Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Kapitals erheblich mehr verdienen könne als
durch seine tägliche, mühevolle Arbeit. Solche
hochwertigen Handwerksarbeiten werden nur von
sehr sachverständigen und kunstliebenden Leuten
gekauft. Und wie viele solche gibt es, und wie
viele davon haben genügend Mittel dazu?

Recht „unpraktische" Leute sind also in der
Werkstattgruppe vereinigt. Lohnt es denn in
unserer heutigen Zeit noch, so ganz vereinzelten
Leistungen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden?
Nun, sie sind letzte Zeugen überlieferten hand-
werklich-künstlerischen Könnens. Und wie oft
■schon wurde ein solches zum Ausgangspunkt
neuer Blüte!

Was leistet die Werkstatlgruppe ihren Mit-
gliedern? Sie kann nicht viel leisten; denn das
Nötigste: Aufträge kann sie ihnen nicht geben.
Ein Anlauf, der Werkstattgruppe einen „Bund der
Freunde wertvoller Handwerkstechniken", also
einen Mäzenatenbund anzugliedern, lief sich vor
einigen Jahren in dem Abgrund der Inflation tot.
Aber die Mitglieder der Werkstattgruppe, die sich
früher innerhalb des Werkbundes in der Menge
der Künstler und Industriellen etwas verloren
fühlten, wissen nun doch, daß sie nicht allein
sind. Bei Werkbundversammlungen finden sie
sich als verwandter Kreis zusammen. Im Jahr-
buch des Werkbundes 1920 traten sie geschlossen
mit ihren Leistungen hervor. Luxussteuer, Fra-
gen des künstlerisch-handwerklichen Nachwuchses,
das Verhältnis des Künstlerhandwerkers zum Ge-
werbe und Ähnliches haben die Gruppe lebhaft
beschäftigt.

Die Lebensfrage für das künstlerische Hand-
werk ist, daß ihm Aufträge zugeführt werden,
an denen wie in früheren Zeiten die Phantasie
des Künstlers sich entzünden kann. Denn die
unpersönliche Marktarbeit widerspricht im Grunde
dem Wesen des Kunsthandwerks. Nur aus der
lebendigen Wechselwirkung zwischen Auftrag-
geber, Zweck und Künstlerpersönlichkeit kommt
der starke künstlerische Ausdruck zustande, der
uns an den alten Erzeugnissen des Kunsthand-
werks fesselt.

Als Auftraggeber kommen zunächst alle in
Betracht, die an der Errichtung und Ver-
gebung von Neubauten beteiligt sind und Ge-
legenheit nehmen können, hier und dort ein
bevorzugtes Ausstattungsstück für Haus, Zimmer
und Garten bei einem Kunsthandwerker zu be-
stellen; ferner werden alljährlich große Summen
in Sportpreisen und ähnlichem angelegt, die, von
tüchtigen Kunsthandwerkern gestaltet, ein Ehren-
titel deutschen Könnens zu werden vermöchten;
staatliche und besonders städtische Verwaltungen
brauchen Gedenk- und Ehrenbücher, Ehrungs-
urkunden, Ratssilber und Ähnliches, Zünfte und
Vereine lassen Fahnen, Innungsladen und dergl.
herstellen. Alle solche Arbeiten könnten, in die
rechten Hände gelegt, wertvollen Kulturbesitz in
bessere Zeiten hinüber retten. Hier wären wohl
auch manche Werkbundmitglieder in der Lage,
durch ihren Einfluß auf Bauherren, Verwaltungs-
stellen, Vereine die Ziele der Werkstattgruppe
verwirklichen zu helfen.

Dr. E. Meißner

AUSSTELLUNGEN

AUSSTELLUNG NEUER MÄRKISCHER
KERAMIK

Diese Ausstellung im Lichthof des Staatlichen
Kunstgewerbemuseums bringt in keiner Weise
eine heimatlich gebundene Produktion, sondern
trägt im Gegenteil alle Anzeichen großstädtischen
Imports. Das Material der zahlreichen Fabriken
und Werkstätten hält den vielfältigen Vorgang un-
seres Kampfes um neue Form, individuelle Auf-
fassung, werkgerechte Technik miteinander und
gegeneinander hier wie mit einer Zeitlupe fest:
das Bild einer mehr oder weniger leidenschaft-
lichen und offenherzigen Diskussion, ausgehend
von der Innigkeit und Würde der alten Veltener,
Rheinsberger und Berliner Produktion in dra-
matischem Wirbel um das unerschütterliche Argu-
ment des technischen Porzellans der Staatlichen
Manufaktur Berlin herum, das auch in der Aus-
stellung mit Recht die Mitte innehält. Man hört
die reizenden Bonmots der Wiener Werkstätten,
die Glaubenssätze des Weimarer Bauhauses, Poel-
zigs Stimme von einer Dame nachgeahmt, die zehn
Gebote des Werkbundes aufgelöst in leicht hand-

liche Dogmen und individuell verarbeitete Re-
zepte der verschiedensten Selbständigkeilen. Vom
Technischen her betrachtet, sieht es nicht anders
aus: Die Möglichkeit, sich der hochentwickelten
modernen Hilfsmittel zu bedienen, ergibt für dieses
doch an der Volkskunst neu orientierte Kunst-
handwerk ein Gewirr die Form oft fälschender
handwerklicher Vorgänge. Es wird in Keramik
gebacken, gestickt, geklempnert, geschmiedet,
gebildhauert. Es werden Dachziegel onduliert,
Teppiche gewebt. Die Verwirrung über die
Grenzen dieser Kunst ist noch in kosmischer
Zufriedenheit geborgen. Sie ist nicht, wie man
glauben möchte, auf Rechnung der Unfähigkeit
dieser oder jener Werkstätten zu setzen, son-
dern sie ist eine Zeitwahrheit und das Ergebnis
einer schrankenlosen Bildungsmöglichkeit an der
Kunstgeschichte, Geographie, Film, Presse usw.
ihren sichtbaren Anteil haben. Selbst auf diesem
kleinen Bezirk findet man: die langen Gesichter
von der Osterinsel, Lehmbrucks Fragmente, In-
dien, China, Persien, die Mauren, den Sturm, die
Kubisten, den Jugendstil, das Trecento, Quattro-
cento und so weiter: alles nicht wider besseres

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