Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Bekleidungskunst_

VON MARLICE HINZ, BERLIN

lic Grundformen der menschlichen Beklei- ebenso wirksam ist wie bei dem Menschen,
dung sind schon in prähistorischen Zeiten der schon in prähistorischen Zeiten sich
festgelegt worden. Späteren Zeiten blieb durch dieses Bedürfnis vom Tier unter-
nur die Aufgabe, ein auf Grund seiner inne- schied, ein Bedürfnis, auf dem nicht nur
ren Gesetzmäßigkeit gegebenes Thema seine künstlerischen Fähigkeiten, sondern
immer wieder zu variieren. Es handelt sich die Kultur des Menschen überhaupt sich
also bei aller modischen Gestaltung mehr aufbauen sollte. Wer die Mode, ihre Ge-
um Originalität der Anwendung als um Ori- schichte, ihre Entwicklung und ihre Absich-
ginalität der Erfindung, wobei als treibende ten von anderen als diesen Gesichtspunkten
Kraft der dem Menschen aller Zeiten ange- aus betrachtet, wird ihren Äußerungen nie-
borenc Schmuckbetrieb zu gelten hat, ein mals gerecht werden, sie niemals als den
Trieb, der nach immer neuen Materialien unmittelbarsten Ausdruck des Seelischen im
und Ziergegenständen sucht, die er durch Menschen einschätzen lernen, sondern in der
entsprechende Verarbeitung zu steigern Mode immer nur Willkürakte von Schnei-
trachtet. Die Entwicklung der Mode beruht dem oder Modeindustrien sehen,
recht eigentlich auf dieser ewigen Sucht Die Moden der letzten Jahre bieten dem Be-
nach neuen Möglichkeiten, den Menschen zu trachter sehr lehrreiche Beispiele für die
schmücken und zu verschönern. Psychologie der Mode, denn gerade in den
Bei der Betrachtung der Mode unserer Zeit Wirrnissen der Kriegs-, Bevolutions- und
müssen wir davon ausgehen, daß die ge- Nachkriegszeit hat sich die Mode, wie
samte Kulturwelt heute eine einheitliche immer in solchen Zeiten, sehr ausgeprägte
Kleidung trägt, die europäische, und daß und charakteristische Ausdrucksformen ge-
dementsprechend, wenn von Mode die Bede schaffen.

ist, wir die Weltmode meinen und nicht die Die „Revolution der Mode" begann mit den
Versuche einzelner Reformer, die gerade abgeschnittenen Haaren, die, nichts Neues
die modische Gestaltung in Deutschland so unter der Sonne, schon die französische Re-
vielfach irregeleitet haben. Die Weltmode volulion begleitet hatten, i836 ,,ä la Jeanne
von heute aber folgt, wie die Moden aller d'Arc" nochmals auftauchten, verschwan-
Zcilen, eigenen, ewig gülligen Gesetzen, den, um dann wiederum ,,ä la Ninon" die
eines der stärksten Ausdrucksmittel der dritte französische Republik zu begleiten.
Menschen darstellend. Sie hat, in ihrem Eine Wiedergeburt dieser Haartracht blieb
eigentlichen Wesen, nichts zu tun mit For- unserer Zeit vorbehalten; nehmen wir an,
derungen des Klimas, des Schamgefühls daß die Geschichte diese Tatsache ebenso
oder gar der anatomischen Beschaffenheit sorgfältig registriert wie die vorhergehen-
der beiden Geschlechter, noch irgendwel- den.

eher Fragen der Zweckmäßigkeit oder Das entfesselte Bein und der allzu kurze
Nützlichkeit, sondern bringt immer nur Bock sind ebenfalls nur aus Krieg und Re-
dem Menschen eigentümliche Urtricbe zum volulion zu erklärende Modefrivolitälen,
Ausdruck, die, vom angeborenen Spicltrieb die, diesem ihrem Ursprung nach, sich bei
sich herleitend, mit dem Trieb der Eitelkeit solcher Gelegenheit immer wiederholen
sich verbunden haben zu zweckbewußter Averdcn, die aber recht wenig zu tun haben
Verschönerung und Hervorhebung der mit Hygiene, Sport oder gar Zweckmäßig-
menschlichen Erscheinung. Die Bekleidung keil, sondern ganz einfach einer sehr cha-
der Menschen entstand einzig und allein aus raktcristischen Verwirrung der Begriffe
diesem Schmuckbedürfnis heraus, das einer Zeit entsprechen, die uns ebenso ein-
heute, wenn auch unbewußt, immer noch seitig an die Dauerhaftigkeit der äugen-

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