Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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DlE ATMOSPHÄRE

DER NEUEN ARCHITEKTUR

VON HARRY SCHEIBE, WEIMAR

Eine Ausstellung von Werken des Architekten Adolf Meyer-Jena,
jetzt Frankfurt a. M., gab die Anregung zu den nachstehenden
allgemeinen Betrachtungen.

D

ie Augen der neuen Sachlichkeit schauen Stilgruppe Architektur und Malerei aus
auf die Malerei — richten sich die Blicke ihren eigentlichen Mitteln: ehrlich, einfach
moderner Persönlichkeiten auch auf die Ar- und sachlich erscholl voll Widerhall in
chitektur? europäischen Ländern. Nunmehr schlug die
Die Tage von Aranjuez sind nun vorüber, Todesstunde der abstrakten Malerei; sie läu-
ein nüchterner Morgen graut auf, vorüber tete ein die Geburt der neuen Architektur.1)
sind die Stürme der abstrakten Richtungen, Die rasche Verbreitung der konstruktivisti-
man blinzelt und besinnt sich: was nun? sehen Erkenntnisse ist wohl hauptsächlich
Die Vorstellung vom Gesamtkunstwerk hat eine Folge Doesburgscher Taten, dessen
sich verflüchtigt: Malerei ist wieder Male- philosophische Gründlichkeit die neue Be-
rei, Architektur ist Architektur. Wie es ja wegung mächtig gedeihen ließ. Hinzu kam
auch nicht anders zu erwarten ist. der Umstand, daß diese Erkenntnisse ge-
Waren unsere Vorstellungen übertrieben? wissermaßen in der Luft lagen, wie das
Es handelte sich darum, Verlogenes bei- gleichzeitige parallele Vorgehen z. B. russi-
seite zu schieben, Neues zu durchtreiben. scher Künstler beweist. Eine Zeitschrift —
Kann man vielleicht mit wehleidigem All- de Styl —, die von Theo van Doesburg
wärtsblick das Neue schaffen? Natürlich selbst geleitet wurde und ein von ihm ver-
geht das nicht: darum war man rücksichts- faßtes Werk: „Grundbegriffe der neuen
los gegen Schlechtes, welches vollen Platz gestaltenden Kunst" haben seinen Erfolg
beanspruchte. verstärkt.

Aber dürfen wir heute nach merkwürdigen, Theo van Doeshurgs Theorien, welche m. E.
stürmischen Vorkommnissen ein wenig zu- schärfer umrissen sind als che Meinun-
rückblicken? Wir dürfen es: denn die Ge- gen z ß. Mondrians, haben trotz und wegen
schichte der letzten künstlerischen Leistun- einer gewissen Einseitigkeit2) — stark ge-
gen und Erfahrungen unterrichtet uns zu- wir]d. übrigens sind sie eine Auskunft über
gleich über die Fehlgrif f c und Irrtümer der <jie Bedeutung prinzipieller Kunstlehren in
Epoche. Es war die Malerei, die in erstaun- inrem Verhältnis zu den faktischen Kunst-
lichen Sprüngen voraneilte; ein großer Teil lehren. Sie zeigen nämlich, daß nicht mil-
der Malerei wurde mehr und mehr abstrakt. ^Q aug den tatsächlich vorhandenen Kunst-
Die Verdienste der abstrakten Malerei sind

groß: aber auch die Architektur hat sich 'wie 1} Es muß an diescr stelle des Holländers f. L. M. Läü-

sie — durch sie erneuert. wericke, als des theoretischen Begründers der neuen

An dem Tage nämlich, an dem sich die Ab- europäischen Arehitekturbewegung dem viele der jün-

° ' _ gcren deutschen und holländischen Architekten verpfheh-

straktion in der Malerei überbot und damit tet sind, besonders gedacht werden.

überwand, schlug sie entscheidende Bre- 2) Ich sehe die Einseitigkeit der Doesburgschen Auffas-
sung (ich beziehe mich dabei in der Hauptsache auf sein
Werk: Grundbegriffe der neuen gestaltenden Kunst) im

zwei Punkten.

sehen für die Architektur. Als die Kon-

struktivisten unter Führung van Doesburgs wesentlichen

und Mondrians das Quadrat und Rechteck ]■ ls\di° neue Architektur keineswegs abstrakt" son-

dorn konkret, ebenso wie die übrigen Künste in der

erstaunend und anbetend betrachteten, Hauptsache und auf die Dauer konkret bleiben. Die ab-

fflaubten sie an die Malerei Und siehe ,es strakten Kunstrichtungen, die „Ismen" der letzten Jahre,

0 • - t\ rri ■ i-i s 111 Gegenbeweis meiner Behauptung. Bei ihnen

Ward Architektur. Das Inumphgeschrei der uat es sich gehandelt hauptsächlich um Formreinigung,

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