Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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die sich heute an vielen Orten in Deutschland um
eine Erneuerung der Architektur mühen. Die
größeren Bauaufträge, die hierzu vergeben sind,
dürfen als geeignetes Betätigungsfeld für jene
Erneuerungsversuche nicht ungenutzt bleiben.
Was in Holland möglich ist, wo, allen voran, Post
und Eisenbahn sich mit vorbildlicher Entschieden-
heit der jungen vorwärtsstrebenden Kräfte für
ihre Bauaufträge bedienen, muß auch in Deutsch-
land gehen. Es braucht nicht gerade in Bayern
zu sein, wo die Eingliederung in das geschichtlich
gewordene Ortsbild vielleicht eine gewisse Vor-
sicht und Zurückhaltung rechtfertigt, die auf
jungfräulichem Industrieboden nicht in gleicher
Weise geboten sind. Wenn z. B. jetzt in Berlin
für eine Oberpostdirektion ein neues sechsge-
schossiges Dienstgebäude geplant wird, so wäre
hier der verpflichtende Anlaß gegeben, an dieser
Planung die bewährten Kräfte der jungen Be-
wegung zu beteiligen.

GUTER GESCHMACK GENUEGT NICHT

Unter dieser Überschrift finden wir in der
Londoner Zeitschrift „The New Statesman" einen
Artikel von Baymond Mortimer, der sich mit
Fragen der modernen Baukunst beschäftigt und
dabei gegen den traditionellen Akademismus
der englischen Architektur zu Felde zieht, die bei
aller sorgfältigen und liebevollen Detailierung
kein Interesse beim Publikum findet, weil sie
eine tote Sprache redet. „Alle Kunst aber, Archi-
tektur sowohl als Musik und Literatur, muß ein
Stück Leben sein und das gegenwärtige Lebens-
gefühl ausdrücken ... Wenn unsere gegenwär-
tigen Architekten für ihre Fassaden den Stil
der Georgsperiode gebrauchen, so nur deshalb,
weil es ihnen an Mut oder an Erfindungsgabe ge-
bricht. Guter Geschmack genügt nicht. Daran
fehlt es unseren jungen Architekten so wenig wie
an Gelehrsamkeit. Was nottut, ist ein Genie.
Gäbe es ein solches, so gäbe es auch genug Archi-
tekten, die von ihm lernen könnten. Aber so
wenig die Architektur ihren Wagner oder Ce-
zanne gefunden hat, noch weniger hat sie ihren
Stravinsky oder Picasso gefunden."

Das charakteristische Kennzeichen der mo-
dernen Architektur, das besonders an kontinen-
talen Beispielen auffällt, ist, daß sie ornament-
los ist. „Nicht weil das Ornament an sich schlecht
ist: sehr viele hervorragende Gebäude sind reich
ornamentiert. Sondern, weil es noch keine geläufige
Form des Ornaments gibt, die unsere Architekten
in natürlicher Weise gebrauchen können. Das
Ornament wird später entwickelt werden in Ver-
bindung mit der Malerei und Bildhauerkunst, zu
denen es gehört. Die neue Architektur wird zu-
nächst unvermeidlich auf der Kunst der Verhält-
nisse beruhen, dem Wechsel von Licht und
Schatten und dem klugen Gebrauch von senk-
rechten und wagerechten Linienbewegungen. In
anderer Hinsicht wird sie vom Baustoff abhängig
sein, und zwar hauptsächlich vom Eisenbeton.
Wenn die Architekten unserer Wohnhäuser und
öffentlichen Gebäude dahin gelangen werden, daß
sie, wie die Industriearchitekten, in den Begriffen
des Eisenbetons denken, wird sich ein neuer Stil
von selbst ergeben. Wie alle neuen Dinge, wird
er den konservativen Leuten häßlich erscheinen,
und man wird ihn dekadent und bolschewistisch
nennen. Er wird sich besonders für die Massen-
herstellung eignen, denn im heutigen Städtebau
wird die Straße zur Einheit, nicht das Haus, und
zwar aus ästhetischen wie aus wirtschaftlichen
Gründen. Es wird ein Erzeugnis nicht des guten
Geschmacks, sondern der Einbildungskraft und,
vor allem, klaren und scharfen Denkens sein."

Zum Schluß werden die Arbeiten von Erich
Mendelsohn erwähnt. Einige seiner Arbeiten seien
häßlich in der unempfundenen und draufgänge-
rischen Art, in der deutsche Arbeit häßlich
sein kann. Mendelsohns Puritanismus sei im
Augenblick vielleicht unvermeidlich, aber das sei
ein unwichtiges Merkmal im Vergleich zu seiner
bewußten Absicht, als Bildhauer und — wie die
großen Architekten ■— in Raumbegriffen zu
denken. Wenn ein Architekt zu Mendelsohns
Mut einen stärkeren Grad von Empfindung hin-
zufügen würde, so würden vielleicht Gebäude von
jener Schönheit entstehen, die zugleich unge-
wöhnlich und voller Ausdruck des Zeitgeistes ist.

ZU DEN

FUNKTIONELLES BAUEN

Gut Garkau / Das Viehhaus

Als geeignetste Form für die Aufstallung von
li2 Stück Großvieh wurde eine birnenförmige An-
lage ermittelt. Das Rauhfutter wird von oben auf
den Futtertisch herabgestoßen, der also sogleich
Fultertenne ist. Die Verteilung des Futters ist
dadurch sehr vereinfacht. Zugleich ist die Aus-
mistung des Stalles in einem Zuge ohne Umkehr
zu schaffen. Es ist ein weiterer Vorzug dieser
Anlage, daß die Tiere sich nicht direkt gegen-
überstehen, sich also nicht anschnaufen können,

BILDERN

was bei Seuchefällen die Gefahr der Über-
tragung verringert. Die Besichtigung der Tiere —
es handelt sich um hochwertiges Zuchtvieh — ist in
einem Rundgang möglich und nicht nur wie
üblich von hinten, sondern auch vom Kopf. Der
Zuchtbulle steht ganz frei in einer Losboxe. Die
schwierige Frage der Entlüftung ist ganz neu ge-
löst und zwar so, daß die Decke i: 8 nach außen
zu ansteigt (über der Achse des Futtertisches
also einen Grat bildet), die Luft kann längs der
ganzen Außenmauer durch einen Schlitz am Ende
der anschließenden Decke abziehen. Die Fenster
lieger. ganz hoch unter der Decke als ein durch-

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