Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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BUCHERSCHAU

LEWIS MUMFORD: Vom Blockhaus zum Wol-
kenkratzer. Eine Studie über amerikanische Ar-
chitektur und Zivilisation. Bruno Cassirer Ver-
lag Berlin. M. 9.—.

Bei dem lebhaften Interesse für alles Ameri-
kanische, das sich in dem gegenwärtig allent-
halben herrschenden Amerika - Import kundgibt,
erscheint die deutsche Übertragung von Mum-
fords „Sticks and Stones" zur rechten Zeit.
Dieses Buch — dessen Verfasser uns für das vor-
liegende Heft einen Beitrag über die Form in
der amerikanischen Zivilisation zur Verfügung
gestellt hat — schildert in einem knappen Um-
riß den Werdegang der amerikanischen Archi-
tektur von den primitiven Anfängen der neu-
englischen Dorfsiedlung bis zu den komplizierten
Gebilden der modernen großstädtischen Zentren.
Wobei unter Architektur nicht das einzelne Ge-
bäude verstanden wird, sondern „die ganze Schale,
die den Kern der Gemeinde umschließt", und die
Entwicklung dieser Architektur dargestellt wird
auf dem Hintergrund der jeweils herrschenden
Institutionen, die ihre Formen entscheidend be-
einflußt haben. Man erfährt, daß von den ersten
Ansiedlern eine eigene, durchaus bodenständige
Bauüberlieferung geschaffen worden ist, die von
den Puritanern zur höchsten Blüte getrieben
wurde. Sie brach zusammen unter dem Einfluß
der Renaissance und des wachsenden Imports
fremder Kunstformen, zu einer Zeit, als der
Schwerpunkt der ökonomischen Entwicklung
immer mehr vom Ackerbau zur Fischerei, von
der Produktion zum Handel, vom Land zu den
Städten verschoben wurde. Und sie wurde all-
mählich ersetzt durch einen schrankenlosen Eklek-
tizismus, als sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
die Realitäten eines geordneten Gesellschafts-
zustandes mehr und mehr aufzulösen begannen.
Der chaotische Zustand der modernen Architektur
erscheint dem Verfasser vollends als ein charak-
teristisches Abbild der herrschenden sozialen Un-
ordnung.

Eine solche Betrachtung der künstlerischen
Entwicklung vom soziologischen Standpunkt aus
erweist sich als außerordentlich aufschlußreich:
indem sie die Voraussetzungen aufzeigt, aus
denen allein eine gesunde Kunst gedeihen kann,
rührt sie an unsere eigensten Probleme. Die Ein-
stellung zu diesen Problemen läßt das gesunde
künstlerische Gefühl des Verfassers und sein
feines Verständnis für das Wesen der Archi-
tektur erkennen, das an zahlreichen Stellen des
Buches in geistvollen Bemerkungen von oft
aphoristisch zugespitzter Prägung zutage tritt.
Der mutig vorgetragene Frontangriff gegen die
Herrschaft der Maschine bekundet den akti-
vistischen Geist, aus dem das Buch entstanden ist,

und mit seiner Verhöhnung der Fortschritts-
fanatiker, deren ungeistige Art der Bildung einer
lebendigen Kultur im Wege steht, macht sich
der Verfasser zum Bundesgenossen jener lite-
rarischen Gesellschaftskritik, die wir aus Sinclair
Lewis Romanen kennen. So gibt dieses amüsant
geschriebene Buch mehr als nur eine Entwick-
lungsgeschichte der amerikanischen Architektur
(deren einzelne Etappen übrigens durch gut ge-
wählte Abbildungen charakteristischer Bauwerke
vortrefflich illustriert sind); es gibt auch Auf-
schluß über die Beschaffenheit des amerika-
nischen Geistes, und indem es uns im Spiegel
fremder Verhältnisse unsere eigenen Probleme in
zugespitztcsler Form vor Augen führt, lehrt es uns,
diese Probleme von einem neuen und aussichts-
reichen Standpunkt zu betrachten und zu be-
urteilen. W. C. B.

LEON DESHAIRS: L'art DScoratif Francais
1918—1925. Edition Albert Levy. Preis M. 26.—

In einem stattlichen Bande werden in l\5o
Aufnahmen Inneneinrichtungen, Einzelmöbel,
Badezimmer, bemalte und bedruckte Textilien,
Teppiche, Spitzen, Kunstschmiede- und Silber-
arbeiten, Keramiken, Gläser, Bucheinbände ge-
zeigt, die Frankreich in den Jahren 1918—1925
geschaffen und jetzt auf seiner Exposition Inter-
nationale des Arts Decoratifs et Industrieis Mo-
dernes ausgestellt hat. Der Generalkommissar
der Ausstellung, Fernand David, hat hierzu das
Vorwort geschrieben. Durch dieses vorzüglich
ausgestattete Werk wird denen, die nicht Ge-
legenheit hatten, die Pariser Ausstellung zu be-
suchen, nunmehr die Möglichkeit gegeben, die
Gegenstände, die das neue Frankreich hervor-
gebracht hat, kennen zu lernen. Die Auslieferung
für Deutschland erfolgt durch Christian Stoll,
Buchhandlung für Kunstgewerbe, Plauen i. V.

EDUARD KAPRALIK: Michel Blümelhuber, der
Stahlschnittm.eistcr in Stcyr. Rikola Verlag.

Dies eigenartige Buch ist einem seltenen Men-
schen und Handwerkskünstler gewidmet. Tech-
nologisch sind die hier besprochenen und in
5 2 Abbildungen vorgeführten Werke äußerst
interessant, treibt Blümelhuber doch ä jour-
Schnitte weiter aus dem harten Material als alle
früheren Zeiten und verarbeitet es zu feinstem
Schmuck, zu Gerät oder größerer Vollplaslik.
Künstlerisch vermag man sich dem begeisterten
Lob des Verfassers nicht anzuschließen, ist doch
die Form stets nur elektrisch. Sein Können
pflanzt Blümelhuber in seinem „Meisteratelier
für Stahlschnilt" in Steyr fort. Möge in seinem
Schülerkreis zu dem ungewöhnlichen Können eine
eigenständige Formgesinnung hinzutreten. A. H.

VERANTWORTLICH FÜR DEN INHALT: DR. WALTER CURT BEHRENDT, BERLIN W 35

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