Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Page: 306
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1925_1926/0382
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wirtschaftsfaktor wird. Jede sportliche Be-
tätigung, die dem, der sie ausübt, wenigstens
ein gewisses Maß von Befriedigung bringen
soll, hat zur Voraussetzung, daß man sich ihr
intensiv und für die Dauer hingibt. Für all das,
was mit der Ausübung irgendeines Sports zu-
sammenhängt, schrumpfen also die Mög-
lichkeiten eines zu häufigen Modenwechsels,
sofern die Initiative dazu von einer Will-
kür ausgeht, die lediglich des Wechsels
wegen das Neue bevorzugt. Indes, auch
noch von einer anderen Seite her vermag die
Liebe zu sportlicher Betätigung den unge-
hemmten Drang solcher Industriezweige zu
bremsen, die mangels jedes kulturellen Ver-
antwortungsgefühls Sinn und Wesen ihrer
volkswirtschaftlichen Funktionen darin er-
blicken, daß sie die letzte Neuheit von
gestern durch die allerletzte Neuheit von
heute zu ersetzen suchen. Die Freude am
gesunden, am gekräftigten und am gepfleg-
ten Körper, die das menschlich wertvollste
Aklivum jedes Sporlbctriebes ist, führt
nämlich zwangsläufig dazu, auf weiten Be-
zirken den modischen Möglichkeiten oder
Unmöglichkeiten bestimmte Grenzen zu
ziehen. So wird für Sportgerät und Sport-
kleidung die Qualität, die Hoch- und Dauer-
wertigkeit des Materials wieder zu Ehren
gebracht, und der Zwang zu zweckmäßiger
Gestaltung verhindert die Propagierung von
Moden nur um der Neuheit der Mode
willen.

Allerdings werden sich verantwortungsbe-
wußte Führer einer Volkswirtschaft, deren
Fundament im Sinne der Werkbundsbestre-
bungen Qualitätsarbeit sein soll, nicht mit
der Erwartung begnügen können, daß die
in der mechanisierten Wirtschaft häufig zu
Schunderzeugung ausartenden Industrien
modischer Artikel hier und da gesunden, in-
dem sich mit Hilfe des Sports Material und
Zweckform wieder durchsetzen. Hier wird
vielmehr die Arbeit derer einzusetzen haben,
die, ohne zu verkennen, daß es sich bei der
Mode um ein mit jeder Kulturphase un-
trennbar verbundenes soziologisches Pro-
blem handelt, doch von der Überzeugung
durchdrungen sind, daß es kulturelle Mög-
lichkeilen gibt, die der Menschheit ganz all-
gemein ein Mehr an Daseinsfrcude zu ver-
schaffen vermögen. Konsumenlenerziehung

auf der einen Seite, Produzentenerziehung
auf der anderen Seite: diese Richtlinien
volkswirtschaftlicher Entwicklung auf mo-
disches Schaffen übertragen, zeigen uns,
welche volkswirtschaftlichen Aufgaben die
Mode und die in ihr Berufstätigen zu er-
füllen haben. In viel stärkerem Maße, als
es bisher der Fall ist, wird man sich der
Heranbildung eines gewerblichen Nach-
wuchses widmen müssen, dessen sicherer,
an historischen und zeitgenössischen Spit-
zenleistungen gebildeter Geschmack, dessen
Materialkcnnlnis und dessen handwerklich-
technisches Können so sicher und unbeirr-
bar sind, daß auch ein noch so heftiger;
Drang, Neues zu schaffen, nicht zu Mate-
rialverschwendung, Materialverachtung und
zu sinnlosen Extravaganzen führt. Von den
Modeinduslrien, deren Leitung in den Hän-
den derartig ausgebildeter Persönlichkeiten
liegt, wird aber auch ein ganz anderer er-
zieherischer Einfluß auf den Geschmack
des kaufenden Publikums ausgeübt werden
können, als es trotz mancher dankbarer Be-
mühungen zur Zeit der Fall ist. Wer die von
ihm hergestellten oder zum Verkauf ange-
botenen Waren dem Käufer mit keiner
anderen Begründung anzupreisen vermag,
als daß es die letzte Mode sei, darf sich nicht
wundern, daß auch der Käufer immer häu-
figer nach nichts anderem als danach fragt,
was denn die letzte Mode ist.

Niemals werden Menschen darauf verzich-
ten wollen, bei der Alltäglichkeit ihrer
Lebensbedürfnisse nach Mannigfaltigkeit,
Vielgestaltigkcit und Neuartigkeit der Be-
friedigungsmöglichkeiten zu suchen. Ra-
tionalisierung der Wirtschaft — und dazu
noch falsch verstandene — wie sie heute
vielfach von den Neu-Enldeckern Amerikas
als Allheilmittel empfohlen wird, bedeutet
daher für uns weder ein volkswirtschaft-
liches noch ein kulturelles Ideal. Aus dieser
Erkenntnis aber erwachsen gerade den
Modeindustrien und den mit ihnen in Zu-
sammenhang stehenden Wirtschaftszweigen
kulturelle Verpflichtungen, die nur dann er-
füllt werden können, wenn sich der volks-
wirtschaftliche Wert der modische Erzeug-
nisse herstellenden Betriebe in Qualitäts-
leistung individuell-geschmacklicher Prä-
gung auswirkt.

306
loading ...