Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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CHARAKTERISTIK DES SCHÖNEN FÜR EINIGE TEXTILIEN

Wir können kennen, was schön ist. Am Ein-
zelnen können wir es kennen dann, wenn
es über Entstehung und Zweck Rechen-
schaft gibt aus sich selbst, wenn es wahrhaft
ist. Am Vielen können wir es kennen durch
Vergleich. Die Vielheit kann unsere Kennt-
nis erleichtern durch Vergleich. Aber sie
kann sie auch hindern, wenn ihre Masse
unsere Aufnahmefähigkeit übersteigt. Die-
ses ist der gegenwärtige Zustand. Unsere
Sinne unterscheiden nicht mehr che Eülle der
Erscheinungen, sie sind infolgedessen lässig
und stumpf geworden. Begrenzen wir die
Erscheinungen, so erkennen wir aufs neue.
Ziehen wir als erste die Grenze zwischen der
Hand- und Maschinenerzeugung neu. Die
Handerzeugung ist ein an organisches Leben
gebundener Bewegungsvorgang, ihr Tun ein
Bitten. Die mechanische Erzeugung ist als
Bewegungsvorgang zuerst Spiel des mensch-
lichen Hirns mit einer ihm innewohnenden
Vorstellung, immer ihr Ablauf eine Berech-
nung auf deren Verwirklichung, ihr Tun ein
Befehlen.

Bittet ein Handerzeugnis nicht, so ist es sich
selbst untreu und wertlos. Ist der Befehl
eines mechanischen Erzeugnisses nicht ein-
deutig, so verkannte es sich und ist verdäch-
tig für den schönheitsuchenden Sinn. Die
Zeit will beide Erzeugnisse nebeneinander.
Wie wenn ein Botdorn- und ein Weißclorn-
busch beieinander stehen, nach einer Reihe
von Sommern rosa Büsche neben ihnen, so
haben beide Erzeugungsalien sich in ia5
Jahren zu einem neuen Charakter gemischt.
Es bleibt nichts übrig, als diesen für ein
Drittes anzuerkennen, aber nun beides: Be-
greifen und Berechnung, Bitten und Be-
fehlen von dem neuen Durchschnittserzeug-
nis zu verlangen.

Daß es schon geschieht, erschwert mit des-
sen heuligen Wirtschaftskampf, läßt die
Freunde der stärkeren Färbungen auf deren
neue Mehr- und Reinzucht hoffen.

AVir begrenzen innerhalb der Hand- und der
mechanischen Erzeugung die Textilien.
Ein Faden, von Hand gesponnen, hat grö-
ßere Unregelmäßigkeiten als ein Faden, von

VON MARIA BRINCKMANN, HAMBURG

der Maschine gesponnen. Die Hand speist
sich aus dem Spinnwocken, die Maschine
wird automatisch gespeist. Hat das maschi-
nengesponnene Garn Unregelmäßigkeiten,
so werden sie Fehler, oder als bewußte Un-
regelmäßigkeiten regelmäßig sein.
Ein Fall scheint eine Ausnahme zu sein.
Wir streifen eines der großen Rätsel des
Weltmechanismus, die Drehung auf Länge,
den Schraubengang. Er ist etwas, was sich
auswirkt in der Entspannung des Hand- so-
wohl als des Maschinengarns, bei diesem als
dem straffer gespannten mehr. Ihn benutzt
unsere mechanische Fadenfabrikalion von
heute, um sich Lebendiges einzuverleiben.
Unsere Maroquins, unsere Crepe de Chines
sind auf der einfachen Wirkung des Über-
dralls im Faden aufgebaut. Das Rück-
schnellen bestimmter Fäden gibt diesen
Stoff lachen die feine lebendige Unregel-
mäßigkeit, wirkt lockernd auf die Verkreu-
zungen der zwischenliegenden anderen
Fäden, so daß das ganze Gewebe sich ent-
strafft und durch seinen weichen Fall uns
entzückt. Aber gegen die Natur gehandelt
ist, wenn das menschlich wirtschaftliche
Überlegen in alleiniger Hinsicht auf sich
ohne sinnliches Gefühl für den Stoff — der
mehr vorhandenen hochbogigen Wolle die
in den feinen Krümmungen der hornartigen
Masse liegende Schnellkraft durch einen
Prozeß des PläMens und Streckens im f eu!ch-
ten Zustande während des Spinnens nimmt,
nur um den müden Fall unserer heuligen
Damenstoffe zu erzielen.
Chemie und Technik arbeiten, um zuvorzu-
kommen den Seidenraupen, deren Produkt
Farben einsaugt und brechend wiederstrahlt
mit der Schönheitsfreude des Lebendigen.
Im Fabrikantenprodukt ist doppelter Strah-
lenbruch. Es entfallen die Farben gleich-
sam der gleißenden Masse. Neben Seide
wirkt sie farbleer. Das tierische organische
Erzeugnis steht an Seite des Handerzeug-
nisses im Gegensatz zum mechanischen Er-
zeugnis. Das unvollkommene Strahlen-
brechen der Seide ist Schönheit. Seide be-
ansprucht altbewährte Verwendung für die
Stickerei. Kunstseide verderbt die Sticke-

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