Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Kunstform und naturform

VON RUDOLF VON DELHIS, MÜNCHEN

■ s ist schon viel über die Kunstform nach- Zeit, Sung-Zeit, Ming-Zeit. Oder ganz all-
gedacht worden, über ihr Entwicklungsge- gemein: archaisch, klassisch, barock; er-
setz, ihre Folge in den historischen Epo- haben-symbolisch, organisch-reif, roman-
chen. Ein gleiches Nachdenken über die tisch-bunt. Wir sehen hier von allen Dif-
Naturform fehlt dagegen noch völlig. Der ferenzierungen und Vermischungen ab, die
Zoologe und Botaniker begnügt sich da- Hauptphasen sind ganz deutlich,
mit, die Naturform festzustellen, um ihr Nun £and ich daß in der Natur die glei-
ästhetisches Gesetz kümmert er sich wenig. chen Formtvpcn aufeinander folgen. Ein
Eigentlich nur Goethe hat dies Problem paar Beispiele> Diö Einkeimblättler etwa:
berührt, ein tieferes Erkennen gerade hier Da haben wfr ^ ers((Ju gtü dag gchilfj
gefordert, aber niemand ist dm. da ge- hart kan,. Flächen eillfachc wuchtige

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8 Gestaltung, kristallinische Herbheit. Zweite
Ich möchte die Resultate eigener Unter- Stufe: die Lilie, Ausgeglichenheit zur An-
suchung auf diesem Gebiete kurz darlegen. mut, die volle gereifte Blülc, Lieblichkeil,
Als überraschende Tatsache scheint sich Gesundheit. Dritte Stufe: die Orchidee,
zu ergeben: der Ablauf und Rhythmus der ein Wuchern des Ornaments, bunte spie-
Formbildung in Kunst und Natur ist der lerische Fülle, das Zentrum hält die Form
gleiche. nicht mehr so fest, ein Experimentieren im
Bringen wir zunächst die Formfolge in der Detaü bcgilllU bis zum Grotesken.
Kunst auf eine möglichst knappe überzeu- Oder die Schmetterlinge. Urtypus: Libelle,
gende Formel. Ich unterscheide da drei harte starre Form, herb, metallischer Glanz,
Stufen, die immer wiederkehren. Erstens: linearisch-wuchlig. Es folgt: unser Schmet-
den herben, strengen Anfangsstil, der noch terling: Ausgleich im Lieblichen, Ruhig-
dem Kristallinisch-Mathematischen nahe- Heileren, sanfte Tönung. Dann ein Wei-
steht, der Wucht, Schlichtheit, einfache terbilden dieser Form in den Tropen zur
Größe ist. Nennen wir ihn ..dorisch". ornamentalen Wucherung: die barocke
Dann wird alles milder, zarter, die Logos- Spielerei, Fülle, die sich austoben möchte.
Seele schwebt gleichsam leicht; Anmut Tausendfach ist das Gesetz nachzuweisen:
entsieht, ein sanftes Ausgleichen und Hai- etwa bei Muscheln und Schnecken, wo zu-
teil aller Teile. Nennen wir das „jonisch", nächst sehr schlichte, strenge Schalen sind,
Nun tritt Überreife ein und damit ein dann eine Zierlichkeitscpoche kommt, die
Lockern der sicheren Unterwerfung unter Gehäuse entsprechen am meisten reiner
ein Zentrum; der Teil, das Ornament reißt Schönheit, bis es denn endet mit Schnör-
sich los, wuchert selbständig, ein üppiges keleien, grotesken Versuchen.
Überquellen und Spielen des Dekorativen ])(T ß(J Unterschied ist: in der Kunst

beginnt. Bezeichnen wir das als „korin- wird alles vom wachen Geiste selbe
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3r ge-
formt, daher ist die Logik scharf heraus-
Beispiele für diese drei Stufen finden sich gearbeitet. Die Natur ist eine taumelnde
überall, ich setze nur kurz ein paar Namen Fülle von Gestaltungen nach allen Seiten
her, die diesen Entwicklungsrhythinus diu- bin. das Gesetz wird verdeckt und kreuzt
strieren: Giotto, Raffael, Tiepolo: Bach, sich zudem immerfort mit Nützlichkcils-
Mozart, Wagner; Aeschylos, Sophokles, geselzen. Aber der gleiche Rhythmus
Euripidcs; Moronobu, Kivonaga, Hiroshige schwingl trotzdem als Grundmelodie über-
(japanischer Farbenholzschnitt): Tang- all mit. Man hat da einen Leitfaden ästhe-

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