Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Seite: 301
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Alle diese Tatsachen und Tendenzen mußten auf
die Gestaltung der heutigen Mode in gewissem
Sinne umwälzend einwirken. Entscheidend aber
rst der neue im Entstehen begriffene weibliche
Typus selber. Das beruflich geschulte, autonome,
zielbewußte Weib ohne Prüderie, mit einem
elastisch beweglichen, vom Sport durchgebildeten
Körper gibt die Grundlage zu der heutigen Mode
und verleiht dem neuen Kleide seine besondere
Note: Knappheit in den Umrissen, schlanke glatte
Einienführung (keine Taille), freie Beweglichkeit
in den Gelenken (kniefreier Rock), bequeme
Handhabung beim Ankleiden (Jumper) ohne aber
Schick und Eleganz zu vernachlässigen wie beim
Reformkleid. Ja, trotz der noch allzu stark betonten
Vermännlichung und der künstlich ausgeschalteten
Geschlechtsunter schiede kommt die natürliche
Kokelleric, die weibliche Anmut und erlesener
Schönheitssinn aucli in diesem scheinbar nur sach-
lichen und praktischen Kleide von heule zu ihrem
Rechte. Schlichtheit bis zum Raffinement, da-
neben frei sich entfallender Reichtum in Farben
und Drapierung, an schneiderlichen und stoff-
lichen Reizen.

Die Bilder lebender Künstler vom Sommer und
Herbst 1926, die bestimmte Kleidermodelle be-
kannter Modefirmen der gleichen Zeit wiedergeben
oder umschreiben, sind in der Ausstellung mit
den Originalkleidern zusammengehängt worden,
und so kann jeder sich selbst ein Urteil bilden,
ob und inwieweit ein gleiches Zeitgefühl die
Künstler mit der heuligen Mode verbindet. Es ist
der darstellenden Kunst nicht leicht gemacht, sich
gegenüber den üppig und sinnfällig zur Schau ge-
stellten, mit raffiniertem Geschmack angeordneten
und durch künstlerische Modenplastik belebten
Stoffen und Kleidern zu behaupten. Aber gerade
die Verpflichtung, dem modischen Geist und dem
stofflichen Reichtum der heutigen hochentwickel-
ten „Haute Couture" mit den Mitteln des Malers
gerecht zu werden und beiden ihren rechten Plalz
im Bildensemble zu geben, kann fruchtbar für
die Künstler sein und kann die Kluft überbrücken
helfen, die noch immer zwischen „Kunst" und
„Leben" besteht. Die modeschaffenden Kreise
wiederum werden immer wieder des Künstlers be-
dürfen, um der Versuchung zu widerstehen, die
ein schöner Stoff, ein phantastisches Musler, ein
extravaganter Schnill oder ein kostbarer Schmuck
dem effektlustigen Schneiderkünstler bereilet.

Dr. Wolfgang Bruhn

Marlice Hinz

Im Ausstellungsraum der staatlichen Kunstbiblio-
thek zeigt Marlice Hinz eine Auswahl ihrer Mode-
zeichnungen. An diesen Blältern überrasch l vor
allem die Reinheit der graphischen Leistung. Die
junge Künstlerin erweist sich hier als hochbegabte
Federzeichnerin. Ihre Schöpfungen sind wie in
Silber oder Glas geritzte Gebilde, bewußt flächen-

haft, auf sparsame Umrißlinien konzentriert. Mit
frühreifer Fertigkeil, ja, mit einer Tende nz zum
Virtuosen zaubert sie diese schmalen entmateria-
lisierten Gestalten aufs Papier. Durch eine strenge
Ökonomie des Striches, durch sichere Raffung der
Akzente erreicht sie einen pointierten Rhythmus
der Erscheinung, einen phantastischen Chic. Mit
spitzer, spielerisch gelöster Feder gibt sie stoff-
liche Reize, wie das Gekräusel schwankender Fe-
dern, die Zartheit eines Schleiers, die eigentüm-
liche Starre taftener Schleifen, das Gezitler flim-
mernder Pailletten. Sie ist die prädestinierte
Revuezeichnerin. Iiier wird sie geistreich durch
die Skala ihrer zeichnerisch raffinierten Aus-
drucksmittel, zusammen mit dem starken Tempe-
rament der Beobachtung.

Audi die flüchtige Niederschrift einer Modeschau
veranschaulicht aufs lebendigste die Tendenz der
Mode. Das Utrierte unterstreicht sie mit Genuß.
Überall sieht man den Stoff als rhythmisches Ge-
bilde erfaßt, dies namcnllich in den historischen
Modezeichnungen.

Aber so originell Marlice Hinz in der Wiedergabe
von Eindrücken, so zaghaft ist sie noch in der eise-
nen Erfindung. Ihre modischen Einfälle sind be-
schränkt und enlzücken mehr durch Finesse der
Kleinigkeilen als durch Neuartigkeit der Kompo-
sition. Fast scheint es, als habe das rein künst-
lerische Interesse an der Zeichnung die modische
Phantasie bisher zurückgedrängt. Eine gewisse
Vernachlässigung der Gewandgeslaltung zu Gun-
sten der schmückenden Akzente fällt hierbei auf.
Und doch wäre es so sehr zu wünschen, daß
Talente wie Marlice Hinz mit klarer Eindring-
lichkeit auf die Form hinwiesen. Gerade heule,
wo die Mode darauf ausgeht, den Aufbau des Kör-
pers unter seiner Hülle spüren zu lassen, ent-
steht immer das Problem, bei scheinbarer Stoff-
fülle, wie sie die Modelaune in Glocken, Pullen
und Fallen, bald hier, bald da verlangt, die Grund-
tendenz festzuhalten. Diese Forderung, die die
französische Schneiderkunst instruktiv erfüllt, ist
in Deulschland noch lange nicht genug erkannt.
Das Geheimnis der Nähte, die ein Kleid zur
schmiegsamen Haut gestalten, die unfehlbare Kon-
struktion, die der Bewegung Anmut verleiht, ohne
zu hemmen, der Sinn für edle Proportion in der
Unterteilung des Körpers, um ihn bei allen Mode-
torheiten noch harmonisch erscheinen zu lassen,
ist eine eigentümliche Begabung der französischen
Rasse.

Wenn auch viele Modeschöpfungen aus dem
Material heraus entstehen, dessen mannigfach ge-
häufter Anblick erfahrene Hände inspiriert, so
bleibt doch der zw ingende Hinweis auf die Form
gerade bei uns eine erzieherische Notwendigkeit.
Auch ein Gavarni schrieb mit flüchtigem Stift die
launigen Gebilde seiner Zeil nieder und hat sich
doch als starke Geschmackspotenz durch exakte
Gestaltung mitbeteiligt an der Prägung der Mode.

Mimi Koch.

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