Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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AMERIKANISCHE BAUKUNST_

VON LEWIS MUMFORD, NEW YORK

Anstatt eines Berichtes über die Ausstellung Neuer Amerikani-
scher Architektur, die vor kurzem in der Akademie der Künste zu
Berlin stattfand, bringen wir diesen Aufsatz unseres Newyorker Mit-
arbeiters, der über die Auffassungen, die gegenwärtig die amerikanische
Architektur beherrschen, hesser unterrichtet, als es jene Ausstellung

vermochte. Die Schriftleitung.

)ic Baukunst Amerikas wird von bestimmten bleute in einem einzigen Jahrzehnt gelöst wer-
nationalen Geselzen des guten Gesclimacks be- den können. Ich will nur darauf hinweisen, was
herrscht. Jedes Bauwerk, das nicht jenen he- diese Bauwerke lehren: daß nämlich die ameri-
sonderen Stempel trägt, wird mit Schlagworten kanische Architeklur damals einem interessanten
wie „unvornehm" oder ,,unwürdig" abgetan, und Ziel zustrebte. Nicht eines dieser Bauwerke war
wir sehen infolgedessen Krall und Originalität hochkultiviert, nicht eines durch guten Gc-
des Stils mehr und mehr bei unseren Gebäuden schmack beschwert; aber aus jedem einzelnen at-
verschwinden. so daß eine anständige Mittelmä- niete ein gewisser Mut, eine Kraft, die fähig
ßigkeit, wie sie etwa einem ehrwürdigen Kirch- war, einem jeden Bauproblem, das die Zeit
hof zukommt, über unsere Straßen hereinbricht. bot, die künstlerische Antwort zu geben.
\ielleicht versprach das unsichere Durcheinander, Ricliardsons Mauerwerk-Bauten waren sehwerfäl-
das Ende der achtziger Jahre in der amerikani- lig und gar zu emphatisch; aber die Erfabrau-
schen Architektur herrschte, mehr als der äugen- gen, die er beim Bau seiner Kirchen, Bibliothe-
blickliche Zustand, obwohl jene frühere Periode ken und Bathäuser gemacht hatte, ließen sich
nur sehr wenige Bauwerke hinterließ, die wert ebenso für Bürohäuser und Fabriken verwerten;
waren, der Nachwelt erhalten zu bleiben, wäh- .. und er war der Mann, die Konsequenzen zu
rend, wie ich glaube, im letzten Jahrzehnt weni- ziehen.

ger positive Scheußlichkeiten geschaffen wurden, Das Peinliche in solchem Fall ist, daß in einer
als in irgend einem Zeitraum seit etwa i84o. Periode des Experimentiorens niemand den Er-
Noch vor ein paar Generationen durfte sich der folg im vorhinein zu garantieren vermag. Wo
amerikanische Architekt damit brüsten, daß seine keine Formel existiert, wo es noch keine scharf-
Bauwerke „Unika" wären, und man konnte ihm umrissene, abgelagerte Methode gibt, besteht die
darin nicht einmal Unrecht geben, denn sicher- Wahrscheinlichkeit, daß ein neues Gebäude etwas
lieh hatte es vor ihm niemanden unter der Sonne befremdend und bizarr wirkt. In der Tat bedarf
gegeben, der ähnlich unproportionierte, miserabel es, um sich an eine Form zu gewöhnen, einer
ausgeführte und so ungeeignet entworfene Ge- sehr gründlichen Neuorientierung; und je origi-
bäude ersonnen oder gebaut halte. Die Herr- naler das Kunstwerk ist, desto schwieriger wird
schaft des Schnörkels mit ihrer Zerrissenheil und diese Neuorientierung. Außerdem ist die Gefahr,
ihren Geschmacksverirrungen befreite jedoch den sich zum Narren zu machen und über eine Un-
amerikanischen Architekten von der sklavischen gehcuerlicbkeit in Entzücken zu geraten, in sol-
Ilingabe an hergebrachte Formen. Sie gab Män- chem Fall viel größer, als wenn es sich um das
nern wie Louis Sullivan und H.H. Richardson Werk eines Architekten handelt, der sich hübsch
Gelegenheit, neue Formen zu ersinnen, die unse- auf ausgetretenem Wege hält. So gewann denn
ren Wohnhäusern, unseren Bahnhöfen, unseren in den neunziger Jahren, die Furcht, sich lächer-
Kornspeichcrn, unseren Banken und unseren lieh zu machen, die ohne Zweifel durch die
Schulen eine harmonische Einheit verliehen. Das vorsichtige Zurückhaltung von Männern, wie
Auditorium Building und das Monadnock Buil- Hunt, Mc. Kim und White, nur verstärkt wurde,
ding in Chicago, das Pittsburger Gefängnis und immer mehr Boden bei dem amerikanischen Ge-
Gerichtshaus, das alle de Yinne-Gehäude in New schäftsmann: er wählte den sicheren Weg und
York sind einige Beispiele dafür, wie man gegen entschied sich für das Korrekle. Diese snobi-
Ende der achtziger und Anfang der neunziger stische Furchtsamkeit traf in glücklichster Weise
Jahre danach strebte, zu einer frischen und mit den Schulvorscbriflen der ßcole des Beaux-
lebendigen Architektur durchzudringen. Ichfuhre Arts zusammen, die in unseren amerikanischen
diese Gebäude nicht etwa als Zeugnisse einer Architektur - Akademien befolgt wurden. Der
schon erreichten Vollendung an; denn niemand klassische Stil in einer seiner zahlreichen Formen
wird wohl annehmen können, daß, was Material, faßte in der naiven, gesunden Note der amerika-
Funktion und Entwurf betrifft, ganz neue Pro- niseben Architektur Wurzel, und

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