Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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ZEIT- UND STREITFRAGEN

Tradition

Das Maiheft der „Form" bringt einige Bemerkun-
gen zu meinem Aufsatz im Aprillieft des „Uhu".
Da ein Leser, der nur jene liest, ein recht schie-
fes Bild von meinen dortigen Ausführungen er-
hallen muß, benutze ich gern die freundliche Er-
laubnis des Herausgebers, einige berichtende Worte
hinzuzufügen.

Es gibt zwei Gesichtspunkte, von denen aus ein
Bauwerk auf seinen Wert geprüft werden kann:
den rationalen und den irrationalen. Mit Mitteln
der Vernunft läßt sich beweisen, ob das geeig-
netste Material gewählt und ob seine Verwen-
dungsart in jeder Weise einwandfrei und wirt-
schaftlich ist. Geht man so zu Gericht mit den
Häusern, die mein Herr Gegner meint und die er
mit etwas einseitiger Begriffsbestimmung als „.mo-
dern'' bezeichnet, so läßt sich ohne große Mühe
der Nachweis führen, daß all die bisherigen Ab-
weichungen von einer vernünftigen Tradition
nichts als technische Verschlechterungen bedeu-
ten. Es ist für einen praktisch wirklich erfahre-
nen Architekten durchaus nicht schwer, ein sol-
ches Haus zu zerpflücken und zahlenmäßig zu be-
legen, wie es nach Wahl des Materials und Güte
der Konstruktion und in deren Folge seiner Hall-
barkeil; und Wirtschaftlichkeit nach nichts als
einen gewaltigen Bückschritt gegen die Bauten
einer guten Tradition bedeutet, und daß auf
Schritt und Tritt das Wesenlliclie des Bauens
gegen Unwesentliches eingetauscht ist.
Dieser Teil des Themas läßt sich natürlich hier
an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. Ich stehe
aber gern zur Verfügung.

Daß sich über den irrationalen Teil einer Erschei-
nung nicht mit Vernunftgründen streiten läßt,
liegt ja hinreichend im Wort ausgedrückt. Man
kann bekennen, daß man sich zu der Physiogno-
mie eines Menschen oder Hauses hingezogen oder
von ihm abgestoßen fühlt. Alles darüber hinaus
läuft mehr auf einen Bückschluß über den Urtei-
lenden selbst heraus. Mein Herr Gegner zieht aus
meinen Zu- und Abneigungen einen Bückschluß
auf meine Minderwertigkeit, der er einen recht
lebhaften Ausdruck verleiht. Ich für meinen Teil
möchte die unpersönliche Form des Kampfes bei-
behalten.

Becht schwer fällt es mir allerdings, seine Fest-
stellung, daß die Tradition unseres Vaterlandes
etwas uns Fremdes wäre und „mongolidem und
negridem Blut nahestehend in den Lebensraum der
nordischen Völker hineinhinge" als wirklich ernst-
haft gemeint hinzunehmen. Ich kann mich nicht
des Eindruckes erwehren, als ob hier ein Jong-
lieren mit Worten begänne, das keine sachliche
Auseinandersetzung mehr zuläßt. Wenn Worte
überhaupt noch einen Sinn haben sollen, so kann
man unter dem Begriff unserer Bautradition doch

überhaupt nur das verstehen, was Deutsche seit den
vielen Jahrhunderten, die es eine deutsche Ge-
schichte gibt, geschaffen haben und was wir ge-
wissermaßen als unser erweitertes Elternhaus emp-
finden, einfach schon deswegen, weil es ja gar
nichts anderes für uns gibt. Was das ist, wissen
wir alle ganz genau und daß es die spärlichen ro-
manischen Beste, die Gotik und die großen zu-
sammenhängenden Baukomplexe umfaßt, wie sie
die Zeit von i5oo bis weit ins ig. Jahrhundert uns
hinterlassen hat. Daß uns diese letzte Zeil um die
Wende des 18. Jahrhunderts besonders naheliegt,
ist kein Wunder, da mit ihm gerade die Verkör-
perung eines hochkultivierten Bürgertums verbun-
den ist, wie es auch heute noch allein der Stand
ist, auf den unsere geistige Kultur sich stützt.
Daß mit ihm der „Bourgeois" nicht gemeint ist,
dürfte wohl genügend bekannt sein. Mit diesem
Wort bezeichnet man vielmehr den Stand des sat-
ten Spießbürgers, von dem doch wohl mein Herr
Gegner weder behaupten will, daß ich ihm an-
gehöre, noch daß dieser Stand der Hüter der Tra-
dition sei. Im Grunde besteht ja auch im Ernst
gar kein Zweifel über ihren Begriff Tradition;
wir kennen sie alle mehr oder weniger gut und
alle hervorragenden Baukünstler unserer Zeit —
bis auf jene kleine Gruppe, die sich heute für
die Vertreter der Menschheit hält — erkennt sie
als die ihre an.

Von dieser Tradition soll nun unser Land „.ge-
reinigt" werden. Dies letztere Geständnis ist inter-
essant für die Absichten jener. Es macht deut-
lich, daß wir keine Schwarzseher sind, wenn wir
in diesen Absichten eine schwere Gefahr orblik-
ken. Wir lieben unser Land mit all seinem Ge-
wordenen und möchten es durchaus nicht jenen
Unbeauftragten „zum Beinigen" überlassen.
Wenn sich mein Herr Gegner nun gar an die Be-
hauptung wagt, die von ihm vertretene Hausauf-
fassung sei deutsch und nordisch, so ist das doch
wirklich nichts anderes als ein Spielen mit Wor-
ten. Soll man diesen Bauten einen Namen ver-
leihen, so kann man sie vielleicht asiatische Häuser
nennen; unter dieser Slichmarke wird man sie
leicht erkennen können. Bei weitem die meisten
unserer Volksgenossen empfinden und beurteilen
sie als Fremdlinge, in denen nicht das Geringste
von unserem Wesen zu Ausdruck kommt. Ich
bin kein Anhänger des parlamentarischen Systems,
nach dem das das Piichtige sein soll, was die Mehr-
zahl denkt. Aber auch wenn wir die Stimmen
nicht der Zahl, sondern ihrer Bedeutung nach
wiegen, dürfte die Gefolgschaft jener verschwin-
dend gering sein.

Diesem Allgemeinen darf ich wohl noch ein Wort
der Verteidigung in eigener Sache hinzufügen.
Wenn mein Gegner von mir behauptet, ich wäre
nie auf die Idee gekommen, das Ornament als un-

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