantsein basieren will, wird sich
ohne weiteres allem Selbstverständlichen
dagegen in die Arme werfen. Das Selbst-
verständliche beginnt dabei bereits bei der
Orientierung des Baues, häufig sogar schon
bei der Wahl des Bauplatzes.

Die Schönheit eines selbstverständlichen
Baues beruht auf seiner sichtbaren kon-
struktiven Klarheit, die durch nichts künst-
lich Hinzugefügtes beeinträchtigt wird. Das
trifft ebenso den überlieferten Rhythmus
des Backsteinbaues mit seiner prächtigen
Fugensprache, wie den neugeschaffenen
Rhythmus des fugenlosen Eisenbeton- und
und Stahlgerüstbaues. Es ist ebenso närrisch,
an einem Backsteinbau keramische „Mo-
tive", die konstruktiv sich nicht einordnen
lassen, mit Riesennägeln zu befestigen, wie
den monumentalen Rhythmus des moder-
nen Baues durch „illustrative 1 Keramik zu
verwischen. Die Keramik des Backstein-
baues behält dessen spezifische Struktur, da
sie lediglich eine logische Weiterbildung

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aus seinem Element: dem einzelnen tra-
genden Backstein, ist. DieKeramik des neuen
Bausystems kann auch nur dann als selbst-
verständlich bestehen, wenn sie ebenso aus
dem Element der neuen Bauweise: dem
betonierten Eisen oder dem Stahlträger
herauswächst. Es sind bereits in der Praxis
einige Ansätze in dieser Richtung geglückt.
Ich möchte hier auf einiges hinweisen, das
sich aus derMaterialbeschaffenheit desToues
ergibt.

Der Tonscherben ist unter unseren, in
Deutschland möglichen wetterfesten Bau-
materialien mit das leichteste, dank seiner
Verwendung als Tonblatt, sowie als röhren-
förmiger Hohlkörper. Dies ist von Bedeu-
tung für seine Beziehung zum neuen Eisen-
bzw. Stahlgerüstbau, dessen ökonomische
Vorteile unter anderem darin bestehen,daß
die Stärke der eigentlichen Wände so ge-
ring als irgend möglich sein kann. Hiermit
tritt zugleich das Bedürfnis auf,als Füll-und
Mantelmaterial, anstelle des bisher häufig
verwendeten kleinen Glasursteines,Keramik
von großem Maßstab einzuführen. Um den

architektonischen Gestaltungsprozeß bei
allen Bauarten, die auf Eisenkonstruktion
basieren, zu erweitern, können wir die be-
stehenden Pfeilersysteme über sie selbst
hinaus gestalten, Konstruktionserweiterun-
gen schaffen, die die Bauflucht systematisch
durchbrechen. Es ist ja geradedas Befreiende
des neuen Gerüstbaues, daß das tragende
Element statisch punktual und nicht mehr
auf massiver Fläche aufgebaut ist, deren
Schwerpunkt fast unverrückbar bleibt. An
Stelle der Schwere eines Backstei nbaues steht
nunmehr die Elastizität der Pfeiler, die
in knappsten Querschnittsdimensionen ge-
halten werden können. Die einbezogene
Keramik kann und muß diese Elastizität
ebenfalls mit sich führen. DieGeschmeidip-
keit des Materials in Form und Farbe,
besonders des glasierten Tones, akzentuiert
Form und Linie eines solchen Bauwerkes
stärker und in der Wirkung dauerhafter als
der stumpfe und rasch verstaubende Beton.

Wie steht es nun mit der technischen Her-
stellung der Baukeramik bei uns? Wir
haben noch keine einzige Werkstatt, die
in erster Linie der Baukeramik gewidmet
wäre. Die nicht einheitlich gepflegte Bau-
keramik ist bisher nur mehr oder weniger
als Stiefkind in den einzelnen Werkstätten
behandelt worden. Vor allem Ofenfabriken
und kleinkeramische Manüfakturen be-
treiben sie gleichsam nebenbei. Ein plan-
mäßiges großzügiges Vorgehen in dieser
Materie besteht bei uns vorläufig nicht,
während das in Amerika längst der Fall ist.

Seit mehreren Jahren habe ich dieseTatsache
unsern Fachkreisen vor Augen gehalten.
Andere Zweige der Baumaterialindustrie
sind längst derartig vorgegangen; beim
Eisenträger und Holzbinder sind ent-
scheidende Schritte in dieser Richtung ge-
tan, die sich auch materiell bestens aus-
wirken. Die Architektenschaft hätte an
einer einheitlichen Erfassung einer groß-
keramischen Industrie dasselbe Interesse,
zumal dadurch die restlose Verwirklichung
ihrer künstlerischen wie technischen Ab-
sichten besser gewährleistet wäre. Auch
eine Normierung in vielen, stets sich wieder-
holenden baukerarnischen Gebilden (ähn-
lich wie bei den Normfliesen), die eine
gleichzeitige Vereinfachung der Archi-

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