Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

Page: 21
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1925_1926/0037
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INDUSTRIE UND ORNAMENT

VON GEORG MENDELSSOHN, DRESDEN-HELLERAU

Kluge Leute haben berechtigtes Miß- Anzahl dieser Kämme in der richtigen

trauen gegen den denkenden Künstler. Reihenfolge in seinem Haar befestigt, ist

Wenn diese Sorte Menschen sich auf das man gegen die Tücken dieser Unholde

Gebiet der Theorie begibt, handhaben sie sicher und kann mit einiger Ruhe seinen

meist deren feine Werkzeuge in einer höchst Geschäften nachgehen,
abscheulichen Art und Weise. Wenn wir die Fälle mit berücksichtigen,

Wir werden diesen Fehler vermeiden, wo Ornamente von einem Volk zum andern

indem wir gar nicht erst zu beweisen gewandert sind und dabei ihre Bedeutung

suchen, was wir aus ganz anderen Grün- verloren oder gewandelt haben und von den

den wollen und tun müssen, sondern wir schon erwähnten Erstarrungen durch Ira-

fangen an, frisch weg zu behaupten, wie dition können wir ruhig behaupten: die

folgt. Primitiven kennen nur Bilder, Mitteilungen,

Das Ornament ist das absolut Sinnlose. Beschwörungen, aber nichts von dem, was
Sinnlos entweder vom Standpunkt des Be- wir Ornament nennen.
Schauers oder von dem des Verfertigers: Ägypter, Vorderasiaten und Griechen
erstens bei fast allen Ornamenten der entwickelten aus diesem Material das heu-
Vorgeschichte und der Primitiven. Künst- tige Ornament - das Spiel der Linien und
ler und Liebhaber sehen in den vorge- Farben, das nichts anderes sein will, als
schichtlichen und völkerkundlichen Samm- erfreuliches Spiel. Das christliche Europa
lungen „fabelhafte Ornamente". Das heißt, und das islamitische Asien haben sich dann
abstrakte Spiele von Linien und Farben, jen- diesem Spiel mit so unerhörtem Erf er hm-
seits von Bedeutung und Inhalt. Der Fach- gegeben und so sehr seine letzten Moglicn-
mann belehrt uns eines Anderen.Jedes dieser keiten erschöpft, daß es heute für uns auch
Zeichen hatte einen Sinn, bloß wir verstehen nicht den allermindesten Reiz mehr hat.
ihn nicht - unbegreiflich die naive An- Es lohnt sich aber, die Motive zu prüfen,
maßung, so Fremdes ohne weiteres ver- die die Verfertiger und die Kaufer dieser
stehen zu können - manchmal verstand Dinge bewegt haben. Em Handwerker,
ihn der Verfertiger schon selbst nicht dessen Leben dadurch ausgefüllt wird jahr-
mehr. Er hatte nämlich das Muster von aus, jahrein irgendeine Gruppe von Gegen-
seinem Vater gelernt, und dieser wieder ständen anzufertigen, greift zum Zierat aus
von seinem Vater, und die Bedeutung war purer Langerweile. Ewig glatt und ewig
unterwegs unversehens verloren gegangen, gleich ist einfach nicht auszuhalten. Lin
weil nämlich die Inhalte durch Änderung Schnitt im Holz und irgend eine kleine Un-
der ganzen Vorslellungswelt - etwa durch regelmäßigkeit sehen aus wie eine 1; ratze ;
Einflüsse höherer Kulturen - an Lebens- er schnitzt die Fratze mal ganz fertig und
kraft und Wichtigkeit eingebüßt hatten. ein Vormittag ist auf die angenehmste
Unser Fachmann zeigt uns eine Reihe Weise vergangen - wenn sich namhchje-
geschnitzler Kämme, die mit unscheinbaren mand findet, der die Mehrarbeit schätzt
Stricben und Punkten verziert sind. Für und bezahlt. # #
uns ein schlichtes, durchaus angemessenes Und dieser Jemand findet sich in jeder
Ornament. Nicht so für den Insulaner. Für kapitalistischen Gesellschaft. Ein reich ge-
ihn sind es Blumen, und zwar jedesmal stickter Schal, eine kostbare Waffe sind
eine ganz bestimmte Blume. Aber damit nämlich ein Stück Kapital. Der Irager
nicht genug. Jede dieser Blumen hat die zeigt und sagt: für mich hat jemand mo-
Fähigkeit, die Einflüsse eines ganz be- natclang gesessen und gearbeitet,
stimmten Dämons von dem Träger fern zu Ein schönes Beispiel sind die vorder-
halten. Wenn man also eine genügende asiatischen Messing- und Kupferarbciten.

21
loading ...