Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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DIE FINNISCHEN RYIJEN

VON DR. KON RAD HAHM

Es ist eine interessante Reaktion auf das
Selbstbewußtsein des technischen Zeit-
alters, daß noch nie das Interesse für Volks-
kunst so groß war und daß nun nach
der Welle der Heimatschutzbestrebungen
in den europäischen Kulturstaalen eine
wahre Ausgrabungsarbeit nach alten Hand-
werkstechniken und nach den Quellen der
Volkskunst einsetzt. Wertvoll daran ist
die nicht allein ästhetische Einstellung,
sondern die technisch-formale, welche die
Arbeitsbedingungen untersucht und daraus
grundsätzlich ihre Ergebnisse auch für die
Frage einer Wiederbelebung oder einer
Verwertung im heutigen Kunsthandwerk
ableitet. Während beispielsweise auf lex-
lilem Gebiete eine namhafte Literatur
selbst über die entlegensten exotischen Pro-
dukte vorliegt, weiß man bei uns fast
nichts von der „Wiederentdeckung" eines
Volkskunsterzeugnisses, das in unserer
nächsten Nähe bis vor etwa sechzig Jahren
hergestellt wurde und das zu den schön-
sten Erzeugnissen der menschlichen Hand
gehört: die finnischen Ryijen.

Es ist bezeichnend, daß eine Ausstellung
finnischer Ryijen im Jahre 1918, also im
Jahre des Reginns der schwer erkämpften
politischen Selbständigkeit Finnlands, in
Helsingfors, die von Ivar Hörhammer, dem
Schöpfer der bedeutendsten Ryijensamm-
lung, veranstaltet wurde, zu der Professor
Sirelius, der verdienstvolle Forscher und
beste Kenner dieses Gebietes, einen ein-
gehenden Katalog verfaßte, geringes und
lediglich ethnographisches Interesse fand.
Ersl als im nächsten Jahre dieselbe Aus-
stellung in Kopenhagen gezeigt wurde, und
dort außerordentliches Aufsehen erregle,
drang auch in Finnland die bis dahin nur
von einem kleinen Kreis von Künstlern
und Kunstfreunden gehegte Erkenntnis von
dem künstlerischen und nationalen Wert
dieses einzigartigen Volksbesitzes durch.
Wer in Helsingfors in der Galerie Hör-
hammer die mehrere hundert Stück um-
fassende Sammlung sieht, oder die des
Nationalmuseums, oder die Prachtstücke

im Präsidentenschloß, ist überwältigt von
ihrer mannigfaltigen Schönheit, und es ist
schwer, im. Rahmen eines solchen Auf-
satzes darüber auch nur das Nötigste zu
sagen.*)

Die Ryijc (schwedisch: rya, finnisch:
ryiji, ein skandinavisches Lehnwort, das
man vom altnordischen ry, ruh = zottig ab-
leitet ; vielleicht ein Anhaltspunkt für die
uralte Uebung dieser Kunst) wird auf dem
Webstuhl von meistens einer, auch von
zwei Personen hergestellt. Auf einer Kette
von meist hänfenen oder leinenen Fäden
werden Noppen aus Schafwolle in Form
des Smyrnaknotens geknüpft, dazwischen
werden zehn bis zwanzig Schußfäden aus
Wolle oder Raumwolle gelegt. Die Noppen
sind verschieden lang, meist 2 bis 3 cm,
und hängen fellarlig herab. Die Decken
selbst sind stets etwa i,5oX2 m groß, oft
beiderseitig mit Noppen versehen. Die ganz
auf die heimischen Produkte angewiesenen
Hersteller arbeiteten mit den primitivsten
Mitteln; das Webmaterial und die Farben
wurden aus tierischen und pflanzlichen
Stoffen selbst gewonnen. Die Gestaltung
weist dadurch eine nach den Landschaften
wechselnde, spezielle Charakteristik und
alle Kennzeichen ihrer innigen Verbindung
mit der Natur auf. Schwarz und Weiß
ergibt die Schafwolle, Tannenzapfen und
Steinmoos; Rraun, Birkenblätter; Gelb,
Heidekraut: Grün, Birken- und Weiden-
rinde: Grau, Erlenrinde und Moorerdc:
Schwarz, Indigo mit Urin und AVasser
gekocht: Rlau, Wurzeln von Labkraut oder
Birken- und Erlenrinde, gekocht in Aschen-
wasser: Rot: daneben bracht man auch
Cochenille, Krapp, Alaun. Mit diesen ein-
fachen Mitteln und durch die Wahl und
Behandlung der Wolle wird ein so intime
Farbwirkung erreicht, daß manchmal ein
unbeschreiblicher Glanz entsteht, der (wie

*) Im vergangenen Jahre hat Professor Sirelius, der
Leiter der Volkskundlichen Abteilung des Nationai-
inuseuins in Helsingsfors, ein umfassendes \\ erk inil
■\:>.- Abbildungen über die Kyijcu geschrieben, das ins
Srliw edist'lie und Knglisrhe. aber leider nicht ins Deutsche
übersetzt worden ist.

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