Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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DlE STADT DER ZUKUNFT

V

VON LEWIS MUMFORD, NEW YORK

Das Dogma vom gesetzmäßigen und schicksalhaften Wachstum der
Großstädte findet, wie der nachstehende Bericht unseres New Yorker
Mitarbeiters aufs neue bestätigt, auch in Amerika nicht mehr unbe-
dingten Glauben. Die Schriftleitung.

or kurzem fand in dem bekannten Warenhaus Land durchbrause. Diese großen Ingenieurwerke
Wanamaker in New York eine Ausstellung statt, sind Symbole einer unerhörten Kraft und Ener-
die sich „Die Stadt der Zukunft" nannte. gie, und man sollte den Architekten in seinem
Die Zeichnungen von Hugh Ferriss, die Ent- Streben, diese Energie zu entfesseln und diese
würfe von Harvey W. Corbelt und Raymond Kraft auszuleben, nicht tadeln, selbst wenn er,
Hood, die Pläne der Russell Sage Foundation wie die Menschen am Vorabend eines Krieges, in
für Grüßer-New York — und nicht zuletzt das dem Furor des ersten Augenblicks sein inneres
monumentale historische Phantasiegebilde von Gleichgewicht verliert. Im tiefsten Kern man-
Willy Pogany — alle diese Werke sollten ein eher unserer Besten lebt eine Stimme abseits
Bild der Zukunft geben, der möglichen, der aller Vernunft, die sagt, es sei besser, unsere Mit-
wünschenswerten, ja, wie manche meinen, der menschen zu bekämpfen, zu schlagen und zu ver-
idealen Zukunft der Großstadt. stümmeln, als schwächlich und dumpf dahinzu-
Wie stellt sich nun diese Zukunft dar, die von leben; und folgen wir solchem inneren Drang,
den Mitarbeitern der Wanamaker-Ausstcllung vor so rechnen wir weder damit, wieviel Menschcn-
uns heraufbeschworen wird? Wir sehen eine leben und Menschenkraft dabei vergeudet werden
Stadt vor uns, in der die Möglichkeiten des In- mag, noch kümmert uns Zweck und Ziel. In
genieurwesens nicht nur das vorherrschende einem bestimmten Sinn haben der Krieger so-
Prinzip sind, nein, es ist eine Stadt, die über- wohl wie der Anhänger der Riesenstadt recht: es
baupt nur Ingenieurwerk ist, wo sich die voll- ist besser, irrsinnig als schwächlich zu leben; es
endete technische Kunst des Städtebauers darauf ist besser, eine Stadt erträumt zu haben, die die
konzentriert, die kubischen Möglichkeiten eines Himmel stürmen will, als sich mit der schalen
kleinen Fleckchens auf das Höchstmaß zu stei- phantasielosen Silhouette der meisten amorikani-
gern, die Bodenpreise in die Höhe zu treiben, sehen Städte zu begnügen. Nun darf aber nicht
und dabei gerade soviel Luft und Verkehrsadern übersehen werden, daß noch eine andere Wahl
zu schaffen, als nötig sind, um den Teil Leben, möglich ist als die zwischen Größenwahn und
der in diesen Überhäufungen zu erhallen ist, Altersschwäche.

nicht ganz ersticken und erlöschen zu lassen. Oberflächlich betrachtet, müßte man denken,
Wahrscheinlich hat keiner der Architekten, die daß es für den Geschäftsmann keines besonderen
sich diese Stadt der Zukunft erträumt haben, das Anstoßes durch den Architekten bedürfe, seine
Problem in diesem Licht gesehen. Es war ihnen Gebäude immer höher zu türmen und die
wohl nur klar geworden, daß für eine bestimmte Bevölkerung immer enger zusammenzupferchen.
Art von Gebäuden, die sich zu Büros, Hochhäu- Solange dieses Vorgehen materiellen Vorteil
sern und eleganten Wohnungen eignen würden, bringt, kann man ohne besondere Kühnheit
Nachfrage besteht. Dieser neue Typ von Bau- oder Phantasie annehmen, daß es immer Men-
werken, der sich von dem veralteten Wolken- sehen geben wird, die es weiterführen. Bei
kratzer aus der Zeit des Flatiron oder selbst unseren jetzigen finanziellen Einrichtungen voll-
des Woolworlh Tower durchaus unterscheidet, zieht sich der Bau der Überstadt fast unvermeid-
hat sie von abgestandenen ästhetischen Vorbildern lieh und automalisch. Und wirklich gleicht die
befreit und ihnen einen neuen Sinn für die von Pogany und Ferriss entworfene ragende
Maße und für die Struktur geschaffen. Diese neue Pyramide kaum einem Werk von Menschenhand;
Freiheit isl ihnen so beglückend, daß sie versuchen, sie erinnert eher an den Stein gewordenen Aus-
nun eine ganze Stadt zu ersinnen, die auf einem bruch eines vulkanischen Schlundes, wie das be-
so kolossalen Maßstab erbaut, in so erstaunlichen nachbarle Gebirge der „Palisaden". Solch eine
und unerhörten Massen aufgehäuft ist, als seien Stadt, nüchtern betrachtet, ist der Ausdruck eines
die Titanen selbst am Werk. Höchstmaßes von materiellen Kräften, während
In diesem Programm ist ein bestimmter Schlacht- sie dem Geist der Menschlichkeit ein Mindest-
ruf enthalten. Das Kriegsroß hört den Klang maß einräumt. Sie ist eine Anhäufung von Ge-
der Trompete von ferne und wiehert bei die- bäuden, Kanälen, Untergrundbahnen, Verkehrs-
sem Ton; der Gedanke, mit vereinten Kräften ädern, inmitten derer sich der Turnus des mensch-
den Bau einer solchen Stadt zu unternehmen, liehen Lebens, Arbeit, Heirat, Geburt und Tod,
erregt die Phantasie und macht das Blut er- wohl oder übel, abspielen muß. Die Gebäude
starren, als ob der Ruf zu den Waffen das selbst, obwohl in ihren kühnen Massen architek-

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