Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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WETTBEWERBE

EHochhaus Köln
s ist eine eigene Suche um Architektur-Wett-
bewerbe. Künftige Zeilen werden wahrschein-
lich mitleidig auf diese Energievergeudung zu-
rückblicken und einfachere Wege wühlen, um
künstlerische Lösungen zu erlangen. Der köl-
ner Wettbewerb brachte über 'ioo Entwürfe mit
Modellen, Perspektiven, doppelten Einzeichnun-
gen der Projekte in das Rheinbild, Yerkehrs-
lösungen usw. Eine große Messehalle mußte
aufgeboten werden, um diese Unsumme von
Arbeit zu bergen, siebzehn Preisrichter arbeiteten
vier Tage lang an der Prüfung und das Resul-
tat: allgemeine Enttäuschung auf allen Linien.
Die prinzipiellen Hedenken gegen ulles, was die-
sen Wettbewerb betraf, sind so vielfältig, daß
eine bescheidene ernste Kritik kaum weiß, wo-
mit sie beginnen soll. Ganz kurz aesagt: die

O Do

Aufgabe war. wenn nicht überhaupt falsch, so
doch viel zu vage gestellt; der geforderte Kubik-
inhalt war zu groß; die Zeit zur Einreichung zu
kurz; es waren zu viele Preisrichter da und sie
waren zu unharmonisch zusammengesetzt; und
was sehr stark ins Gewicht fällt: die Atmosphäre
war zu kritisch und aufgewühlt von den Dis-
kussionen über das Schumachersche Projekt, was
der Bearbeitung die Frische und Unvoreingenom-
menheit nahm.

Zur Aufgabe selbst: an einen der bedeutsamsten
Punkte Deutschlands, an den linken Kopf der
Kölner Hängebrücke, soll ein Gebäude von
180000 cbm Kauminhalt gestellt werden, das
kommerziellen Zwecken dienen soll. Die ver-
fügbare Bodenfläche ist im Verhältnis zur ge-
forderten Raummasse so gering, daß erhebliche
1 löhenentwieklungen des Baukörpers unvermeid-
lich sind. Also ein Hochhaus. Aber der Dom
ist in unmittelbarer Nachbarschaft; nicht seine
das Stadtbild beherrschende Silhouette ist das
Hemmnis für die freie architektonische Ent-
wicklung des neuen Baues (sie hätte im Gegen-
teil Ansporn sein müssen), sondern seine gei-
stige und sentimentale Ausstrahlung, die weit
über das bürgerliche Fühlen der Kölner hinaus
sich im Bewußtsein so vieler Deutscher veran-
kert hat und im Zusammenhang mit den allzu
breiten Erörterungen über den Schumachersehen
Entwurf die Architektenschaft bewußt oder un-
bewußt beeinflußte. ..Rücksicht auf den Dom",
das war der Ausgangspunkt aller Diskussionen
seit Verlautbarung des Bebauungsgedankens; es
isl der charakteristische Ausdruck des mangeln-
den Selbstbewußtseins jeder unschöpferischen
Zeil, der es immer am Mut der Selbstbehaup-
tung und des Bekenntnisses eigener Lebens-
forderungen mangelt. I nd weiter: Rücksicht auf
den unvergleichlich schönen Turm \on Groß
Sankt Martin. der die alten Giebelhäuser
am Rhein krönt, die Unmittelbaren Nach-

barn des neuen Baus. Es würde zu weit füh-
len, diesen Punkt hier zu erläutern. Nur das
sei gesagt: die einzig wahre Rücksicht auf
künstlerische Größe ist niemals Anpassung, An-
näherung, sondern ausschließlich wiederum
künstlerische Größe. Neben den selbstbewußten
wertvollen Bau alter Zeit gehört nur der ebenso
selbstbewußte, seine eigene Zeil stolz und stark
bekennende neue Bau. Nur das künstlerische
Eigenleben ist Maßstab für würdige Nachbar-
schaft, niemals die Anpassungsfähigkeit und
nicht ,Rücksicht' darf der Ausgangspunkt
künstlerischen Schaffens sein, sondern schöpfe-
rische Intuition.

Die Aufgabe forderte die Lösung dreier Pro-
bleme: des architektonischen, des städtebaulichen
und des verkehrstechnischen Problems eines an
solcher Stelle zu errichtenden, 180000 cbm
fassenden Baus. Deshalb war sie zu vage, weil
die rein architektonische Lösung eigentlich erst
nach Klarlegung der beiden ersten hätte erfolgen
können. Bei fast allen Entwürfen spürte man,
wie die Künstler zum Kompromiß gedrängt wur-
den, wie die Unklarheit städtebaulicher und ver-
kehrstechnischer Forderung die rein architekto-
nische Gestaltung hemmte; wie der Schwerpunkt
des Entwurfs bald in der Umgestaltung anliegen-
der Straßen und Plätze, bald in verkehrstech-
nischen Erörterungen, selten aber in der rein
architektonischen Gestaltung der Massen und der
Proportionen lag. Und der nicht zu begrei-
fende Entscheid des Preisgerichtes, namentlich
hinsichtlich der beiden ersten Preise, isl wohl
auch darauf zurückzuführen. Man hat fast das
Gefühl, daß das Preisgericht angesichts dieser
überaus schwierigen, vielleicht ohne hemmungs-
lose Brutalität gar nicht zu lösenden Aufgabe
(amerikanische Forderung in einer historisch und
im Sentiment überbelasteten Situation) einfach
nach den bekannten Größen der Wettbewerbe
gesucht habe und über architektonisch feinsin-
nige, stille Arbeilen in dieser Massenbeurteilung
hinweggegangen sei.

Lud da möchte ich die Forderung aussprechen,
künftighin bei Wettbewerben jede „Handschrift"
zu verbieten. Der Reiz der Darstellung und der
Perspektiven ist so stark, die „Handschrift" des
Künstlers nach einigen Wellbewerben so leicht
erkennbar, daß sie im ehrlichsten und stärksten
Gemüt Verwirrung anrichtet und bei einer Über-
fülle von Entwürfen und der Ermüdung der
Preisrichter suggestive Wirkung ausüben muß.
Rückkehr zu Reißbretl und Reißfeder, schema-
tische strenge Konturführung, Grundrisse und
Schnitte, Situationspläne und Modell, das muß
genügen. Perspekli\en in genau vorgeschriebe-
nen Größen mit eindeutig Eixierten Standpunk-
ten nur in Reißfederkonturen, aber keine Bild-
chen, keine Graphik, kein ..geniale]'" Kohle-

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